Drei Generationen - ein Beruf: Raumausstatter
Ohne scharfe Schere geht auch heute nichts

Während Jasmin Traute – zukünftige 6. Generation – die moderne Dampfbügelstation   ­bedient, zeigt ihr Großvater Hermann Tresselt – 4. Generation –  wie nach dem Krieg gebügelt wurde. Mitte 5. Generation: Die Raumausstatterinnen Katja Tresselt-Traute und Jana Tresselt-John.
  • Während Jasmin Traute – zukünftige 6. Generation – die moderne Dampfbügelstation ­bedient, zeigt ihr Großvater Hermann Tresselt – 4. Generation – wie nach dem Krieg gebügelt wurde. Mitte 5. Generation: Die Raumausstatterinnen Katja Tresselt-Traute und Jana Tresselt-John.
  • hochgeladen von Ines Heyer

Es geht bei uns sehr farbenfroh zu, wir verarbeiten Stoffe in allen erdenklichen Materialien, Farben und Mustern zu Gardinen, Übergar­dinen, Rollos, Sonnenschutz, Kissen oder Tischdecken“, sagt Jana Tresselt -John. Die gelernte Raumausstatterin liebt es, die verschiedenen Stoffe durch ihre Finger gleiten zu lassen und mit ihrer Nähmaschine kreative Ideen umzusetzen. In fünfter Generation leitet sie gemeinsam mit ihrer Schwester Katja Tresselt-Traute das Familienunternehmen Raumaus­statter Tresselt in Gehren – die Ursprünge reichen hier bis in das Jahr 1874 zurück.

Das älteste Familienmitglied ist heute Hermann Tresselt (78). Er schaut immer noch gerne in dem Geschäft vorbei und hilft hier und da mit aus. „Die Arbeit heute ist kein Vergleich zu früher. Moderne Nähmaschinen und Bügeleisen erleichtern die Arbeit ungemein. Was aber immer geblieben ist: Ohne eine scharfe Schere zum Zuschneiden der Stoffe geht auch heute nichts“, erklärt der Senior. Er erinnert sich noch gut daran, dass in der Nachkriegszeit mit allen verfügbaren Materialien versucht wurde, etwas Schönes daraus zu gestalten. „In unseren Arbeitsräumen lagen alte Fallschirme. Diese Stoffe in Beige und Erdtönen wurden dann zu Übergardinen umgearbeitet. Um sie aufzuwerten, ­wurde mit Spitze verziert. Genäht wurde mit einer per Fußpedal betriebenen Nähmaschine. Zum Bügeln mussten dann zuerst glühende Kohlen in das schwere Handbügeleisen eingefüllt werden. Ein nasses Leinentuch zwischen Stoff und Bügeleisen sorgte dafür, das der Stoff nicht beschädigt wurde. Das Bügeln war eine richtige Kunst. Verarbeitet wurden nur natürliche Materialien, wie Baumwolle, Leinen oder Seide. Erst mit der Erfindung der Kunstfasern in der DDR in den 60er-Jahren kam dann ein großer ­Wandel“, erinnert sich Hermann Tresselt.

Das Lager füllte sich mit riesigen Ballen, denn Stores waren jetzt für jeden erschwinglich. Das Problem war nur, genügend zu bekommen. Fast wöchentlich ging es auf Touren mit dem eigenen Auto zum Großhandel nach Suhl, Pößneck, Schmalkalden oder Weimar – immer in der Hoffnung, möglichst viel zu bekommen. Denn nur das was im eigenen Lager war, konnte auch verkauft werden. Diese Probleme kennt Jana Tresselt-John heute nicht mehr. Eine Musterauswahl aus mehr als 1000 Stoffen hat sie vorrätig. Maßgenau kann sie dann am PC von jedem Stoff – auch europaweit – die gewünschte Menge bestellen. „Und wenn es nur 2,50 Meter sind, es ist alles möglich.“

Durch die große Auswahl ist heutzutage die Beratung viel aufwändiger geworden. „Genau wie mein Vater früher, fahre ich zu den Kunden und messe aus. Ich mache dann Vorschläge, wie die Fenster gestaltet werden können, suche eine Vorauswahl an Stoffen aus. Bei Gardinen muss ich den Faltenfall immer im Hinterkopf haben, denn Muster und Falte müssen eine Einheit bilden. Jedes Material verhält sich dabei anders. Ich habe ein gutes Auge dafür, wie verschiedene Stoffe auf kleinen und großen Flächen wirken und welche Farben gut miteinander harmonieren“, sagt Jana Tresselt-John.

Doch nicht nur der Umgang mit der Nähmaschine ist ihr gut vertraut. Sie hantiert auch sicher mit der Bohrmaschine, bohrt beim Kunden Löcher für Gardinenstangen oder Plissees und hängt alles fertig auf. „Bis zur Wende haben wir jede Gardinenleiste noch selbst nach Maß angefertigt, eben aus den Materialien, die es in der DDR gab“, sagt Hermann Tresselt. „Gardinenstangen aus Holz mit Holzringen waren absolute Mangelware. Nur wer sich eine drechseln lassen konnte, hatte das Glück, eine zu bekommen. Das ist lange Vergangenheit.“

Den Beruf des Raumaus­statters wird es immer geben, da ist sich der Senior sicher. In den Startlöchern steht bei den Tresselts bereits mit Jasmin Traute die sechste Generation. Die Schülerin der 8. Klasse hilft jetzt schon in ihrer Freizeit gerne mit aus, näht Kissen oder eine Tasche, hilft beim Bügeln oder im Lager. Die Ader zum Gestalten liegt ihr im Blut.„Ich kann mir gut vorstellen, nach meinem Schulabschluss eine Lehre als Raumausstatter zu beginnen.“

Autor:

Ines Heyer aus Saalfeld

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