Auf den Bühnen der Stadt Jena
Ernst Haeckel: onstage und backstage

Bühne für Haeckel in der Sonderausstellung
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  • Bühne für Haeckel in der Sonderausstellung
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Ernst Haeckel, vor 100 Jahren in Jena verstorben, rückt uns nah.
"Jenakultur", der Jenaer Kunstverein, die Universität, das Phyletische Museum u.a. Institutionen lenken seit Anfang des Jahres unsere Aufmerksamkeit auf das Leben und Wirken dieses besonderen Mannes, der Jena so sehr liebte, dass er es" lebendig nicht mehr verlassen wollte". Damals hatte Jena 7000 Einwohner und er war stadtbekannt.
Eine interessante und anschauliche Ausstellung im Stadtmuseum "Göhre" zeigt Ernst Haeckel wie er war: auf den Bühnen, aber auch hinter den Bühnen unserer Stadt. 

Onstage: der öffentliche Haeckel

In der Schulzeit wurde uns im Biologieunterricht viel über Haeckel und seine Bedeutung vermittelt und Jenas Bewohner werden durch das hier befindliche "Phyletische Museum" immer wieder auf seine Spur gebracht.
Ernst Haeckel hatte in Berlin und Würzburg Medizin studiert, wurde Doktor der Medizin. Im Alter von 27 Jahren kam er nach Jena, wo er zunächst Dozent an der Uni wurde und 1862, also ein Jahr später, sein erstes Buch "Die Morphologie der Stahlentierchen" veröffentlichte. Später wurde er ordentlicher Professor. Haeckel war Zoologe, Naturforscher, Philosoph, Verbreiter und Weiterentwickler von Darwins Evolutionstheorie, den er 1866 persönlich in London trifft, Zeichner, Entwicklungstheoretiker, Entdecker der einzelligen Ur-bzw. Strahlentierchen unter dem Mikroskop.  Besondere Faszination übte auf ihn die Schönheit der Meerestiere aus; er erforschte Kalkschwämme, Korallen und eine Vielzahl von großenteils von ihm neu entdeckten Quallenarten, welche er mit besonderer Leidenschaft zeichnete. 

Quallen werden auch Medusen genannt.

Medusa war in der griechischen Mythologie einmal eine schöne Frau. Mit seinen bunten Zeichnungen inspirierte Haeckel die Maler des Jugendstils und noch heute sind manche unserer Taschen, Tapeten und Kleider mit Ornamenten und Formen ausgestattet, die Haeckels Feder zu entspringen scheinen. In seinem Wohnhaus hängt ein von ihm entwickelter Stammbaum der Organismen, an dessen Spitze der Mensch steht. Haeckel war vom einheitlichen Ursprung aller vielzelligen Organismen überzeugt und diese seine Erkenntnis gehört heutzutage zum in der allgemeinbildenden Schule vermittelten Grundwissen!
Haeckels urgemütliches Arbeitszimmer in der Berggasse 7 mit seinen im Original erhaltenen Möbeln, Zeichnungen und Büchern wird von einer an die Decke gemalten Meduse mit langen Tentakeln gekrönt.
Berühmtheit über Deutschlands Grenzen hinaus erlangte Ernst Haeckel durch seine im Ergebnis unzähliger Reisen entstandenen Veröffentlichungen : "Generelle Morphologie der Organismen", "Die natürliche Schöpfungsgeschichte", "Die Lebenswunder", " Kunstformen der Natur" und "Welträthsel" . Dieses Werk wurde in 25 Sprachen übersetzt. Hier greift er kirchliche Dogmen an und propagiert seinen Monismus (Einheit von Materie und Geist) als naturwissenschaftliche Weltanschauung. Haeckel gründete das Phyletische Museum mit dem Ziel, der Öffentlichkeit seine Abstammungslehre zu veranschaulichen und zu offenbaren. Dessen Direktor war er bis 1909. Im selben Jahr trat er aus der Kirche aus, was infolge seiner wissenschaftlichen Ansicht von der Entstehung des Menschen nur logisch erscheint.

Backstage kann man Haeckel neu entdecken 

als trauernden Witwer,  (seiner Frau Anna Sethe, die 2 Jahre nach der Hochzeit starb, verewigte er im Namen einer besonders schönen Scheibenqualle, der Desmonema annasethe), als pflichtbewussten Ehemann für seine 2. Frau Agnes Huschke, mit der er drei Kinder hatte. Neu für mich war, dass er eine gemütskranke Tochter (Emma) hatte, die in einer Kureinrichtung bei Gera lebte und die er beim Amtsgericht Ronneburg entmündigen ließ.
Dies finde ich besonders deshalb interessant, weil Haeckel in seinen Veröffentlichungen zur Schöpfungsgeschichte eine Klassifizierung in niedere und höhere Menschenarten vornahm und für ihn die Tötung behinderter Babies als legitim galt. Nazideutschland bezog sich später bei der Durchführung seines Euthanasieprogramms auf seine Vorstellungen.
Der liebende Vater schrieb der entfernt lebenden Emma viele herzliche Briefe, wie in der Ausstellung bewiesen war.
Haeckel war auch Wanderer (gern lief er vom Bahnhof Apolda nach Jena, zur Burgauer Brücke, zum Plateau auf der Ammerbacher Platte zu seinem Lieblingsplatz), streitbarer Gesprächspartner, als Wissenschaftler und Freund in seiner Zeit anerkannt; verehrt von Mitgliedern verschiedenster Vereine und der Stadt Jena, die ihm im Jahr 1908 den  Ehrenbürgertitel verlieh. 
Am 9. August, genau an seinem 100. Todestag, bot das Stadtmuseum Jena kostenfreie Führungen an. Mit fachkundiger, lebhafter Begeisterung wurde den Besuchern von der Vermittlerin sein Leben und Wirken nahegebracht.

Haeckel als Jenenser

Übrigens hat sich Haeckel selbst als Jenenser bezeichnet, wie aus einem in der Ausstellung veröffentlichten schwärmerischen Brief zu entnehmen war. 
Den Stolz, "Jenenser" zu sein, tragen noch heute alle in Jena geborenen und hier gebliebenen Erdenbürger in sich.
Die Schau " Kunstformen der Natur" schließt bereits am 11. 08. 2019
- die Sonderausstellung "HAECKEL on stage in Jena!   " ist bis 08.09.2019 zu sehen.
Aber Jena bietet noch viel mehr Haeckel:
- im Universitätshauptgebäude UHG wurden bis Juni 2019 restaurierte   Kunstschätze aus der Sammlung der Uni gezeigt, u.a. ein antiker Kastentisch als Geschenk an Haeckel (siehe Fotos)
- Sonderausstellung im Phyletischen Museum mit 200 lebensechten  Medusen-Modellen aus Kunstharz, Original-Präparaten, Fotos, Videos und Zeichnungen von Haeckel, zu sehen bis Ende 2020
- Wohnhaus und Arbeitsstätte Berggasse 7, die "Villa Medusa", die  allerdings derzeit wegen Sanierung geschlossen ist. Sie befindet sich 5 Minuten zu Fuß hinter dem Phyletischen Museum  (siehe Fotos).
Wer der Persönlichkeit Ernst Haeckel näherkommen möchte, kann sich auch über diese Links informieren:
Artikel in "Die Welt": "Der Künstler, der die Natur neu erfand"
Biografie tabellarisch
Fabelwesen Medusa in griechischer Mythologie
MDR aktuell: Sanierungsarbeiten am Haeckelhaus

Autor:

Astrid Lindner aus Jena

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