Schäfer und Jäger fordern die "Entnahme" der einzigen Wölfin in Thüringen
Schuss und Schluss?

"Der Wolf hat es nie geschafft, andere Arten auszurotten. Nur der Mensch", sagt Silvester Tamás. Er setzt sich für den Artenschutz des Canis Lupus' in Thüringen ein.
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  • "Der Wolf hat es nie geschafft, andere Arten auszurotten. Nur der Mensch", sagt Silvester Tamás. Er setzt sich für den Artenschutz des Canis Lupus' in Thüringen ein.
  • Foto: Foto: Jürgen Borris
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Man möge doch die Thüringer Wölfin aus ihrem seit 2014 angestammten Revier nahe Ohrdruf "entnehmen", fordern Jäger und Schäfer euphemistisch und meinen nichts anderes als erschießen. Warum das eine Forderung gegen geltendes Recht ist, erklärt Silvester Tamás im AA-Gespräch.

60 Rudel leben in Deutschland, 13 Wolfspaare und 3 standorttreue Einzeltiere. In Thüringen hat sich bisher nur eine Wölfin niedergelassen. Warum kämpft der NABU so engagiert um dieses eine Tier?
Es geht ums Recht. Deutschland hat die Europäische Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie unterzeichnet und in geltendes Recht überführt. Diese rechtliche Grundlage soll dafür sorgen, dass Wölfe langfristig einen lebensfähigen Bestand aufbauen können. Und laut Bundesnaturschutzgesetzt gilt der Wolf als streng geschützte Art. Thüringen hat dazu seinen Beitrag zu leisten, darauf haben sich alle Beteiligten im sogenannten Managementplan für den Wolf geeinigt, im übrigen auch Schäfer und Jäger.

Mit nur einem Tier?
Die Wölfin wurde vor drei Jahren erstmals auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf nachgewiesen. Dass sie bis jetzt noch keinen Partner gefunden hat, zeigt sehr deutlich, dass wir noch lange keinen günstigen Erhaltungszustand für den Wolf in Deutschland haben.

Immerhin ist das Tier ja Mutter geworden.
Sie hat sich mit einem Hund gepaart. Er übernimmt nicht wie ein Wolfsrüde die Aufgaben im Rudel. Die Mutter musste allein für die sechs Hybridwelpen sorgen und so kam es auch zu den zahlreichen Übergriffen auf schlecht geschützte Schafe und Ziegen in der Region. Die Wolf-Hund-Mischlinge sollen nun eingefangen werden und im Bärenpark Worbis untergebracht werden.

Das Tier zu erlegen könnte das Probleme lösen, meint mancher Jäger.
Jäger, die den Abschuss fordern, sprechen sich klar gegen geltendes Recht aus. Dabei sollten sie sich klar und deutlich zum Artenschutz bekennen. Die Forderung nach Abschuss ist ein klarer Aufruf zum Rechtsbruch und für mich ein Verstoß gegen das Zuverlässigkeitsprinzip, das man ihnen abverlangt. Sie sollten meiner Meinung nach Jagdschein und Gewehr abgeben müssen.

Können Sie die Forderung im Ansatz nachvollziehen?
Nein. Gesetz ist Gesetz. Vor allem Hobby- und Freizeitjäger sehen den Wolf als Konkurrenten statt als Jagdgenossen. Ein Gegner, der ihnen das Wild vorenthält.Die Jagdstatistik der Wolfsbundesländer spricht aber eine deutlich andere Sprache.

Inwiefern?
In den etablierten Wolfsbundesländern blieben die erlegten Stückzahlen in den letzten 20 Jahren nahezu konstant und gingen vereinzelt sogar nach oben. Das beste Beispiel ist Sachsen. Dort leben 13 Rudel und trotzdem gibt es heute offenbar mehr Wild als in der Zeit vor der Ankunft des Wolfes.

Wie kann man das erklären?
Wölfe sind bequem. Sie jagen vor allem alte, kranke, schwache und junge Tiere. Das stärkt die Wildpopulationen. Wildpopulationen profitieren auch von falscher Jagd und der flächendeckenden Ackermast, durch Raps und Mais.

Bequem ist es auch, in eine Schafsherde einzudringen.
Das entspricht dem Naturell des Wolfes. Er sucht leichte Beute. Leider haben die Schäfer, trotz Wissen um die Anwesenheit des Wolfes und Fördermöglichkeiten seitens des Freistaates zu spät die empfohlenen Herdenschutzmaßnahmen ergriffen. Die bisher eingesetzten niedrigen Elektronetzzäune bieten in der Regel nur einen sogenannten Mindestschutz für die Schafe und vor deren Ausbruch aus der Koppel, schützten aber nicht vorm Wolf.

Also Pech gehabt?
Nein. Die Akzeptanz für den Wolf entscheidet sich ganz klar bei den Schäfern und beim Herdenschutz. Dabei müssen wir die Weidetierhalter zukünftig weiter unterstützen, sie sind unserer Partner im Naturschutz und betreiben nachhaltige und naturschonende Landschaftspflege und liefern dazu noch gesundes Fleisch und gute Wolle.

Wie können sich Schäfer schützen?
Herdenschutzzäune helfen. Sie müssen insgesamt 1,20 Meter hoch sein und dürfen keine Durchschlupfmöglichkeiten am Boden bieten. Zudem müssen sie konstant und überall ausreichend Spannung haben. Ein zusätzliches Flatterband, eine sogenannte Breitbandlitze, über den Elektronetzzaun gespannt, irritiert die Wölfe. Sie können ihre notwendige Sprunghöhe nicht einschätzen und lassen in der Regel von einem Übersprung in die Herde ab. Zusätzlich empfehlen wir ab einer bestimmten Herdengröße sogenannte Herdenschutzhunde. Diese Schutzmaßnahmen können vom Land Thüringen bis zu 75 Prozent gefördert werden und sind in der Regel wolfsicher. Einen 100-prozentigen Schutz jedoch gibt es vor nichts.

Wie wollen Sie das Argument entkräften, diese Herdenschutzhunde seien vom Wesen her aggressiv?
Wir empfehlen zwei Rassen, die als menschenfreundlich gelten: den Pyrenäenberghund und den Maremmano Abruzzese. Im Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt, den neuen Wolfsländern, hat man mit ihnen schon gute Erfahrungen gemacht. Erste Schäfer in Thüringen sind auch überzeugt. Bei ihnen gab es bislang keine Übergriffe mehr!

Können Sie nachvollziehen, wenn Menschen Angst vorm Wolf haben?
Ja, sicher. Das müssen wir sehr ernst nehmen und immer wieder aufklären. Doch nach Meinungsumfragen ist das ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung.

Wie wollen Sie das belegen?
Nach einer repräsentativen Forsa-Umfrage sehen 85 Prozent der Befragten im Wolf keine Bedrohung und befürworten gar eine Rückkehr des Wolfes nach Deutschland. Nur drei Prozent widersprechen dem entschieden.

Wie erklären Sie sich die Diskrepanz zu den immer wieder kontrovers geführten Debatten über das Schicksal der Ohrdrufer Wölfin?
Wer sich gegen etwas stellt, die Diskussion emotional führt, der bekommt heutzutage besonders viel Aufmerksamkeit. Das ist im Natur- und Artenschutz nicht anders als in der Politik.

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