Die „Monsters Of ­Liedermaching“ kommen nach Thüringen
Sechs Liedermacher, eine Band und Sitzpogo ums Lagerfeuer

Die „Monsters Of Liedermaching“ (von links): Rüdiger Bierhorst, Frederik Timm (Fred Timm), Jan Labinski (Labörnski), Peer Jensen (Pensen ­Paletti), Torsten Kühn (Der flotte Totte) und Jens Burger (Burger).
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  • Die „Monsters Of Liedermaching“ (von links): Rüdiger Bierhorst, Frederik Timm (Fred Timm), Jan Labinski (Labörnski), Peer Jensen (Pensen ­Paletti), Torsten Kühn (Der flotte Totte) und Jens Burger (Burger).
  • Foto: Florian Berger
  • hochgeladen von Michael Steinfeld

Mit ihrem ­neuen ­Album „Für alle“ kommen die „­Monsters Of Lieder­maching“ für ein Konzert nach Thüringen. „Monster“ Torsten Kühn, alias „Der flotte Totte“, erklärt im Interview mit AA-Redakteur Michael Steinfeld, warum sich die Band mit der Platte einen Herzenswunsch erfüllt hat.

Bisher waren all eure Alben Live-Mitschnitte. Jetzt habt ihr das erste Mal in fast 15 Jahren Bandgeschichte ein Studioalbum gemacht. Warum?
Naja, wir wollten mal einen Schritt weiter gehen. Immer wenn man Songs schreibt, hat man – ich sage es mal hochtrabend – Visionen im Kopf, wie das klingen könnte. Live ist immer direkt, als wenn man es den Kollegen vorspielt. Das ist ganz schön, aber irgendwie will man das auch mal arrangiert hören. Um die Bilder, die man im Kopf hat – ohne jetzt Sido zu zitieren – in die Realität umzusetzen. Und das haben wir uns jetzt mal gegönnt.

Ging das Live-Lagerfeuer-Gefühl dabei nicht verloren?
Überhaupt nicht. Für uns war es sogar noch mehr Lagerfeuer als sonst. Wir saßen nicht mit teuer eingekauften Studiomusikern herum, sondern mit Freunden, die super Musiker sind, aber halt Kumpels. Wir haben im Studio das gleiche gemacht wie auf der Bühne – nur halt mit weniger Leuten und ohne Publikum – beziehungsweise wir waren unser eigenes Publikum. Man könnte sagen, dass das Mikrofon im Studio das Lagerfeuer war, um das wir uns postiert haben.

Begleiten euch die Gastmusiker auch auf Tour?
Auf der Tour treten wir weiter zu sechst im Halbkreis auf und spielen wie gewohnt. Wobei wir nicht ausschließen wollen, dass wir so etwas nicht auch einmal ausprobieren wollen. Das hat uns schon ganz schön angefixt. Grundsätzlich sind die Monsters sechs und grundsätzlich sind wir eine Liveband. Das hat sich auch nicht verschoben. Aber man muss ja auch mal was ausprobieren. Wir sind mit der Platte ziemlich glücklich. Es ist die erste Studioplatte und das erste Album, das wir uns selber noch häufiger anhören. Wenn man sich live selbst so oft erlebt, dann hört man sich die Liveplatten auch nicht mehr an. Aber mit dem Studioalbum ist ein Traum in Erfüllung gegangen.

Also, muss es nicht das letzte gewesen sein?
Nö. Es war auch ein Schritt weit eine Befreiung, mal was auszuprobieren. Es war auch klar, dass dies von Hardcorefans bemängelt werden kann. Die Erwartungshaltungen sind oft sehr konservativ. Das kennt man ja selber als Fan. Die Europe-Fans wollen wahrscheinlich immer am liebsten „The Final Countdown“ hören und Nena-Fans stehen wahrscheinlich immer noch am meisten auf „99 Luftballons“. Aber es ist ja auch ganz schön, dass sich Künstler mal selber ausprobieren und sich selber glücklich machen.

