Strategien zur Verarbeitung sind wichtig - Menschen würdevoll helfen
Arbeit im Kinder- und Jugendhospiz: Als Mitarbeiterin muss man mit vollem Herzen dabei sein

Mitarbeiterin Berit Rößler ist seit 5 Jahren in Tambach-Dietharz mit Herzblut dabei.
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Berit Rößler (48) aus Walterhausen pflegt liebevoll die Gäste im Kinder- und Jugendhospiz Mitteldeutschland in Tambach-Dietharz. Die gelernte Krankenschwester beschreibt, wie ihre täglich Arbeit aussieht und was ihr hilft, traurige Momente zu verarbeiten.

Wie lange arbeiten Sie beim Kinder- und Jugendhospiz Mitteldeutschland in Tambach-Dietharz?
Fünf Jahre sind das jetzt schon.

Und wie sind Sie zum Kinderhospiz gekommen?
Eigentlich hätte ich viel eher hier anfangen müssen. Ich war immer schon Krankenschwester. Bevor ich hier anfing, habe ich mehrmals den „Tag des offenen Kinderhospizes“ besucht und mich informiert. Immer wieder habe ich überlegt, kann ich das, oder kann ich das nicht? Ein ehemaliger Kollege ist ebenfalls hier im Team und hat mich immer wieder eingeladen. Am Ende war ich überzeugt von dem Gedanken, hier wirklich helfen zu können. Den Kindern und den Eltern eine schöne Zeit bei uns zu bereiten.

Hier ticken die Uhren anders. Was ist der Unterschied zur Arbeit im Krankenhaus?

Dass man sich hier wirklich auf die Kinder einlassen kann, dass man Zeit hat mit den Kindern. Auf der Station im Krankenhaus heißt es normalerweise: laufen, laufen, laufen. Von einer Infusion zur nächsten, keine Zeit für die Pflege. Gerade die psychische Seite der Genesung wurde dadurch stark vernachlässigt. Hier im Kinderhospiz kann ich viele Dinge geben, für die ich im Krankenhaus auf Station keine Zeit hatte. Gespräche zum Beispiel, mit Eltern und den betroffenen Kindern. Das trägt sehr dazu bei, dass sich unsere Gäste bei uns gut versorgt fühlen. Das gelingt in einem normalen Klinikbetrieb überhaupt nicht, dort leistet man eine Grundversorgung.

Wie waren die ersten Wochen hier?

Ich hatte nur eine kurze Einarbeitungszeit. Ich bin aber auch ein Typ, der schnell im Wasser schwimmt. Am Anfang musste ich trotz der meiner fachlichen Ausbildung ständig am Ball bleiben und dazu lernen, denn viele der Krankheiten sind sehr selten und teilweise nur wenig erforscht. Jedes Kind kommt mit seiner eigenen Geschichte und einem anderen Krankheitsbild zu uns. Zudem bringt es unter Umständen seine eigenen medizinischen Geräte mit. Da muss man sich erst einarbeiten, bei Vielem noch mal nachlesen. Von manchen Krankheiten hat man vorher noch nie etwas gehört, weil es nur wenige Fälle weltweit gibt. Das ist eine große Besonderheit hier.

Wie passiert auf der emotionalen Ebene?
Als ich den ersten Arbeitstag hier hatte, haben mich meine Kinder nach der Arbeit abgeholt. Und ich war für mich selbst sehr dankbar, dass ich gesunde Kinder habe. Auch wenn sie mal Rabauken sind, weiß man das viel besser zu relativieren, wenn man zugleich sieht, was die Familien hier für Schicksale haben. Im Laufe der Zeit war ich bei vielen Sterbebegleitungen zugegen. Das geht mir immer sehr nah. Viele Kinder versterben nicht an ihrer Grunderkrankung, sondern wegen des geschwächten Immunsystems an Lungenentzündungen oder Infekten. Das geht manchmal sehr schnell. Ich habe also sehr plötzliche Tode erlebt, aber auch lange vorbereitete. Kinder, von ihrem ersten Besuch bei uns bis zur letzten Begleitung.

Wie verarbeiten Sie das?

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich nehme das nicht mit nach Hause. Die Gedanken sind immer da. Bei der Stärke der emotionalen Bindung kommt es darauf an, wie oft man selbst das Kind in der Betreuung hatte. Die ist natürlich stärker, wenn man das Kind jahrelang versorgt hat. Wenn Kinder hier versterben, ist es für mich wichtig, dass die Rituale für uns eingehalten werden und erhalten bleiben. Dazu gehören gemeinsame Abschiedsfeiern mit den Eltern, sofern diese das wünschen. Unser Abschiedsraum ist für die Situation gedacht, wenn der Tod eingetreten ist. Für das Kind wird danach ein Blatt an unseren Baum im Gedenkzimmer geheftet und manchmal ein Buch gestaltet mit Bildern und Momenten aus dem Leben des Kindes. Auch Erinnerungen werden geteilt, Dinge, die typisch für das Kind waren. Diese Rituale sind für die Verarbeitung ganz wichtig.

Ist diese Arbeit wertvoll für Ihr eigenes Leben?

Ja, ich kann am Abend ruhigen Gewissens in den Spiegel schauen und sagen, dass ich dem Kind einen guten Tag verschafft habe. Das konnte ich in meinem früheren Job nicht mehr, wegen der Masse an Patienten, die man zu betreuen hatte. Ich bin Krankenschwester geworden, um Menschen würdevoll zu helfen. Genau das kann ich hier ausleben. Im Kinderhospiz zu arbeiten, ist besonders. Als Mitarbeiter muss man voll mit dem Herzen dabei sein, sonst geht es nicht.

Autor:

Kinder- und Jugendhospiz Mitteldeutschland in Tambach-Dietharz aus Nordhausen

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