Zukünftige Geschichtsforschung: Wer rettet die Festplatten?

Das ist das Deckblatt einer alten Gemeindeordnung aus Schwarzhausen. Die Zahl 1650 ist mit blauer Schrift drüber geschrieben worden. Möglicherweise ist das auch das Datum, an dem diese Gemeindeordnung von einer neuen ersetzt wurde.
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  • Das ist das Deckblatt einer alten Gemeindeordnung aus Schwarzhausen. Die Zahl 1650 ist mit blauer Schrift drüber geschrieben worden. Möglicherweise ist das auch das Datum, an dem diese Gemeindeordnung von einer neuen ersetzt wurde.
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Kürzlich habe ich in der Werkstatt meines Opas gekramt und dabei einen Schatz gefunden. In einem Schrank, in dem er Bohrer, Sicherungen und Kerzen aufbewahrte, lagen kleine gestapelte Heftchen, Fadenbindung, graues Papier. Ich dachte an Groschenromane, nahm eines heraus und entdeckte, dass sie handgeschrieben waren, mit einer Feder vermutlich. Außer der Jahreszahl 1748 und dem Ort Schwarzhausen konnte ich nichts auf dem Deckblatt entziffern. Innen waren auf den Seiten mehrere Spalten angelegt, eine enthielt Zahlen, eine andere Notizen - sah nach Buchführung aus. Es stellte sich heraus, dass mein Opa jahrhunderte alte Gemeindeakten bei sich gelagert hatte. Eine Gemeindeordnung von 1650 war ebenfalls dabei.

Solche Entdeckungen werden immer wieder gemacht. Auf Dachböden, in Rumpelkammern, in Kisten und Schränken lagert altes Papier. Es stört niemanden und irgendwann wird es entdeckt und schon aufgrund des Alters wird man den Dokumenten irgendeinen Wert beimessen und sie nicht wegwerfen wie die Zeitung von gestern. Papier überdauert Jahrhunderte, die Daten auf Festplatten nicht.

Goethes Briefe sind erhalten und werden ausgewertet, der Autor Heiner Müller soll jeden Notizschnipsel aufbewahrt haben – neues Material, für neue Forschergenerationen. Von jedem Buch und jeder Zeitschrift, die heute gedruckt werden, gehen zwei Pflicht-Exemplare an die Deutsche Bibliothek, die schon Lagerprobleme bekommt. 95.000 Buchtitel werden jedes Jahr in Deutschland veröffentlicht. Viel davon ist sicherlich Quatsch und hat es nicht verdient in das kulturelle Erbe der Menschheit aufgenommen zu werden. Die Deutsche Bibliothek ist demokratisch und wer will schon nach welchen Maßstäben entscheiden, was draußen bleibt.

Originalausgaben werden der zukünftigen Forschung im Überfluss zur Verfügung stehen – aber um das Begleitmaterial, um die Briefe und Notizen, die alten Manuskripte mit den Vorversionen berühmter Werke, muss man sich Sorgen machen, denn die Künstler von heute schreiben derlei Informationen auf neue Speichermedien. Gebrannte DVDs sollen es laut dem Wikipedia-Artikel zum Thema Langzeitspeicherung auf 30 Jahre bringen, eine CD-R mit 24k-Gold-Reflexionsschicht auf 100 Jahre. Doch was man dort abspeichert, ist schon vorselektiert – der Datenalltag findet auf der Festplatte statt und die hält im Schnitt 5 Jahre, wenn sie in Benutzung ist. Kurz vor dem Festplattenverfall hat dann meistens jeder schon einen neuen Computer gekauft und überträgt die Daten auf die neue Festplatte. Stirbt aber der noch nicht berühmte Autor, wandert der Computer oder die Festplatte bestenfalls in den Keller und jetzt gibt es nur ein kleines Zeitfenster, in dem die Bedeutung des potentiellen Künstlers erschlossen werden muss, damit sich dann jemand auf die Suche nach dem Nachlass und der Festplatte im Keller macht. Wer darauf hofft, irgendwann entdeckt und ein Thema für die Forscher zu werden, sollte seine Korrespondenz wohl in der Cloud abspeichern und die Passwörter dazu auf gutem, alten Papier notieren.

Autor:

Antje Hellmann aus Jena

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