Monster Of Liedermaching – man hört es schon im Namen ist Teil einer recht übersichtlichen Liedermaching-Szene. Wie unterscheidet sich diese von der Liedermacher-Szene?
Ach, in Wirklichkeit unterscheiden die sich gar nicht. Jede Musikrichtung braucht irgendeine Schublade. Das Liedermaching kam in einer Zeit mit dem Duo „Joint Venture“ zustande, als Liedermacher dermaßen out waren, dass die meisten Veranstalter direkt aufgelegt haben, wenn man nach Konzerten gefragt hat. Da ging es darum, ein bisschen zu zeigen, dass weniger Zeigefinger-Inhalte gespielt werden, sondern mehr Unterhaltungskunst und Rock wieder Fuß gefasst haben in dieser Songwriter-Szene. Wir haben auch Songs, die mal sehr balladesk sind, mal albernere Songs, mal punkigere, mal kritischere Songs, ein paar Blödelsongs. Und das gab es schon immer – ob das jetzt Reinhard Mey oder Insterburg waren. Das Spektrum ist gar nicht anders. Vielleicht von einer Generation, die anders sozialisiert wurde, ist das geprägt worden. Da kamen mehr Punk und Hip-Hop – das gab es in den 70ern noch nicht. Aber es soll keine Kampfansage sein an die Liedermacher, sondern mehr eine humorvolle Hommage.


Ganz kurzer Ausflug in die Bandgeschichte: 2003 wart ihr bei einem Hamburger Festival als Solo-Künstler gebucht, seid dann aber einfach gemeinsam aufgetreten. Also: Sechs Liedermacher, drei Bierbänke und gleichzeitig statt nacheinander auftreten. Das ist seit euerm ersten Auftritt mehr oder weniger auch heute noch euer Erfolgsrezept, oder?

Exakt so. Genauso wird es weiter praktiziert. Wir sind natürlich in den 15 Jahren als Band immer mehr zusammengewachsen. Jeder schreibt zwar seine Songs selbst. Das betrachten wir schon als Stärke, dass wir sechs autarke Songschreiber sind. Denn welche Band kann das schon von sich behaupten? Das macht die Sache vielseitig. Aber wir sind inzwischen so zusammengewachsen, dass wir auch mal zusammen arrangieren, dass die Chorsätze schon vorher gedacht werden und man nicht so alleine seinen Song vorträgt und die anderen ein bisschen dazu trällern, sondern er von der kompletten Band vorgestellt wird. Aber wir sind immer noch zu sechst im Halbkreis und an unserer Attitüde hat sich auch noch nichts geändert.

Wann bekommt ihr die Songs der anderen das erste Mal zu hören? Du hast mal gesagt, ihr probt eigentlich nie.
Das kann zu unterschiedlichen Gelegenheiten sein. Das kann mal auf einer Party sein. Das kann sein, dass man sich doch mal für ein Wochenende trifft und sagt, wir spielen uns mal Songs vor. Das kann aber auch auf der Bühne passieren, dass einer von uns seinen neuen Song vorspielt. Das ist dann ein ganz besonderer Moment und auch ein Alleinstellungsmerkmal. Bands mit verschiedenen Instrumenten, in der Songs gemeinsam gespielt werden, werden das wohl nicht machen. Zum Beispiel, dass Campino sagt, ich singe euch jetzt mal einen neuen Song vor – das geht halt nur bei uns. Das passiert immer häufiger. Oft entstehen auf Tour viele Songs.

Seid ihr nervös, wenn ihr euch die Nummern vorspielt?
Ja, klar, da ist man supernervös. Auf der Bühne ist es natürlich am schlimmsten, wenn man auch dem Publikum neues Material vorspielt. Aber wenn man dann auch noch den eigenen Bandkollegen das neue Lied gleichzeitig vorspielt, ist das schon ein heftiger Moment. Das kann auch nach hinten losgehen. Ist auch schon passiert, weil es echt ein Scheißsong war, wie sich dann herausgestellt hat. Dem möchte man sich als Profilneurotiker eigentlich nicht so gerne aussetzen. Es passiert aber. Und ich finde, ein bisschen Risiko gehört dazu.

Gibt es untereinander ein bisschen Konkurrenz, welche Nummern am besten beim Publikum ankommen?

