Dr. Wolfgang Haak erforscht die Gene der Europäer
Lichtbildarena in Jena am 4. November: Wir alle sind Migranten

Im Reinraumlabor wird fossiles Material untersucht. Aus pulverisierten Knochen extrahieren später Forscher die DNA, um die Funde genetische analysieren zu können.
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  • Im Reinraumlabor wird fossiles Material untersucht. Aus pulverisierten Knochen extrahieren später Forscher die DNA, um die Funde genetische analysieren zu können.
  • Foto: Antje Wissgott
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Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir? Mit diesen zentralen Fragen beschäftigt sich Dr. Wolfgang Haak. Der Archäogenetiker ist Leiter der Forschungsgruppe Molekulare Anthropologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Am 4. November spricht er in einem öffentlichen Vortrag über „Die genetische Herkunft der Europäer“. Vorab erläutert der Wissenschaftler fünf Fakten zum Thema.

1: „Das Holstein-Rind stammt aus dem Nahen Osten.“

Vor etwa 8000 Jahren kam es in Europa zu großen Umwälzungen. Die Menschen waren nicht mehr länger als Jäger und Sammler aktiv, sondern wurden sesshaft, betrieben Ackerbau und Viehzucht. „Lange Zeit fragte man sich, ob die neuen Ideen und Technologien gewandert sind oder frühe Bauern aus dem Nahmen Osten sich in Europa ausgebreitet haben“, erläutert Dr. Wolfgang Haak. Genetische Untersuchungen an Skelettfunden belegen: Die Menschen sind gewandert und haben sich hier vermischt. Die Hinzugezogenen brachten aber nicht nur ihr Wissen und Können mit, sondern auch Vieh und Pflanzen. Die Wildtypen unserer heutigen Nutzpflanzen und Nutztiere haben ihren Ursprung im Nahen Osten.

2: „Die genetischen Bestandteile variieren, je nachdem, wo man sich in Europa befindet.“

In der Bronzezeit vor 4000 bis 5000 Jahren kam es zu einer neuen Einwanderungswelle – diesmal aus der eurasischen Steppen. Deshalb erklären drei Grundpfeiler den modernen Europäer: frühe Jäger und Sammler aus Europa, frühe Bauern aus dem Nahen Osten und eurasische Steppenbewohner. „Das lässt sich genetisch gut erfassen“, meint Dr. Haak. Die Bestandteile sind allerdings unterschiedlich ausgeprägt von Ost nach West und Süd nach Nord. Auf Sardinien sind die genetischen Bestandteile, die auf frühe Bauern zurückgehen mit rund 80 Prozent beispielsweise sehr hoch, wohingegen Menschen in Zentraleuropa genetische zu einem hohen Anteil auf Steppenbewohner zurückgehen.

3: „Wir Deutsche ähneln den Engländern und Ukrainern.“

Das Deutsche zu fassen, ist relativ schwierig. Der Begriff ist laut Dr. Haak vor allem sprachlich-kulturell zu definieren. Der Nationalstaat sei ein modernes Konstrukt; etwa 200 Jahre alt und biologisch nicht zu fassen. Aus genetischer Sicht ergeben sich in Deutschland Unterschiede in der Zusammensetzung, wenn auch nur in Nuancen. So seien Menschen, die etwa in Aachen wohnen, enger verwandt mit ihren Nachbarn aus Belgien oder der Niederlande als jene, die in Frankfurt/Oder zu Hause sind. Trotz dieser Varianten sind bei den Deutschen ebenso die drei genetischen Grundpfeiler nachzuweisen: 30 bis 40 Prozent frühe Bauern, 30 bis 40 Prozent Steppenbewohner sowie 10 bis 15 Prozent Jäger und Sammler.

4: „So schnell wie im Tatort können wir keine DNA analysieren.“

Geforscht wird am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena an Skelettmaterial, vor allem aus Zähnen und Felsenbein. Dieser Knochen umgibt das Innenohr, ist sehr hart und für Analysen besonders gut geeignet. Die Knochenfunde sind bis zu 20000 Jahre alt und stammen von allen Kontinenten einschließlich der Antarktis. Aus dem Material wird DNA extrahiert und anschließend im Hinblick auf genetische Verwandtschaft und Abstammung untersucht. Etwa 45 Mitarbeiter sind am Institut in dieser Forschungsgruppe beschäftigt. Neben Technikern und wissenschaftlichen Hlfskräften arbeiten hier unter anderem Informatiker, Molekulargenetiker, Biochemiker, Mathematiker und Archäologen zusammen.

5: „Wir wollen aus der Geschichte lernen.“

Vom Jetzt schauen Dr. Haak und sein Team in die Geschichte. Sie wollen verstehen, wie sich die heterogene Zusammensetzung in Europa ergeben hat. Damit könne man Rückschlüsse auf Gegenwart und Zukunft ziehen. „Beispielsweise in der Medizin“, erklärt Dr. Haak. Wenn die Populationen in Europa genetisch verschieden sind, könne man sie nicht alle über einen Kamm scheren. Mit diesem Wissen im Hintergrund soll es künftig möglich sein, Medizin maßgeschneidert zu entwickeln. „Wir können helfen, die Zusammenhänge zu verstehen.“

TERMIN

Dr. Wolfgang Haak: „Die genetische Herkunft der Europäer“,
Vortrag am 4. November, um 16.30 Uhr
im Hörsaal 3, Carl-Zeiss-Straße Jena, Eintritt frei

Zur Sache

Vom 3. bis 5. November wird in Jena im Rahmen der Lichtbildarena das 16. Reise-Show-Festival in Jena mit Reportagen, Vorträgen und Foto-Workshop veranstaltet. Zudem findet gibt es im Foyer vor den Veranstaltungsräumen eine kleine Messe rund um Foto, Reisen, Outdoor-Aktivitäten und Kunsthandwerk statt. Passend zu den Vortragsthemen werden landestypische Speisen und Getränke angeboten. Der Freitag und Sonnabend klingt der Abend mit Live-Musik aus.
Alle Veranstaltungen unter: www.lichtbildarena.de

Im Reinraumlabor wird fossiles Material untersucht. Aus pulverisierten Knochen extrahieren später Forscher die DNA, um die Funde genetische analysieren zu können.
Archäogenetiker Dr. Wolfgang Haak will mit seinem Team die Geschichte aus genetischer Sicht mitschreiben.

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