Das alte Stadttor
Was Reinhardsbrunn mit dem Tor von Friedrichroda zu tun hat

Schloss Reinhardsbrunn: Stahlstich, koloriert, um 1850, unbekannt;
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  • Schloss Reinhardsbrunn: Stahlstich, koloriert, um 1850, unbekannt;
  • Foto: priv. Sammlung von Walter Dawidowicz
  • hochgeladen von Peter Köllner

Nach dem Schlossbau in den Jahren ab 1599 kam es wiederholt zu markanten Umbauarbeiten. 1728 wurde wieder am Hohen Haus gearbeitet. Der gotische Giebel und auch die schlanke Spitze des Treppenturmes wurden abgetragen. Von den zuvor sieben vorhandenen Turmspitzen des Schlosses blieb lediglich eine übrig. Damals ging das auf alten Stichen erkennbare, malerische Aussehen des vormaligen Schlosskomplexes verloren. Nach dem Tode von Friedrich II. wurde es ruhig um das Schloss. Das Amt Reinhardsbrunn wurde im Jahr 1748 an das Amt Tenneberg angegliedert. Somit verließ auch der Amtmann den bis dato vorhandenen Amtssitz. Erst unter Herzog Ernst II. (1745-1804, war von 1772 bis zu seinem Tod Landesfürst des thüringischen Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg) wurde es in Reinhardsbrunn wieder lebendiger. Als Anhänger der Aufklärung liebte er die „Natur“ im Sinne Rousseaus. Beginnend ab 1780 wurde entsprechend seinen Intensionen der heute noch erkennbare, moderne „englische Garten“ angelegt. Das nahm natürlich etliche Jahre bis zu dessen Fertigstellung in Anspruch.

Der Sohn von Herzog Ernst II., der ernestinische Wettiner Emil Leopold August, Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg, verbrachte einen großen Teil seines Lebens in Reinhardsbrunn. Unter ihm entwickelte sich der Park immer mehr zu einer weithin beachteten Sehenswürdigkeit.

Auch der Bau des heute nicht mehr vorhandenen Parkhotels an dessen vormaliger Stelle geht auf ihn zurück.
Dessen Bau begann 1814. Es galt auch als Ersatz für das alte Gasthaus, das Büchighaus, am Büchig, nahe der Marienhöhle. Dem gegenüber befand sich der Schießstand. Die hiesigen Schützen wurden die Grün- oder auch die Büchigschützen genannt. Die Quelle des den Marderteich speisenden Baches speiste den Hausbrunnen des Gasthauses. Am Parkhotel war das Schießen nicht mehr gewollt, so dass sie sich ein neues Schießhaus unterhalb des Gottlobs, am heutigen Ende über dem Schreibersweg, erbauten.

Die aus Friedrichroda hinausführenden Straßen befanden sich seit Menschengedenken in einem erbärmlichen Zustand. Das Befahren dieser schmalen und steil über Bergeshöhen führenden Wege war schwer und lebensgefährlich. Durch das, wohl schon seit dem Bau der steinernen Kirche vorhandene alte Stadttor von Friedrichroda, führte über die Höhe des Klosterberges ein ebenso schlechter Fahrweg, dessen Ausbau in den Jahren 1831/32 veranlasst wurde.

Herzog Ernst I von Sachsen-Coburg und Gotha begann 1827 mit dem Umbau des Schlosses Reinhardsbrunn in seiner heutigen Ansicht. Wohl schon vor Ende des Amtssitzes benutzten die Friedrichrodaer Fuhrleute und Fußgänger, „um einen Abstecher zu machen“, den etwas kürzeren Weg“ durch das ehemalige Amt“, den heutigen Park. Mit dem Schlossumbau als auch weiteren Gartenarbeiten im Park wurde laut einem herzoglichen Befehl „jegliches Reiten und Fahren durch den Hof der vormaligen Amtsvogtei Reinhardsbrunn“ verboten. Als Ersatz für den verbotenen Weg wurde die Straße nach Friedrichroda „neu chaussiert“ und eine weitere neue Straße von Reinhardsbrunn nach Tabarz angelegt.
Nach Fertigstellung der herzoglichen Straße bis an die Grenze von Friedrichroda – Reinhardsbrunn sah sich der Rat der Stadt Friedrichroda gezwungen, seinerseits
diese Straßenbauarbeiten bis an den Ort weiter zu frühren. Geld zum Straßenbau war nicht vorhanden, doch schließlich gelang es dem damaligen tatkräftigen Bürgermeister Johann Georg Kirchner die Mittel durch die Aufnahme von 1865 Talern in Form von Kapitalien aufzubringen.

