Heiligenstadt im Wandel der Zeit
Die Krypta der Heiligenstädter Martinskirche

Martinskirche Heiligenstadt Innenansicht der Krypta im Jahre 2013

© Thomas Schuster Heiligenstadt
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  • Martinskirche Heiligenstadt Innenansicht der Krypta im Jahre 2013

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Der älteste Teil der heutigen evangelischen Kirche „St. Martin“ ist die Krypta, deren Grundsubstanz auf die romanische Ringkrypta der Urkirche zurückgeht. Die Formen tragen den Stil des Übergangs zur Gotik. Mit dem Bau der heutigen Kirche wurde 1276 begonnen. In einem Ablassbrief Werner von Mainz steht: „daß die Stiftsgeistlichen nicht sowohl eine ganz neue Kirche von Grund aus einen neuen Chor aufführen und die übrigen Teile ausbessern wollten“. In einem Empfehlungsschreiben wurden die benachbarten Klöster aufgefordert, Geldsammlungen zugunsten des Neubaus zu sammeln. Johann Wolf schreibt: „um diese Zeit (1303) fängt man an, die Stiftskirche ad S. Martinum zu Heiligenstadt aus gesammeltem Almosengeld und Opfer wiederum, und zwar zum drittenmal aufzubauen“.

Walter Rassow deutet den Bau der heutigen Kirche so:

„Die Errichtung der Urkirche, vermutlich ein Holzbau, der, wie oben erwähnt, mit der Gründung der ersten Niederlassung, also im 9. Jahrhundert, entstanden ist, wäre die erste Baugründung. Diese mußte zur Übergangszeit, also für jene Gegend zu Beginn des 13. Jahrhunderts, einem bedeutenderen Bauwerke in Stein weichen, und von diesem Bauwerke ist die heutige Krypta erhalten. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß dieser Bau mit der Verleihung der Stadtrechte an den bisherigen Marktflecken, die der Erzbischof Siegfried II. um das Jahr 1227 vollzog, in Zusammenhang steht. Somit wäre der dritte „Aufbau“ die Gründung des heutigen Chorteiles der Kirche um das Jahr 1304, was den hochgotischen Formen dieser Gebäudegruppe durchaus entspricht.
Die eigentümliche Lage der Krypta unter dem Ostende eines Seitenschiffes gibt der Vermutung Raum, daß die Mittelachse der ursprünglichen Kirche nicht wie jetzt gelegen hat, sondern mit der Längsachse der heutigen Krypta zusammengefallen ist. Der Inhalt des oben erwähnten Ablaßbriefes des Erzbischofs Werner, der neben der „ganz neuen Kirche“ den „neuen Chor“ noch besonders aufführt, gibt der Vermutung weitere Nahrung, daß auffälligerweise der neue Chor nicht auf den Grundmauern oder in der Achse des bisherigen Bauwerks, sondern daneben verlegt werden sollte. Es scheint jedoch jedenfalls sehr unwahrscheinlich, daß schon bei Errichtung der Kirche des Übergangsstiles, die nicht, wie die heutige, alte Reste mit aufzunehmen hatte, ein so bedeutender, besonders weihevoller Bauteil in ein Seitenschiff verlegt worden wäre.

Wir können vielleicht noch einen Schritt weitergehen in unseren Rückschlüssen: das Außengelände liegt zwar heute etwa 1,20 m über dem Fußboden der Krypta und wenn wir dessen ursprüngliche Lage um eine durchschnittliche Steinschichthöhe, also 35 cm, tiefer annehmen, so läge das Außengelände 1,55 m höher. Wäre es nicht denkbar, daß zur Zeit der Erbauung jenes Gebäudeteiles das Außengelände wesentlich niedriger lag und die heutige Krypta den Ostteil jener damaligen Kirche darstellte? Eine zweischiffige Kirche mit 5,25 m Breite ist für die damalige Zeit und einen Marktflecken wohl nicht ausgeschlossen, und so wäre die nicht allzu wahrscheinliche Annahme aus der Welt geschafft, daß bereits die doch gewiß noch sehr kleine Kirche der Übergangszeit schon eine derart bedeutende Krypta und einen um 2,60 m erhöhten Chor gehabt hätte. Das jetzt vermauerte Portälchen, das dieselben Stilformen wie die Kryptafenster zeigt, wäre dann später am Westende der Kirche nur höher gerückt worden. Doch dieser zweite Rückschluß hat nicht die überzeugende Kraft des ersten, es sollte nur die Möglichkeit erwähnt werden.“

Bei den Sanierungsarbeiten der Kirche 1997 wurden die bislang vom Fußboden verdeckten Sockel freigelegt, dabei fand man noch zwei weitere, ältere Fußböden, die nach und nach von dem nächst jüngeren überdeckt wurden. Außerdem wurde eine Brandschicht gefunden, die auf eine Zerstörung der Kirche hindeutet. Die zweischiffige Krypta besitzt achteckige Kapitelle aus der Übergangszeit von Romanik zur Gotik. In einer Nische befindet sich ein Steinaltar, der durch eine Mittelstütze getragen wird.

Weitere Themen der Eichsfelder Heimatgeschichte auf www.schuster-heiligenstadt.de

Quellen: Johann Wolf: „Geschichte und Beschreibung der Stadt Heiligenstadt“ – 1800; Walter Rassow: „Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Heiligenstadt“ – Verlag Cordier 2002 – Bilder: © Thomas Schuster

Autor:

Thomas Schuster aus Heiligenstadt

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