Rathäuser von Friedrichroda - Teil 2
Das wahrscheinlich erste und das heutige Rathaus - der lange Weg in´s Heute

Das "alte Rathaus" - hier noch einmal zu seiner Blütezeit am Ende des 19. Jh.
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  • Das "alte Rathaus" - hier noch einmal zu seiner Blütezeit am Ende des 19. Jh.
  • Foto: alte Postkarte; gemeinfrei
  • hochgeladen von Peter Köllner

Vom „alten“ und vom „neuen“ Rathaus der Stadt Friedrichroda - Teil 2

Im ersten Teil konnte ich Ihnen einige überlieferte Erinnerungen zum ehemaligen Rathaus der einstigen Stadt Friedrichroda vermitteln. Inzwischen entschwindet diese Zeit immer mehr im Tal des Vergessens. Anknüpfend an die lebendigen Bilder aus unserer Vergangenheit möchte ich Weiteres berichten.
Der Brand des Rathauses (Hausnummer 50 in der Hauptstraße) geschah am frühen Nachmittag des 03. August 1904. Als Brandursache wurde ein defekter Schornstein angenommen. Das Feuer brach im Dachgeschoß des alten Rathauses aus. Der Rathausturm brannte wie eine Fackel. Nach einiger Zeit, das Dachgeschoß war schon fast vollständig ausgebrannt, griffen die Flammen auf die städtischen Verwaltungsräume über. Dieses Mal schafften es die schnell herbeigeeilten Helfer, das wertvolle Aktenmaterial fast vollständig zu retten. 14 Bedienstete der Ratskellergastwirtschaft verloren so ihre gesamte Habe und ihren Broterwerb.
Nach dem Brand wurde ein Großteil der geretteten Akten für kurze Zeit im „Stadthaus“ eingelagert. Das Stadthaus befand sich gegenüber dem Rathaus in der Hauptstraße. In diesem Haus war ehemalig die Turn- und Taxis´sche Postverwaltung untergebracht, die hier im Jahr 1868 das erste Telegraphenbüro eröffneten. Den Friedrichrodaern erschien es höchst unglaubwürdig, dass man durch die dünnen Metalldrähte mit der ganzen Welt in Verbindung treten könne, das sei doch wohl nur möglich, wenn dazu mindestens Metallröhren verwendet würden.
Als die Postverwaltung nun im Jahre 1885 in die „Neue Post“ (in der Haupstraße, das Haus, in dem heute die Stadtbibliothek beheimatet ist; Hier blieb sie bis 1901, als sie in das große Postgebäude, einen Backsteinbau,  in der Lindenstraße wechselte.)  umzog, verlegte die Stadtverwaltung mehrere Diensträume aus dem gegenüberliegenden Rathaus in dieses Gebäude. Mit dem Einzug der Polizeiwache, des "kleinen" Gefängnisses, des Standesamtes und des „Feldsenaters“, wurde es so zum Stadthaus mit Teilfunktionen des Rathauses.

Für unsere Stadt sind Feuer von jeher ein Gräul.

Bedingt durch die ländliche Bauweise unserer Stadt und ihrer heutigen Ortsteile waren die Gebäude oft Feuersbrünsten ausgesetzt. Die Bauweise der Schornsteine als Holzschornsteine ausgeführt, die Bedachung mit Stroh oder Holzschindeln, als auch die Verblendung der Außenhülle mit Brettern machte es erforderlich, dass schon in alten Zeiten Feuerstättenschauen abgehalten wurden. Schon in der Zeit, als Friedrichroda noch Klostereigen war, wurde der damalige Flecken zweimal in Menschengedenken von Feurersbrünsten (das geht aus einem Schreiben des Klosters von 1524 an den Fürsten Johann von Sachsen in Weimar hervor) heimgesucht und dabei stark zerstört. Das war auf jeden Fall nach dem Jahr 1209, als die Mönche dem Flecken das Marktrecht zugestanden hatten. Lange Zeit hat man sich gefragt, weshalb es so lange gedauert hat, bis Friedrichroda nach der Unterlassungsanordnung des Markrechtes in 1209 seitens Landgraf Hermans I. wieder aktiv war und das von alters her geltende Marktrecht erst 1594 erneut bestätigt bekommen hat. Das ist ein Sachverhalt, der bisher diesbezüglich nicht in Betracht gezogen wurde.

