Männer aus Jena ab 27. Juni zum DNA-Test aufgefordert
„Es tut gar nicht weh!“

Polizeisprecherin Steffi Kopp beschäftigt schon viele Jahre der Fall Bernd Beckmann. Sie steht vor dem Regal, in dem die rund 100 Aktenordner zum ungeklärten Mord an dem Jenaer Schüler aufbewahrt werden.
  • Polizeisprecherin Steffi Kopp beschäftigt schon viele Jahre der Fall Bernd Beckmann. Sie steht vor dem Regal, in dem die rund 100 Aktenordner zum ungeklärten Mord an dem Jenaer Schüler aufbewahrt werden.
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Auch 25 Jahre nach dem Mord an Bernd Beckmann beschäftigen sich Kriminalisten mit diesem Fall. Die Umstände, unter denen der neunjährige Junge aus Jena im Juli 1993 zu Tode kam, werden seit dem Herbst 2016 noch einmal detailliert in der Sonderkommission „Altfälle“ untersucht.

In der Soko arbeiten 20 Polizeibedienstete. Sie ist an die Landespolzeiinspektion Jena angeschlossen. Bereits im März dieses Jahres konnte sie einen großen Erfolg verbuchen. Damals wurde der mutmaßliche Mörder von Stephanie Drews festgenommen. Er soll das Mädchen aus Weimar im August 1991 getötet haben.

Im Mittelpunkt der Ermittlungen zum Mord an Bernd Beckmann steht derzeit ein anonymer Brief. Eine der zentralen Fragen ist: Wer hat ihn geschrieben? Um das herauszufinden, werden ab dem 27. Juni von einem bestimmten Personenkreis Speichelproben angefordert.

Über die Aktion gibt Steffi Kopp Auskunft. Die Polizeihauptkommissarin ist Pressesprecherin der Landespolizeiinspektion Jena.

Frau Kopp, wie viele Männer müssen eine Speichelprobe abgeben?
500 Männer wurden von der Sonderkommission vor einer Woche angeschrieben. Wir haben sie gebeten, eine Speichelprobe abzugeben. Zur Entnahme wurden vier Termine im Stadtteilzentrum Lisa in Jena-Lobeda/West festgesetzt.
Warum nur Männer?
Die DNA, die uns vorliegt, ist männlich.

Woher stammt die DNA?
Sie wurde an einem Umschlag und der Briefmarke eines Briefes gefunden, der der Soko „Altfälle“ vorliegt. Der Brief ist nunmehr durch die Soko erneut bewertet worden. Er gibt bedeutungsvolle Hinweise zu den Umständen, wie der Junge damals zu Tode gekommen sein könnte. Der Brief ist Bestandteil von rund 100 Aktenordnern, die in den vergangenen 25 Jahren zu diesem Fall angelegt wurden.

Aufgrund welcher Basis wurden die 500 Männer ausgewählt?
Sie alle wohnten oder hielten sich im Jahr 1993 im Umfeld jenes Bereiches auf, wo Bernd letztmalig gesehen und am 18. Juli 1993 nicht weit entfernt tot aufgefunden wurde.

Können Sie nähere Angaben zum Brief machen?
Der Brief wurde Ende Juli 1993 an die damalige Sonderkommission nach Jena geschickt, nachdem in der MDR-Sendung „Kripo live“ über diesen Fall berichtet wurde. Er war von Beginn an in den Akten. Der Brief wurde mit der Hand geschrieben, die Briefmarke mit Speichel befeuchtet, ebenso der Klebefalz. Mit der heute verfügbaren Technik konnten wir an beiden Stellen DNA sicherstellen.

Was steht genau in diesem Brief?
Darüber kann ich aus ermittlungstaktischen Gründen keine Angaben machen.

Kann der Mörder selbst den Brief geschrieben haben?
Um es deutlich zu sagen: Wir suchen den Briefschreiber nur als Zeugen, weil er womöglich noch mehr über Bernds letzte Stunden weiß.

