Rudolstädter Stadttheater zieht regionales Publikum an - zu Recht!
Kreuzigung, Stalinismus und der Traum vom guten Menschen

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Als Kind der DDR las ich in den 80ern bereits Bulgakows Buch "Der Meister und Margarita"; mit mäßigem Erfolg, denn es war "schwere Kost".  Bulgakow springt zwischen zwei Zeitebenen - dem Römischen Reich und der Stalinistischen Diktatur, in der er lebte, hin und her. Jesus predigte Nächstenliebe und rief die Menschen auf, gut zu sein, auch zu ihren Feinden. Der neue sowjetische Mensch wurde von Lenin und den russischen Revolutionären erdacht (der Arbeiterführer Trotzki schrieb: "Der Mensch wird unvergleichlich stärker, klüger, feiner werden...") und ca. 30 Jahre später als Leitbild in das Erziehungswesen der DDR übernommen.
Warum setzt sich Bulgakow schon ab 1928 mit dem neuen Menschenbild auseinander? Weil Leitbild und Wirklichkeit schon damals so überhaupt nicht zueinander passten.
Auf beeindruckendste Weise zeigt das Ensemble des Rudolstädter Theaters, welche gesellschaftlichen Erscheinungen (Korruption, politische Säuberungen, die Rolle der Psychiatrie...)  ihn schon damals am Traum vom guten Menschen zweifeln ließen. Es ist ein Genuss, zuzusehen und zuzuhören. Erinnerungen an fast schon vergessene Melodien und Parolen aus DDR-Zeiten wurden wieder wach und lösten Beklemmungen in mir aus, z.B. beim Agitationszug der Stalinisten ("Agit Prop"= Agitation und Propaganda) oder berührten mich wehmütig, z.B. beim Chorgesang russischer Lieder. Der Teufel, der hier mal (wie auch im "Faust" ) ungewollt das Richtige tut, ist absolut glaubwürdig und seine beiden Assistenten Korojew und Kater Behemoth begleiten auf galant- witzige Weise durch das Stück. Meine Augen saugten sich an den überzeichneten Bewegungen beider fest, sobald sie die Bühne betraten. Die hypnotisierende Kliniksdirektorin und der Pfleger Glinka zogen mich ähnlich in ihren Bann, ohne dass sie mich auch nur einmal angeguckt hätten! Die gewählten künstlerischen Mittel, die treffende Musik (z.B. der Walzer von Chatschaturjan aus der Suite "Masquerqade", der auf dem Literatenball des Teufels erklang, und die überragenden schauspielerischen Leistungen, ob Haupt- oder Nebenrolle, fesselten und faszinierten mich über die gesamte Spielzeit und mir wurde am Ende des Abends bewusst, dass das Theater Rudolstadt mit Mensching und Winde ein echter Tipp für gutes "Vollbluttheater" ist, das es regelmäßig aufzusuchen lohnt.
https://www.meinanzeiger.de/jena/c-kultur/fette-schwarze-katze-mit-glatze-und-auf-stoeckelschuhen-gesehen-in-jenas-kulturarena_a30666
"Der Meister und Margarita" Kulturarena Jena: Meine Rezension zum Auftaktspektakel 2013

Autor:

Astrid Lindner aus Jena

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