Erinnerungen
Der Tag eines Arbeitslosen

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Die Fotos haben nicht viel mit dem nachfolgendem Text zutun und den sollten wir auch nicht zu ernst nehmen. Aber wir wollen uns mal an die Zeit kurz nach der Wende erinnern, wo uns hier im Osten einige hoch motivierte Menschen aus den alten Bundesländern „uneigennützig“ den Wohlstand und das Glück bringen wollten. Man lehrte uns das Arbeiten, das Feilschen und das Handeln. Die DM war damals für viele das erstrebenswerteste Gut, egal was es kostete und wenn es den Charakter kostet.

Der Tag eines Arbeitslosen
10 Uhr: Aufstehen und Blick in den Spiegel
-Nanu, wer bist du denn? Acht Bier gestern Abend waren wohl doch zu viel. Kopfschmerzen hab ich auch noch, liegt bestimmt am Wetter. Da lassen wir das Frühstück mal lieber weg.
10 Uhr 15: Stellenanzeigen in der Tagespresse lesen
„Suchen dynamischen Verkäufertyp, der die Interessen unseres Unternehmens mit Biss und Durchsetzungsvermögen vertritt, und auch bereit ist die Grenzen seiner Belastbarkeit öfter mal zu übersteigen. Sie sollten jung, zuverlässig, gutaussehend, sportlich sein, bereit sein Überstunden zu leisten, sich gut in Wort und Schrift ausdrücken können, der englischen, französischen sowie der ägyptischen Sprache und Suaheli mächtig sein, die Fahrerlaubnis aller Klassen besitzen, Flugschein währe von Vorteil, den Schweißer-Pass und Staplerschein besitzen, über fundiertes Wissen der Weltgeschichte sowie der Naturwissenschaften verfügen, volles Haar und gesunde Haut haben, kein Übergewicht oder sonst ähnliche Krankheiten haben, höchstens 25 Jahre alt sein, mindestens 8 Jahre Berufserfahrung in 3 Branchen mitbringen, fungierte PC Kenntnisse haben und sich überdurchschnittlich mit Hard- und Software auskennen, mindestens 4 Programmiersprachen (z.B. Java, Pascal, Visual Basic, oder Shakespeare) beherrschen, auch mal ihre Familie vernachlässigen, die nächtlichen Erfolgsträume am Tag umsetzen wollen, unser Unternehmen als Heimat betrachten, ihr Bett mit in den Betrieb bringen, ihr Handy für ständige Erreichbarkeit ans Ohr kleben und möglichst wenig verdienen wollen.“
-Na gut, wieder leicht an meiner Person vorbei gewollt. Ich schreib trotzdem mal Bewerbungen hin.
11 Uhr: Nachsehen ob Post schon da ist
Zwei Bewerbungen sind zurückgekommen. Siebenunddreißig Zuschriften auf mein Stellengesuch, vier Rechnungen, diverse Werbung, Lottoscheine und Aufforderungen zur Teilnahme an der Süddeutschen sowie Norddeutschen Klassenlotterie sind auch noch dabei.
11 Uhr 5: Lesen der zurückgekommenen Bewerbungen
„Wir bedanken uns für ihr Interesse an unserem Unternehmen. Leider ist eine Einstellung zum jetzigen und zu einem späteren Zeitpunkt nicht möglich. Auf Grund der Vielzahl von Bewerbungen haben wir uns für einen anderen Bewerber entschieden, außerdem sind sie zu hoch qualifiziert, zu alt und ihr Foto hat uns auch abgeschreckt, Ihr Lebenslauf ist zu unspektakulär, sie sind leider viel zu ehrlich und sind für heutige Ansprüche an einen Arbeitnehmer viel zu normal.“
-Na gut, eine Versuch war’s wert, bin nun wieder auf den Boden der Realität zurück, außerdem habe ich ja noch 40 andere Bewerbungen laufen.
11 Uhr 30: Lesen der Anzeigenzuschriften