Dem Wüten der marodierenden Truppen während des „Großen Krieges“ (später der Dreißigjährige Krieg genannt) konnte aber alle Vorsicht nichts entgegensetzen.
Als nun im Jahr 1636 der „große Krieg“ auch Friedrichroda ereilte, zerstörte eine von plündernden Schweden entfachte Feuersbrunst fast ¼, also 25% der damaligen Bebauung. Zum Vergleich dazu wurde die Umgebung von Eisenach im Großen Krieg zu 90 % entvölkert und auch der Bebauung beraubt. Von 225 Feuerstätten (Gebäuden oder Höfen) in Altfriedrichroda wurden 57 zerstört. Viele Bewohner verbargen sich im Wald um einem Massaker zu entgehen. Damals wurde auch der ganze Stolz der Stadt, das älteste Rathaus, welches zur Klosterzeit errichtet worden war, ein Raub der Flammen. Es verbrannte mit allen darin befindlichen Urkunden und Akten. Als ob es nicht des Leidens genug war, kam im „Gepäck“ der Plünderer und Brandschatzer die Pest mit in unsere Bergstadt. Noch im selben Jahr waren etwa 100 Tote infolge der Pest zu beklagen. Das entsprach ca.10% der damaligen Bevölkerung.
Es gibt so gut wie keine bildhaften Aufzeichnungen mehr aus jener Zeit, bis auf eine, die mir zugänglich ist. Aus dieser heraus habe ich versucht eine schemenhafte Silhouette, welche in einer der ältesten Karten von Thüringen, der „Thüringen Mapp“ (von 1605) auftaucht, zu visualisieren. Es zeigt mit Sicherheit die Kirche mit dem alten Turm (dieser bekam erst ca. 1605 sein heutiges Aussehen) und das älteste Rathaus.
Während des Großen Krieges kam es über die Jahre hinweg wiederholt zu Plünderungen von Friedrichroda, Finsterbergen (1647 … hatten die Einwohner des Dorfes Finsterbergen das Unglück, dass sie von den „löwenhauptischen Truppen geplündert und gemishandelt wurden“) und den umliegenden Orten. 1647 zogen 100 schwedisch Reiter, nachdem sie zuvor offensichtlich in Finsterbergen einfielen, plündernd durch Friedrichroda in Richtung des Amts Reinhardsbrunn (nach der „Enteignung“ des Klosters war dieses in das Ampt Reinhardsbrunn mit dem Schloß umgebaut worden. Die Landesherren zählten sich seit dieser Zeit zu den Protestanten. Infolge dessen wurden die Untertanen Protestanten, wie ihr Landesfürst. „Wessen Brot ich eß, dessen Lied ich sing.“ oder auch „Wie der Herr, so das Gescherr.“ dies sind kennzeichnende Sprüche, die das Ergebnis des Augsburger Religionsfriedens passend beschreiben). Hier setzen sich die Truppen des Amtes zur Wehr. Ein Reiter der Schweden wurde erschossen. Die Schweden schafften es nicht ins Innere der Einfriedung (4 m hohe Mauer und am Fuß 1 m dick) vorzudringen oder das Tor mit einer Zugbrücke zu überwinden. Vor dem Tor war Wasser angestaut worden. Sie zogen weiter in Richtung Walterhausen.

Die Zeit des Großen Krieges war eine Zeit der Verwahrlosung des Gemeinwohls. Sitte und Recht, alle moralischen Werte verkamen im Elend und im Kampf ums Überleben. Es herrschte über viele Jahre hinweg eine kreatürliche Angst vor den „Lotterkerlen“. Diese Raubgesellen saßen gern in den heimatlichen Wirtshäusern (Friedrichroda war weithin bekannt für sein malziges Bier), fraßen und soffen sich dort die Hucke voll und sangen dazu ein Lied:

„Sobald die Bürger schlafen
und ruhen in der Nacht
so brechen wir in die Häuser
und stehlen große Tracht;
frisch auf, Soldat, frisch auf, Soldat,
Gott gebe zu stehlen
früh und spat!“

Für eine lange Zeit lag die Brandstätte des wohl ersten Rathauses der Stadt wüst. Erst mit dem Ende des Großen Krieges wandte man sich wieder dem Aufbau der Höfe und eines Rathauses an gleicher Stelle, wie dem Zerstörten, zu. Dieses wurde nun bis 1904 zur Heimstadt des Rates und der Verwaltung von Friedrichroda.