Unter Leitung des Ratsbaumeisters und Hessemüller Joh. Valentin Kirchner wurde am 26. Juni 1830 mit dem Straßenbau begonnen. Da die alte Straße ziemlich in der Höhe des heutigen Pertesweges über den Berg hinwegführte und die starke Steigung durch einen Bergeinschnitt beseitigt werden sollte, so mussten große Erd- und Steinmassen abgetragen werden. Über 3000 Fuhren Erde und Steine wurden abgefahren und 2.429 5/8 Cubikfuß Quadersteine (Sandsteine) gebrochen. Dieselben verkaufte man, den Cubikfuß für 2 Groschen. Zu dem Bau des Schlosses Reinhardsbrunn wurden 570 ½ Cubikfuß Quadersteine geliefert. Und dafür 47 Taler 13 Groschen gelößt. Insgesamt sind für Quadersteine, Mauersteine und gespitzte Steine 341 Taler, 11 Groschen vereinnahmt worden. Wöchentlich arbeiteten durchschnittlich 30 Arbeiter für einen täglichen Lohn von 5 Groschen. Außer diesen Arbeitern wurden Friedrichrodaer Bürger zum „Chaussee-Frohndienst“ herangezogen. Nach einer Verfügung des Amtes Tenneberg mußten jedem Handfröhner“ zur Aufmunterung“ täglich 1 Kanne, sowie jedem Anspänner 4 Kannen Bier verabreicht werden. (Quelle: Archiv)

Nach einer Bauzeit von ca. 1 ¾ Jahren war die Straße fertig und konnte am 7. April 1832 dem Verkehr übergeben werden.

Die Straßenbauarbeiten wurden vom Rat und dem Amtmann Jacobs vom Amt Tenneberg, der selbst der Stadt ein Kapital von 666 Talern für die Bauarbeiten geliehen hatte kontrolliert. Bei seinen Besichtigungen wünschte der Amtmann den Abbruch des alten Stadttores. Dieser Wusch erregte einen Sturm der Entrüstung in Friedrichroda. Keiner konnte sich von seinem alten Tor, dem einzigen vorhandenen Merkmal einer Stadt, trennen und man reagierte überhaupt nicht auf diese Zumutung des Rat Jacobs. Schließlich erschien der Amtmann am 13. Oktober 1831 persönlich im Rathaus und gab dem dort versammelten Stadtrat bekannt:
„... dass das alte und einzige Tor der Stadt nebst den darauf stehenden baufälligen und feuergefährlichen Thorhauses in welchem einige arme Leute, als Balthasar Bonsack (Valentin Sohn), Heinrich Scharf, die ledige Katharine Scharf und Martha Barth ungesund beieinander wohnen, sofort zum Verkauf angeboten und baldigst abgerissen werde, damit die Aussicht nach der Stadt und Chaussee gewönne.“

Dieser Anordnung gegenüber war der Stadtrat machtlos. Er musste sich fügen und beschließen: „Rathswegen konnte nun da, da die Notwendigkeit dieses erheischt nichts weiter dagegen bestimmt, sondern nur der Tag des Verkaufes anberaumt werden“. Drei Tage darauf, am Sonntag, den 16.10.1831, wurde der Bürgerschaft bekanntgegeben, dass nächsten Sonnabend das alte Tor meistbietend auf Abbruch verkauft werden sollte.

Der Tag kam, aber kein Friedrichrodaer gab ein Gebot ab. Doch alles Sträuben nützte nichts.

Es trifft ein nochmaliger Amtsbefehl ein, in dem die beschleunigte Abreißung des Tores gefordert wird. Der Stadtrat beschließt deshalb: “Selbst in den nächsten Tagen den Anfang damit zu machen.“

Unter Aufsicht des Ratsbaumeisters wurde am 20.10.1831 der obere Fachwerkaufbau des Stadttores, das sogenannte Torhaus und am 21.10.1831 das aus Sandstein gemauerte Tor abgerissen. „Am 21. Oktober vormittags 11Uhr wurde in Gegenwart des amtierenden Bürgermeisters Johann Georg Kirchner sowie des Stadtschreibers Held die drei am Stadttor in den Stein eingelassenen Urkunden sorgfältig abgenommen und auf das Rathaus in Verwahrung gebracht.“

Die alten Friedrichrodaer haben damals mächtig geschimpft und gewettert. Sie
fühlten sich in den Wirren durch all die Jahrhunderte hindurch hinter ihrem in der
Nacht geschlossenen Tor sicher und geborgen. War nachts das Tor geschlossen,
alle Schlagbäume an den übrigen Stadteingängen zugeschlagen und der
Nachtwächter schritt mit Spieß und Horn durch die Gassen des Städtleins, dann
konnte jeder Einwohner ruhig schlafen. Jetzt stand der Stadteingang offen und alles
Gesindel konnte nachts ungehindert in die Stadt kommen ... wehe uns! Es mag Jahre
gedauert haben bis diese „Offenheit“ zur Normalität wurde.

Quellen:
S. Löffler, Geschichte des Klosters Reinhardsbrunn, Ulenspiegel-Verlag, Franz-Ulrich Jenstädt und Salzmann-Buchhandlung Waltershausen
Aufzeichnungen des Ortschronisten Paul Hasert, 1944; priv. Sammlung P.K.
„Acta die Abreissung und Wegräumung des alten und einzigen Tores und des darauf befindlichen alten feuergefährlichen Thorhauses betr. Ao 1831.“ Gruppe 330/Akt.Nr. 5; städtisches Archiv Friedrichroda
„Belege zur Rechnung über den Chausseebau von Friedrichroda nach Reinhardsbrunn zu, bis an die Herrschaftliche Grenze. Geführt in den Jahren 1830, 1831 und 1832, angelegt im Jahre 1833 von dem Bürgermeister Kirchner.“¸ städtisches Archiv Friedrichroda

Autor:

Peter Köllner aus Gotha

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