40. ­Todestag der Gothaer ­Künstlerin Hannah Höch, der Grande Dame des Dadaismus
Diese besondere Frau passte in keine Schublade

Hannah Höch gilt als eine der ­bedeutendsten Künstlerinnen der klassischen ­Moderne. Ihre Collagen wurden weltberühmt.
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  • Hannah Höch gilt als eine der ­bedeutendsten Künstlerinnen der klassischen ­Moderne. Ihre Collagen wurden weltberühmt.
  • Foto: Natali Schmidt
  • hochgeladen von Michael Steinfeld

Hannah Höch gilt als eine der ­bedeutendsten Künstlerinnen der klassischen ­Moderne. Ihre Collagen wurden weltberühmt. In Gotha, wo sie am 1. November 1889 zur Welt kommt, erinnert heute allerdings nur ­wenig an die Ausnahmekünstlerin des Dadaismus, deren Todestag sich am 31. Mai zum 40. Mal jährt.

Jährlich ehrt die Stadt im Namen ihrer bekanntesten Tochter Künstlerinnen aller Genres. In Sundhausen ist ein Weg nach ihr benannt. Am früheren Haus der Familie (18.-März-Straße) verkündet ein Schild: „In Gotha erfuhr sie ihre ­erste künstlerische Prägung.“

Auf Spurensuche:

Wer Hannah Höch sucht, stolpert automatisch über die gleich­namige Bücherstube mit Antiquariat direkt am Hauptmarkt. ­Knarzende Dielen, Bluesmusik, Bücher mit Aussage, Charakter und teilweise ein paar Jährchen auf dem Buckel. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert eine Institution in Gotha. Michael Ende hätte sich diesen Fleck auch nicht besser ausdenken können. Inhaber Andreas Zink, selbst ­unverfälschtes Original, ist ein Fan der Rebellin, wie sie Höch in jüngeren Jahren war. Wie sie die Aufbruchstimmung der 20er- und frühen 30er-Jahre gelebt hat, das imponiert ihm bis heute.

Aufbruch:

Der Familie mit vier jüngeren ­Geschwistern, dem gutbürgerlichen Leben, der Arbeit im Versicherungsbüro des Vaters – all dem kehrt Hannah mit 22 Jahren den Rücken, um in Berlin Kunst zu studieren. „Sie ist in ­einer Provinzstadt groß geworden, hat aber andere Ideen gehabt. Sie wollte weg, ausbrechen, aufbegehren – nicht nur künstlerisch, sondern auch vom Kopf her“, erklärt Andreas Zink.

Seltene Dadaisten-Dame:

Als Frau ist Hannah Höch wie ein Außer­irdischer in der sonst ausschließlich männ­lichen Dada-Bewegung. In der Szene wird sie geschätzt, aber zunächst nicht ernst genommen. „Doch sie hat sich als einzige Frau in der ­maskulinen Abteilung durchgesetzt“, bewundert Zink. Revolutionär ja, aber eine Feministin? Zink schüttelt den Kopf. „Das kann ich mir bei ihr nicht vorstellen. Sie war einfach andersherum – auch bei der Liebe.“

Bewegtes Privatleben:

Zink meint die gleichgeschlecht­liche Beziehung zur niederländischen Schriftstellerin Til Brugman. Rund neun Jahre leben, lieben und arbeiten die beiden Frauen zwischen den beiden Weltkriegen unter einem Dach.

Schon davor war Höchs Privat­leben alles andere als spießig. Sieben Jahre hält ihre erste Beziehung mit dem ­bereits verheirateten Raoul Hausmann. Durch ihn lernt sie die dadaistischen Zirkel Berlins kennen und entwickelt die Fotomontage als Kunststil. Die beiden durchleben den Ersten Weltkrieg, Hunger, Inflation.

1938 heiratet sie den 21 Jahre jüngeren Handelsvertreter und Pianisten Kurt Heinz Matthies, von dem sie 1944 geschieden wird. Auch hier scheint nichts normal: Wegen Exhibitionismus wird Matthies zu einem Jahr Haft und „Entmannung“ verurteilt. „Dichtung und Wahrheit“, kommentiert Andreas Zink schulterzuckend.

Haus im Grünen:

Mehr als 60 Jahre lang lebte die Thüringerin in Berlin. Hier hängt in der Nationalgalerie ihr wohl bekanntestes Werk von 1919: „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauch-Kultur­epoche Deutschlands.“ Die Foto-­Collage zeigt Künstler- und Politikerporträts, technische und Alltagsgegenstände sowie plakative Wörter aus Schlagzeilen.

Am Rande der Großstadt findet Hannah Höch 1939 ihr Refugium. In einem Häuschen mit Garten in Heiligensee lebt und arbeitet sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1978. Hier übersteht die von den Nazis als entartet eingestufte Künstlerin zurückgezogen den Zweiten Weltkrieg. Allein die Natur sichert ihr Über­leben, spendet Trost, Nahrung und Inspiration. In großen Kisten vergräbt sie heimlich Arbeiten der Künstlerfreunde.

„Sie ist in diesem Garten wirklich verschwunden“, bedauert Andreas Zink, der ihre spätere Arbeiten als lang­weilig empfindet. Dabei beginnt der Höch-­Hype erst so richtig ab den 60er-Jahren: Ausstellungen überall in der Welt, Berufung an die Akademie der Künste und Ehren­professur in Berlin. Künstlerisch festlegen wollte sich Hannah Höch nicht. Zu ihren Werken gehören Collagen, Fotomontagen, Gemälde, Grafiken und Aquarelle. Abstraktes findet Platz neben Porträts, Landschaften und Pflanzenbildern. In eine ­Schublade passen wollte sie nie. Nicht in der Kunst, nicht im Leben. „Dada hängt mir zum Halse raus!“, soll sie zwei Jahre vor ihrem Tod geklagt haben.

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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