Sie haben 500 Männer angeschrieben. Was passiert, wenn jemand keine Speichelprobe abgibt?
Im Anschreiben werden alle Adressaten belehrt, dass die Speichelprobe freiwillig ist. Es handelt sich um keinen Massen-Gentest. So etwas wird nur initiiert, wenn ein Tatverdächtiger ermittelt werden soll. Das ist hier nicht so.Uns ist es wichtig, mit dem Zeugen ins Gespräch zu kommen. Wie weiter verfahren wird, wenn einer der 500 unserer Bitte nicht nachkommt, darüber hat die Staatsanwaltschaft zu entscheiden. In der Endkonsequenz kann man die Abgabe einer Speichelprobe richterlich anordnen lassen.

Der Brief wurde handschriftlich verfasst. Ihre Hoffnung ist es auch, dass jemand diese Schrift erkennt. Könnte diese aber auch verstellt worden sein?
Das ist gut möglich. Die Untersuchung bei einem Graphologen läuft parallel zum DNA-Test.

Wie läuft ein DNA-Test ab?
Mit einem Wattestäbchen wird ein Abstrich im Mund vorgenommen. Das geht schnell und tut auch nicht weh. Man kennt das Prozedere ja aus Fernsehkrimis. Die Auswertung dauert in der Realität aber länger.

Wann Liegen erste Ergebnisse vor?
Das wissen wir noch nicht.

Was passiert mit den Daten der 500 Männer?
Diese werden nach der Untersuchung auf Übereinstimmung mit der DNA am Brief vernichtet.

Zur Sache

Beschreibung von Bernd Beckmannam Tag seines Verschwindens
Bernd Beckmann war 1,40 Meter groß, mittelblond und schlank.Er war am 7. Juli1993 bekleidet mit einer langen hellblauen Stoffhose, einen weißen T-Shirt mit Aufschrift, einer dunkelblauen Jacke und braunen Sandalen.
Der Neunjährige war das mittlere von drei Geschwistern und besuchte die Fichteschule in Jena-Süd.

Termine zur Speichelentnahme
im Stadteilzentrum Lisa, Werner-Seelenbinder-Straße 28a in Jena-Lobeda/West

Mittwoch, 27. Juni, 9 bis 19 Uhr
Samstag, 30. Juni, 10 bis 18 Uhr
Sonntag, 1. Juli, 10 bis 18 Uhr
Dienstag, 3. Juli, 9 bis 18 Uhr
Die Vorladung und ein Personaldokument sind vorzulegen.

Chronologie der Ereignisse
+ Bernd kommt am 6. Juli 1993 aus der Schule nach Hause. Dort stellt er seinen Ranzen ab, allerdings vor und nicht ¬– wie sonst üblich – in der Wohnung.
+ Vielleicht aus Angst, weil er zu spät nach Hause kommt, setzt sich das Kind in einen Bus und fährt nach Lobeda/West. Dort wohnen seine Großeltern. Im Bus kommt er mit einem Ehepaar ins Gespräch und erzählt auch von Sorgen, die er in der Schule hat.
+ Die Großeltern sind noch im Urlaub. Der Junge steht vor verschlossenen Türen. Sie wollen erst am nächsten Tag zurückkommen, aber das weiß der Enkel nicht.
+ Letztmalig wird Bernd Beckmann am 6. Juli, gegen 22 Uhr in Lobeda/West an der Kreuzung Emil-Wölk-Straße/Stauffenbergstraße gesehen.
+ Zu jener Zeit hat die Mutter ihn schon als vermisst gemeldet. Erste Suchaktionen laufen.
+ Am 18. Juli 1993 finden spielende Kinder die durch sommerliche Temperaturen schon stark verweste Leiche von Bernd am Saaleufer in der Nähe der Gärtnerei Boock. „Gewalt gegen den Hals“ wird als Todesursache angegeben. Vermutlich wurde er vorher missbraucht.

Hinweise erbeten
Für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens an Bernd Beckmann führen, hat die Staatsanwaltschaft Gera eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro ausgesetzt. Kontakt unter:
Tel. 03641/811678 oder
per E-Mail an SokoAltfaelle.Jena@polizei.thueringen.de

Autor:

Simone Schulter aus Weimar

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