„ Sie haben inseriert und sind auf der Suche nach einer neuen Tätigkeit? Wir stellen Ihnen eine neuartige, geniale, noch nie dagewesene, alles in den Schatten stellende, super Geschäftsidee vor. Sie können nebenberuflich beginnen und innerhalb kürzester Zeit eine gesicherte Existenz aufbauen. Ein monatlicher Verdienst von anfangs 5 000 DM bis zu 30 000 DM ist bei uns normal und dies bei einem Aufwand von nur 2 Stunden am Tag. Leider können wir aus verständlichen Gründen auf keine Einzelheiten eingehen. Deshalb rufen Sie uns um einen Termin zu vereinbaren unbedingt sofort an. Sie brauchen keine Vorkenntnisse und Ihr Beruf spielt auch keine Rolle. Sie brauchen nur Ihre Verwanden und Bekannten mit Reinigungsmitteln, Körperpflegeprodukten, Plasteschüsseln, Versicherungen, Fonds, Wucherkrediten und unserer Geschäftsidee zu nerven. Wir bereiten Sie intensiv auf Ihre neue Aufgabe mit einem sektenähnlichen Animationstraining und einer leichten Gehirnwäsche vor. In Seminaren werden Sie regelmäßig nachgewaschen. Helfen Sie uns unsere Taschen noch voller zu machen. Sie haben nichts zu verlieren, außer Ihren Glauben an die Vernunft des Menschen und das Vertrauen ihrer Verwandten und Freunde.“
-Na gut, das gefällt mir, da ruf ich doch morgen mal an. Vielleicht brauch ich ja diesmal kein Eigenkapital und die Gesprächspartner bleiben auch mal auf den Boden.
12 Uhr: Werbung und Gewinnspiele lesen
„ Werden Sie Millionär oder sogar Multimillionär, erfüllen Sie sich Ihre geheimsten Träume, gewinnen Sie eine Weltreise, Ihr Traumauto, ein Eigenheim, werden Sie finanziell unabhängig, arbeiten Sie nie wieder, Ihre Chancen stehen so gut wie nie zuvor. Bei einem Einsatz von nur 299,99 DM steigen Ihre Gewinnchancen auf wahnsinnige 98%. Wenn Sie innerhalb von 14 Tagen antworten, haben Sie noch die einmalige Chance auf den Spurtpreis in Höhe von 25 000 DM. Außerdem erhalten Sie unsere High-Tech Stereoanlage in Form modernster Kopfhörer im Wert von 99 Pfennig als Geschenk. Gratis dazu gibt es außerdem noch unseren Kugelschreibautomat. Rubbeln Sie Ihre Gewinne, drei Autos, vier Reisen und 1 000 000 DM in bar frei, kaufen Sie dann unser Startangebot für nur 5 Mark und zahlen Sie sich danach dumm und dämlich. Sie nehmen automatisch an einer Scheinverlosung der freigerubbelten Gewinne teil. Nun sparen Sie noch bares Geld, indem Sie bei uns Lebensmittel kaufen, bei uns Möbel, hier Kühlschränke oder Waschmaschinen und dort Ihren neuen PC.“
-Na gut, das hört sich ja phantastisch an, dann kann ich ja auch endlich ohne Probleme meine Rechnungen vom Abwasserzweckverband bezahlen, oder die Energie, Versicherungen, Rundfunkgebühren, Steuern, das Benzin für mein Auto, meine Miete, Handyvertrag und und und. Nun brauch ich mir ja auch keine Gedanken darüber zu machen wie manche Rechnungen überhaupt entstehen, wie sie sich eigentlich zusammensetzen, oder warum diesen Monat diese oder jene Rechnung höher ist als im Vormonat, oder warum ich überhaupt für etwas bezahlen soll, für das ich gar keine Gegenleistung erhalten habe. Ich kann mit dem gewonnen Geld prima leben und vor allem auch mit dem durch meine Einkäufe gespartem Geld alles ohne Probleme bezahlen. Wieso soll ich mir da eigentlich noch Arbeit suchen? Das habe ich ja gar nicht mehr nötig. Nun gehe ich erst mal los und hole mir neun Flaschen Bier. Soviel Glück muss einfach begossen werden. Morgen früh stehe ich um 10 Uhr 30 auf und ein neuer Tag kann beginnen.

Thomas Rund

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