Heat Hypothesis
Schlechte Stimmung? Streit? Könnte an der Hitze liegen

Draußen lacht die Sonne, daheim hängt der Haussegen schief. Und keiner weiß so richtig warum. Kleinigkeiten werden plötzlich zum riesengroßen Streitthema. Unterhaltungen werden auf einmal mit bissigen Anspielungen gespickt. Aber warum? Forscher haben sich auf die Suche gemacht und sind zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen: die Hitze ist schuld.

Das Wetter beeinflusst unsere Stimmung. Doch schönster Sonnenschein muss nicht unbedingt zu guter Laune führen. Im Gegenteil: Die sogenannte Heat Hypothesis besagt, dass Hitze aggressives Verhalten fördert. Viele Forscher haben dieses Phänomen untersucht und das Thema teilweise sehr kreativ angepackt.

Faaahr doch da vorne du A***! – Hitze und Straßenverkehr

Bereits 1986 veröffentlichten Douglas T. Kenrick und Steven W. MacFarlane eine Studie, die zeigte, dass Hitze uns beim Autofahren beeinflusst. Ihr Studienaufbau war schon etwas gemein: bei glühender Hitze ließen sie in Phoenix, Arizona, eine Frau in einem Datsun 200SX die Grünphase der Ampel ignorieren. Die gute Frau stellte sich insgesamt 75x bei „rot“ an, und fuhr bei „grün“ einfach nicht los. Die Forscher versteckten sich in der Nähe und warteten ab, was passiert. Das Ergebnis: je heißer und schwüler das Klima war, umso aggressiver und häufiger wurde gehupt. Der Zusammenhang war besonders auffällig bei männlichen Autofahrern mit offenem Fenster und ohne Klimaanlage. Laut Studie war das Hupen auch häufig mit Beschimpfungen und beleidigenden Gesten verbunden. Hut ab für die Frau, die das alles über sich ergehen ließ!

Sport, wenn die Sonne knallt? Macht offenbar auch keine Freude

Die Auswirkungen der Hitze machen sich auch beim Sport bemerkbar. Craig und seine Forscherkollegen kämpften sich 2016 durch die Statistik der National Football League (NFL) in Amerika. Die Daten von 2326 Footballspielen zeigten, dass die Zahl der verhängten Strafen ansteigt, wenn es heiß ist. Allerdings gelten diese Zahlen nur für die Heimmannschaft, welche dann nämlich ihre Aggression an der Gastmannschaft auslässt. Und das will was heißen bei einer eh schon körperkontaktbetonten Sportart wie Football. Dass dieser Effekt auch beim Baseball zu beobachten ist zeigten Krenzer und Splan anhand der Statistiken von Baseballspielen zwischen 2010 und 2015. Man bedenke: Die Spieler haben hier einen Schläger in der Hand!

Auch Polizisten sind nur Menschen

1994 testeten drei niederländische Forscher den Effekt von Hitze auf Polizisten. Alle Polizisten mussten ein Schießtraining mit einer bestimmten Simulation absolvieren. Einige davon durften den Test in einem klimatisierten Raum absolvieren, andere in einem geheizten. In der Simulation wurden die Polizisten zu einer Hütte gerufen, weil dort ein Einbruch gemeldet worden war. Wenn die Polizisten die Hütte betraten kam ihnen ein Mann entgegen, der sie mit einer Brechstange bedrohte. Die Forscher beobachteten die Reaktion der Polizisten. Laut dem Gesetz der Niederlande wäre das Erschießen des Mannes keine angemessene Handlung, da keine Lebensgefahr besteht – man könnte der Brechstange ja ausweichen. Was die Polizisten in der klimatisierten Situation auch taten. Die Polizisten die ihre Simulation bei 27°C absolvieren mussten hingegen neigten viel häufiger dazu, die Waffe zu ziehen. Doch nicht nur das: sie beschrieben das Verhalten des Täters auch als bedrohlicher und aggressiver als ihre Kollegen.

Es zeichnet sich ein Muster ab

Zu solchen Ergebnissen kommen Studien immer wieder. Forscher haben tendenziell heißere Länder mit klimatisch viel kühleren Ländern verglichen und festgestellt, dass in den heißen Ländern statistisch betrachtet häufiger Gewaltdelikte vorkommen. Andere Studien stellten fest, dass in den wärmeren Monaten häufiger Gewalttaten verübt werden als in kühlen, egal wo das Land liegt. Die Hitze verändert also nicht nur die Natur, sondern auch uns. Wenn Ihnen das nächste Mal jemand wütend hinterherhupt oder es Stress mit den Nachbarn gibt, dann wissen Sie: es liegt nicht an Ihnen. Zumindest nicht unbedingt.

Dieser Artikel bezieht sich auf folgende Publikationen:
Anderson, C. A. (2001). Heat and violence. Current directions in psychological science, 10(1), 33-38.

Craig, C., Overbeek, R. W., Condon, M. V., & Rinaldo, S. B. (2016). A relationship between temperature and aggression in NFL football penalties. Journal of Sport and Health Science, 5(2), 205-210.

Kenrick, D. T., & MacFarlane, S. W. (1986). Ambient temperature and horn honking: A field study of the heat/aggression relationship. Environment and behavior, 18(2), 179-191.

Krenzer, W. L., & Splan, E. D. (2018). Evaluating the heat‐aggression hypothesis: The role of temporal and social factors in predicting baseball related aggression. Aggressive behavior, 44(1), 83-88.

Vrij, A., Van der Steen, J., & Koppelaar, L. (1994). Aggression of police officers as a function of temperature: An experiment with the fire arms training system. Journal of Community & Applied Social Psychology, 4(5), 365-370.

Das Bild ist von RyanMcGuire – Pixabay (CC0 Creative Commons Lizenz)

Autor:

Josephine Ludwig aus Ilmenau

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