Nö, man hat eher so einen sportiven Ehrgeiz. Dazu schätzen wir uns und unsere Fähigkeiten auch zu sehr. Das wäre jetzt Quatsch, wenn ich zum Beispiel versuchen würde, die beste Ballade zu schreiben und damit einem Kollegen wie Rüdiger Bierhorst das Wasser abzuschneiden, weil er einfach unfassbare Balladen schreibt, bei denen ich selber ins Schwelgen komme. Da bin ich nicht böse, sondern schwelge mit, wenn er den Song spielt. Aber natürlich versuche ich auch, da mitzuhalten mit dem, was ich kann. Nennen wir es monströses Qualitätsmanagement. Es ist auf jeden Fall kein neidzerfressener Ehrgeiz.

Gerade in deinen Songs ist sehr viel Text, sehr schnell gesungen. Hast du Tricks zum Textmerken?
Nein. Georg Kreisler sagte mal: Ist doch klar, dass ich die auswendig kann, ich habe sie doch schließlich auch geschrieben. Man vergisst auch immer mal wieder eine Zeile. Vielleicht ist das für einen Popsong viel Text. Aber wenn man es nicht im Kopf hat, erfindet man ein paar Zeilen. Der Vorteil ist, dass die anderen den Song noch schlechter kennen.

Du musst aber sehr deutlich singen – gerade bei den neuen Songs, die das Publikum nicht kennt, damit der Wortwitz auch herüberkommt.

Ja, das stimmt. Die Gefahr besteht natürlich. Wenn wir die Stücke neu vorstellen, spielen wir sie immer ein bisschen langsamer. Sie werden dann im Laufe der Zeit schneller. Wir haben zum zehnjährigen Jubiläum eine Best-Of-Platte zusammengestellt. Da war der Unterschied vom Tempo zwischen den Liveaufnahmen vom Debütalbum und dem Jubiläumsalbum schon ganz schön groß. Die Zeit wird ja mit zunehmendem Alter immer schneller. Vielleicht versucht man sich dem anzupassen.

In deinem „Türen“-Lied kommt auch – Vorsicht Wortspiel - Thüringen vor. Hast du sonst Beziehung zu Thüringen?
Also, ich war schon sehr, sehr oft in Thüringen. Meistens war ich in Erfurt. Ich habe 2001/2002 mit Vicki Vomit getourt, einer Erfurter Ikone. Ich habe dadurch Freunde dort gewonnen, habe auch eine Freundin, die in Gotha lebt.

Bei euch bekommt man noch was fürs Geld. 19 Songs auf einem Album. Die Menge an Nummern ist nicht untypisch für euch. Siebt ihr auch mal was aus?
Wir sind alle ein bisschen schwierig, wenn es darum geht, einen Song wirklich wegzuwerfen. Aber damit sind wir im Laufe der Jahre immer rigoroser geworden. Letztlich sind 19 Songs für sechs Songschreiber nicht so viel. Von jedem kommen drei Stücke auf die Platte. Bei den Livealben haben die Konzerte entschieden, ob ein Lied nachher drauf bleibt oder nicht. Da hat der Interpret nach zwei, drei Versuchen selbst erkannt: „O.k. Das war nix.“ Aber ausprobieren kann man ja erst einmal alles, außer alle sagen: „Der Song ist blöd, lass den mal stecken.“
Jetzt bei der Studioplatte hatten wir ziemlich viel Material. Vielleicht waren wir so angezündet, weil jeder im Hinterkopf hatte, wie derbe gut sich der Song arrangiert anhören würde. Da gab es allerdings auch Material, das nicht so glänzend ankam bei den anderen. Ja, wir haben immer mehr Material als nötig. Aber das ist nicht unserem Fleiß geschuldet, sondern der Tatsache, dass wir so viele sind, die Songs schreiben.

Auf deiner Facebookseite veröffentlichst du auch immer Videos mit kleinen Songs.
Die Flitzelieder. Die entstehen, wenn ich mal nicht schlafen kann. Das sind Ein-Minuten-Stücke, an denen ich nicht länger als eine halbe Stunde schreibe. Neulich habe ich bei Facebook auch mal gefragt: Was würde euch interessieren? Da habe ich ein Thema aufgenommen. Das sind Sachen, die könnte ich beispielsweise nicht auswendig. Das sind nur so Fingerübungen.

