Heilig's Blechle! Wenn Josephine Ludwig und Stefan Löhl aus Großbreitenbach aneinander geraten

Blick aus dem Skoda "Felicia", Baujahr 1998, mit dem Josephine in Kranichfeld unterwegs sein wird.
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  • Blick aus dem Skoda "Felicia", Baujahr 1998, mit dem Josephine in Kranichfeld unterwegs sein wird.
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Familiäres besprechen Josephine Ludwig und Stefan Löhl meistens dann, wenn er bis zur Hüfte in einem Motorraum verschwindet und sie mit störrischen Heck­klappen kämpft.

Beide sind leidenschaftliche Stockcar-Fahrer. AA-Redakteurin ­Jana Scheiding hat das Paar in seiner Großbreitenbacher Schrauberwerkstatt besucht.

Stockcar-Fahren ist nichts für Menschen, die an ihrer Karosse jedes ­Stäubchen wegpolieren und jeden Kratzer tränenden ­Auges begutachten. Das ­Hobby ist etwas für harte Kerle – und Mädels. Sind sie mit ihren Stockcars auf der Strecke, geht es ordentlich zur Sache. Da wird gerammt, geschubst und gedrängelt, was das Zeug hält – oder in diesem Fall das Blech. Manches in mühevoller Feinarbeit aufgebaute Schmuckstück kehrt dann mit schlimmen Blessuren in die heimatliche Werkstatt zurück.
Das bedeutet aber nicht, dass Stockcar-Fahrer ihr Gefährt nicht lieben. „Wenn man ein Fahrzeug aufgebaut hat und es fährt einem gleich einer rein, dann tut das schon weh“, sagt Stefan Löhl. 2002 wurde der Triebwerksmechaniker von dem Stockcar-Virus infiziert und hat vor einiger Zeit sogar Freundin Josephine Ludwig damit angesteckt. Familiäres wird also weniger daheim vor dem Fernseher als in der kleinen Werkstatt im Herzen Großbreitenbachs besprochen, wo die beiden nach Herzenslust schrauben dürfen. Etwa 500 Stunden jährlich fließen in das Hobby, schätzt der 31-Jährige.

Was brennt und splittert, kommt raus. Was sicher ist, kommt rein

Soll ein Gebrauchtwagen zum Stockcar umgebaut werden, gibt es eine Menge zu tun. „Man baut alles ab, was unnötig ist, brennt und splittert“, erklärt Löhl. „Hinein kommt, was Sicherheit bringt. Zum Beispiel ein Überrollkäfig, damit die Fahrer sicher sind, wenn das Fahrzeug umfällt und Blechteile eingedrückt werden.“
Außerdem müssen die Anhängerkupplung entfernt und der original Tank verlegt werden. Maximal 30 Liter Volumen darf er nach dem Umbau haben. Die scheibenlosen Fenster erhalten Gitter, um die Insassen vor Steinschlägen zu schützen. Die Heckklappe ist unnötiger Ballast, während die Kühlerhaube bleiben muss, „damit der Dreck nicht in den Motorraum gelangt.“
Japanische Autos seien als Stockcars besonders ­geeignet, weiß Stefan Löhl. „Das sind oft Gewinnerautos, sie erbringen auf der Strecke die meiste Leistung.“ Doch auch sie verschleißen, wenn sie in den Rennen hart rangenommen werden. „Schwachstellen bei den Fahrzeugen sind die Antriebswellen, weil es durch unebenes, schlammiges Gelände geht. Jeder Fahrer hat, wenn er zum Rennen fährt, mindestens zwei Ersatzwellen dabei.“
Auf dem Parcours mag es Stefan Löhl lieber matschig als staubig – auch wenn der Schlamm Visier und Armaturenbrett einsaut. „Das ist gerade die Herausforderung: Ich kann mit dem Stockcar an meine eigene und die Leistungsgrenze des Fahrzeugs gehen – das ist im Straßenverkehr nicht möglich.“

Schneller als es scheint

Bis an die Leistungsgrenze zu gehen, hat Partnerin Josephine noch nicht ausprobiert, sie sieht sich eher auf dem Beifahrerplatz. Im von Stefan frisch aufgebauten Skoda ­Felicia startet sie diesen Samstag beim Stockcar-Rennen in Kranichfeld mit ihrer Schwester. „Wir fahren nicht so langsam, wie es die Zuschauer empfinden“, erzählt die Studentin für Kommunikationswissenschaften. „Auf der Strecke müssen wir ziemlich umsichtig sein. Während meine Schwester sich aufs Fahren konzentriert, behalte ich die anderen Fahrer im Auge: Wer kommt von hinten, wer von der Seite. Da ist man schnell abgedrängt oder bleibt im Schlamm stecken.“
Sollte dieser Fall eintreten, wird Stefan Löhl wie ein Ritter herbei eilen – allerdings nicht hoch zu Ross, sondern mit seinem orangefarbenen Subaru Impreza, den er in der kleinen Gemeinschaftswerkstatt als Schleppfahrzeug aufbaute. „Die Strecke zu beräumen, ist schon lange mein Traum“, sagt der junge Mann. Dafür verzichtet er gern auf das ungewöhnliche Fahrgefühl hinter Gittern. Aber nicht für immer.

Zur Sache: 

• Stockcar ist eine Kollisionssportart, bei der Drängeln und Schubsen erlaubt und ausdrücklich erwünscht sind. Eingesetzt werden ältere Gebrauchtwagen.
• Um 1930 in Amerika und Neuseeland etabliert, kam sie 1970 nach Deutschland und Mitte der Neunziger nach Thüringen. Rennen werden unter anderem in Bayern, Sachsen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern ausgetragen.
• Gefahren wird auf einem unebenen, etwa 500 Meter langen Rund- oder Ovalkurs in verschiedenen Klassen.
• Das Stockcar Racing Team Großbreitenbach und der MSC Kranichfeld laden am 19. August in den Steinbruch Rittersdorf bei Kranichfeld zum Rennen ein. 10 bis 18 Uhr Rennen, ab 20 Uhr Party im Festzelt für jedermann. Tagsüber begehbares Fahrerlager. Start in den Klassen Klein, Mittel, Groß, Heck und Frauen.
• Nachnennungen sind vor Veranstaltungsbeginn noch möglich.

Autor:

Jana Scheiding aus Arnstadt

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