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Sozialistischer Frühling auf dem Lande

Wo: Pionierlagerstraße, Pionierlagerstraße, 01824 Gohrisch auf Karte anzeigen
...gibt es tatsächlich. Gesehen in Papstdorf, Sachsen.
...gibt es tatsächlich. Gesehen in Papstdorf, Sachsen.
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Nachdem ich bei einem Kurzurlaub in Sachsen die Pionierlagerstraße und das DDR-Museum entdeckt habe, erinnerte ich mich an einen Kommentar von mir zum Thema Straßennamen in Thüringen, der zwar einige Jahre alt ist, aber offenbar an Aktualität nichts verloren hat:

"Sozialistischer Frühling auf dem Lande". Einst pries die DDR-Diktatur so ihre Zwangskollektivierung. Heute steht die Parole als Motto für einen Ausflug ins ländliche Thüringen. Als hätte es die jahrzehntelange Repression nie gegeben, künden viele Schilder von Einheit und Bodenreform, Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck.

Kommt man vom "Platz der Jugend" in die "Straße des Aufbaus", fragt man sich: Ist die SED noch an der Macht oder gab es gar kein Unrecht, keine Unterdrückung und keine staatliche Tyrannei?

Die historische Chance der friedlichen Revolution blieb ungenutzt. Statt die erkämpfte Freiheit als Beginn einer neuen Identität zu verstehen, ist viele Jahre nach der Wende mancherorts die Vergangenheit die Gegenwart. Opfer geraten in Vergessenheit. Die DDR wird verklärt und verharmlost. Dazu hat auch die SED-Nachfolgepartei beigetragen, die sich erst SED.PDS nannte, dann PDS, dann Linkspartei.PDS und jetzt eben Die Linke.

Mit neuem sozialistischen Populismus bewahrt sie das Erbe der Diktatur. Das kommunistische Déja-vu in Thüringens Straßen wurzelt aber auch in politischen Defiziten der Aufarbeitung. In Russland ist die KPdSU seit 1991 verboten, die NSDAP in Deutschland seit 1945. Für die SED aber gibt es kein Verbot. In Polen, Ungarn und Tschechien bestraft der Staat das Tragen kommunistischer Symbole, wer hierzulande Hammer und Zirkel spazieren trägt, ist allenfalls ostalgisch. Die Symbole der Tyrannei überleben auch in der Demokratie. Ein Armutszeugnis. Das war nicht immer so.

Auch wenn man Drittes Reich und DDR nicht gleichsetzen kann, so waren beide doch Diktaturen in unterschiedlicher Ausprägung. Nach 1945 verschwanden allerdings Namen wie "Memelstraße", "Hermann- Göring-Platz" und "Straße der SA". Die Wende kostete dagegen nicht allen Kommunisten ihr Denkmal. Zwar gibt es die Otto-Grotewohl-Schule nicht mehr, wohl aber Plätze und Straßen. Das zeigt: Die Aufarbeitung der DDR ist noch lange nicht abgeschlossen. Aufklärung in Schulen und Medien ist vonnöten. Neben Ostalgie mit Trabi und Ata sollten auch Stasi und SED ins Bewusstsein der Menschen rücken. Der sozialistische Frühling ist vorbei, die Ernte aber noch lange nicht vom Feld.

...gibt es tatsächlich. Gesehen in Papstdorf, Sachsen.
Die DDR-Fahne als Symbol der Diktatur, der Pioniergruß als Symbol der Gleichschaltung.
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