Für alle, die euch nicht kennen: Was ist Sitzpogo?
Das hat das Publikum für uns erfunden. Wir haben dem Kind nur einen Namen gegeben. Pogo ist eine im Punk gängige Tanzart, bei der man sich rhythmisch gegeneinander bewegt. Eine systemkritische Art, sich kennenzulernen. Bei schnelleren Stücken bewegte sich auf einmal unser Publikum auf den Stühlen. Es ist eine schöne Tanzart. Man tut sich nicht so weh, aber es sieht verdammt geil aus und es scheint eine befreiende Wirkung aufs Publikum zu haben, denn alle strahlen immer glücklich.

Wenn man so kurz vor einer Tour steht, achtet man dann mehr auf sich, damit man sich nicht noch eine Grippe einfängt?
Das nicht unbedingt. Aber es ist so, dass man kurz vor Tourbeginn immer so besonders in sich hinein horcht und das Gefühl hat: Oh, jetzt fängt das Kratzen im Hals an. Auf einmal tut alles so ein bisschen weh. Das kommt mit zunehmendem Alter. Man freut sich weniger, dass man jetzt wieder 14 Tage saufen kann, wie das so zu Anfangszeiten war. Es ist eher so, dass man daran denkt, weniger zu rauchen und mehr Gemüse zu essen. Es gibt auch Kollegen, die vorher mehr Sport treiben, um fitter auf der Bühne auszusehen. Zu denen gehöre ich nicht. Ich lutsche Halspastillen und jammere vielleicht noch ein bisschen mehr.

Zeitmillionär

Ihr habt alle nebenher diverse andere Projekte – wie bekommt ihr das parallel auf die Kette?
Grundsätzlich ist das nicht schwierig, weil wir uns mit unseren Konzerten limitieren. Das bietet automatisch Freiraum für andere Projekte. Als Individuum bei den Monsters bekommt man das mal besser und mal schlechter hin. Ich kann nur für mich sprechen. Es gab Jahre, in denen ich in der konzertfreien Zeit sehr viel gemacht habe. Jetzt gerade ist eher eine etwas maue Zeit. Das liegt aber nicht an den Monsters, sondern an mir selber. Im Grunde bieten die Monsters viel mehr Freiraum als jeder andere Job auf der Welt. Man ist ja Zeitmillionär als Künstler.

Du schreibst zum Beispiel nebenher - bisher Kurzgeschichten, arbeitest aber an deinem ersten Roman. Wie läuft es?
Der Roman stockt gerade ein bisschen. Seit einem dreiviertel Jahr schreibe ich eine regelmäßige Kolumne für die Monsters, die in unserem monatlichen Newsletter erscheint. Ich schreibe auch immer noch ein bisschen nebenher. Aber ich habe jetzt ungefähr sieben verschiedene Anfänge für meinen Roman. Ich sitze dran. Aber das ist mein Problem: Ich mache immer verschiedene Sachen parallel und kann mich dann ganz schlecht festlegen und nur das eine machen. Ich habe schon einmal Romane geschrieben, die wurden aber alle nicht veröffentlicht, was auch im Nachhinein ganz gut ist. Ich bin auf Solotour und habe noch eine andere Band. Und da hüpfe ich immer so hin und her. Bei einem Roman muss man einfach dranbleiben. Das verliere ich dann häufiger aus den Augen.

Du machst die Pressearbeit für die Band. Dabei gibst du auf eurer Bandseite an, müde von Social Media zu sein.
Natürlich sind Facebook, Twitter oder Instagram ganz lustige Schmankerl. Ich kann auch den Kick verstehen, wenn man ein direktes Erfolgserlebnis hat. Aber das hat alles keinen geistigen Nährwert. Das wirklich als sozialen Austausch zu betrachten, finde ich fragwürdig und schade. Vielleicht war es mal dazu gedacht, Informationen zu verbreiten. Aber Menschen sind leider so gestrickt, dass sie – egal was sie in die Finger kriegen – es zur Maßlosigkeit nutzen und um noch behäbiger zu werden.

Termin:
6.4. Stadthalle Gotha, 20 Uhr
www.monstersofliedermaching.de
www.stadthalle-gotha.de
www.youtube.com/user/DieMonsters

Autor:

Michael Steinfeld aus Erfurt

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