Chemnitz
Kontrollverlust und Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft

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Ich bin entsetzt. Es ist ein Mensch getötet worden. Und ganz egal, wie es dazu gekommen ist, wie die Umstände waren, erfordert ein solcher Vorfall doch erst einmal innezuhalten, diesen Tod zu bedauern, der Familie und den Angehörigen des Opfers kondolieren, ihnen gegenüber allgemeines Beileid zu bekunden.

Und was geschieht diesbezüglich von Seiten der Politik? So gut wie gar nichts. Keine Worte des Bedauerns, kein Kondolieren. Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Ludwig ist nach meinem Kenntnisstand bis heute kein einziges Mal am Tatort erschienen. Es ist schockierend, dabei zuzusehen, dass das Opfer überhaupt gar nicht im Mittelpunkt steht, dafür aber von verschiedenen Seiten politisch instrumentalisiert wird. Der Mob auf den Straßen von Chemnitz erinnert in fataler Weise an Straßenszenen der schwachen Weimarer Republik. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen sind aber kaum zu vergleichen. Dennoch: Lassen wir uns die Radikalisierung eine Warnung sein! Ihrer Eindämmung muss in der Tat eine nuancenreiche Analyse der Ursachen vorangehen. Das ist schwierig und langwierig. Nach den Exzessen der NS-Diktatur hat sich Westdeutschland in einem langsamen Prozess allmählich von zu viel staatlicher Bevormundung befreit und dann 1968 die Ventile individueller Befreiung zu weit geöffnet, das hat die Anarchie der RAF begünstigt. Die private Entgrenzung feierte in den 1980er Jahren im Aschram von Poona Triumphe der Selbstverwirklichung, und die wirtschaftliche Enthemmung begann mit dem Neoliberalismus von Reagan und Thatcher. Dessen Schrankenlosigkeit führte unter anderem zur Bankenkrise, zum Dieselskandal und massiven Umweltverschmutzungen. Im von der DDR-Diktatur erlösten Ostdeutschland wurden mit den Rechten der Freiheit zu wenig Pflichten verbunden. Voller naiver Freude über die nun liberaleren Gesetze und ohne Rücksicht auf die Folgen erprobte man den Unflat der Sprache, schließlich primitive Gewaltreflexe. Das Pendel gesellschaftlicher Regelungen ist hier wie dort zu weit in Richtung Kontrollverlust und Unordnung ausgeschlagen.

Autor:

René Casta aus Jena

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