Auch dieses „alte Rathaus“ war nun nicht mehr. Der Stadtrat entschied, dass der Platz zu beräumen sei und nicht wieder mit einem Rathaus bebaut werden sollte.
Man entwickelte etliche Pläne, um einen angemessenen Ersatz für das verlorene Rathaus zu finden
Als Übergangslösung boten sich die Gebäude der Hauptstraße 35/37 (am Standort der heutigen Volksbank) an. Anfang August 1904 mietete die Stadtverwaltung die komplette 1. Etage für 1000,- Mark pro Jahr an. Unmittelbar darauf begann man mit der Suche nach einem neuen Bauplatz. Dazu erfolgte eigens eine Ausschreibung. Es gingen 10 Angebote ein. Letztlich war man sich aber, wie so oft, uneins, sodass der Neubau auf Eis gelegt wurde. Als mögliche Plätze waren z. B. der Standort der heutigen Gaststätte „Salt and Pepper“ und auch das Nachbargebäude des Stadthauses (heute das Gebäude mit dem Groschenmarkt) im Angebot.
Aus dieser Zeit ist auch eine Entwurfsskizze bekannt, die in einem Beiblatt der Friedrichrodaer Zeitung veröffentlicht wurde. Der Entwurf bezieht sich auf den Standort des damaligen Stadthauses.
In 1907 gab es dann ein Angebot des Kirchamtes. Diese boten die zwei Pfarrhäuser an der evangelischen Kirche gegen den Neubau eines Solchen an anderer Stelle durch die Stadt an. Der Stadtrat entschied dagegen.
So verging, auch bedingt durch den 1. Weltkrieg, wieder viel Zeit, bis man dann im Jahr 1922 das "Hotel National" für wenig Geld erwerben konnte. Das im Jahr 1903 erbaute Hotel  war in den Inflationswirren vakant worden und konnte für 2.000.000,- Mark (Inflationsgeld) erworben werden. Der Anlass für diesen Kauf war wohl der Brand des "Stadthauses" am 18. Mai 1922. Dadurch wurde die Arbeit der Stadtverwaltung erheblich behindert. Das zerstörte Gebäude wurde an Privat, zum Abriß für billiges Inflationsgeld, verkauft. Mit dem Erlös wurde ein Teil der Kaufsumme für das "Hotel National" aufgebracht.
Gedankenspiele in der heutigen Zeit zur Verlagerung von Verwaltungsaufgaben in ein neues Gebäude im städtischen, zeitweise unbebauten Zentrum (nach dem Abriss der Stadtbetriebe und des ehemaligen "Hotel Tourist“), fanden keine Mehrheiten. Zumindest das Kuramt, als Bestandteil der Stadtverwaltung befindet sich heute an exponierter Stelle im neu gestalteten Stadtzentrum gegenüber dem „Alten Rathausplatz“.

Auch heute noch befindet sich unser Rathaus im ehemaligen Hotel National. Das Rathaus wurde zwischenzeitlich grundlegend saniert.

Bald können wir das Hundertjährige Bestehen (in 2022) unseres "neuen" Rathauses feiern. Möge Gottes Segen auf dem Haus ruhen und die Handlungen des Rates im Interesse des Gemeinwohls von Weisheit geprägt sein.

Peter Köllner

verwendete Quellen:

  • Das Ampt Reinhardsbrunn … von 1660/1666
  • Geschichte des Klosters Reinhardsbrunn – von Lorenz G. Löffler, 2003 
  • die komplette Sammlung der "Friedrichrodaer Kalender" von 1905 bis 1933
  • Leben und Leiden während des Dreißigjährigen Krieges 1618 – 1648 von Martin Bötzinger; 1997
  • Geschichte und Beschreibung des Herzogtums Gotha von Joh. Georg August Galetti, 1780
  • Geschichte der gothaischen Landstädte, Marktflecken und Dörfer von Dr. August Beck, 1875

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Autor:

Peter Köllner aus Gotha

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