Was der SPIEGEL anders als die WELT macht

Newsdesk der Welt-Gruppe in der 14. Etage des Axel-Springer-Hochhauses in Berlin.
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  • Newsdesk der Welt-Gruppe in der 14. Etage des Axel-Springer-Hochhauses in Berlin.
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Berlin. Studierende der Leipzig School of Media besuchten in Berlin die Redaktionen der WELT und des SPIEGELs und stellten fest: Gegensätzlicher kann die Arbeitsweise gar nicht sein. Während die Weltgruppe auf den neusten Trend Crossmedia setzt, finden wir beim SPIEGEL den guten, alten investigativen Journalismus. Beide Konzepte scheinen ihre Berechtigung zu haben.

Schreibtisch an Schreibtisch, Bildschirm an Bildschirm, der Newsdesk der Tageszeitung DIE WELT in der 14. Etage des Axel-Springer-Hochhauses unterscheidet sich in seinem äußeren Erscheinungsbild kaum von denen, der Thüringer Allgemeinen oder der Ostthüringer Zeitung. Newsdesks – das sind die Räume, die in den letzten zwei Jahren in vielen Redaktionen der Tageszeitungen und auch beim Fernsehen eingerichtet wurden. Sie erinnern an die amerikanischen Großraumbüros, denen man auf den ersten Blick nicht ansieht, ob in ihnen eine Nachrichtenredaktion oder ein Polizeirevier untergebracht ist.

In den Newsdesks können dank der fehlenden Wände und Türen die Informationen, die News, gewissermaßen direkt über den Schreibtisch geschoben werden. Im Newsdesk der WELT strömen die Nachrichten aus verschiedenen Kanälen zusammen. Die Print- und Onlineredakteure sichten das Material der Nachrichtenagenturen sowie der hauseigenen Autoren, und sie bereiten dieses jeweils für ihr Medium auf. Nebenbei schauen sie an der Leinwand Nachrichten von ntv, beobachten die Webseiten der Konkurrenz und haben im Blick, welche Themen in den sozialen Netzwerken, auf Twitter und Facebook, gerade verhandelt werden. Es ist ein bisschen wie an der Börse: Was sind die Top-Themen des Tages, auf welche setzen wir, für was hat sich die Konkurrenz entschieden und vor allem: Was kommt beim Leser an? In Sekundenschnelle lässt sich feststellen, welche Texte, Bildstrecken und Videos im Internet am meisten geklickt werden. Für die inhaltliche Ausrichtung der Printzeitung ist das eine wichtige Orientierungsgröße.

In der Printzeitung setzt die WELT verstärkt auf längere Hintergrundberichte. Die Autoren müssen ihre Artikel in verschiedenen Versionen schreiben, die kurze Nachricht für Online, die möglichst schnell und vor der Konkurrenz publiziert werden soll und der ausführliche Bericht für die gedruckte Zeitung beziehungsweise die Zeitungen, denn die Autoren beliefern alle Titel, die zur Weltgruppe gehören, DIE WELT, WELT KOMPAKT, WELT am SONNTAG, Berliner Morgenpost sowie die Onlineportale WELT ONLINE und Morgenpost.de. Es gibt nur noch einen Merkel-Experten für alle Medien – das nennt man crossmediales Arbeiten. Und die Nachwuchsjournalisten von der Axel-Springer-Akademie sind neben der kanalunabhängigen Textproduktion in der Lage, einen Videobeitrag zum Thema anzufertigen.

Im Hauptstadtbüro des SPIEGELs ist der Begriff crossmedial weder geläufig noch bestimmend für die Arbeitsweise. Wenn es sich anbietet, dann erscheint eine Printgeschichte auch im Onlineportal und umgekehrt. Print- und Onlineredaktion arbeiten getrennt. Einen Newsdesk gibt es nur in der Zentralredaktion in Hamburg. Die Autoren haben gemütliche Einzelbüros – und sie können ihre Geschichten auch zu Hause schreiben. Wichtiger als die Nachricht und deren schneller Verbreitung ist es, das Besondere an einem Thema zu finden, den ungewöhnlichen Blickwinkel, die ungedachten Zusammenhänge, das Thema selbst. So entstehen Themen, von denen die Leser noch nicht wissen, dass sie sich dafür interessieren. Die Autoren orientieren sich nicht an Facebook oder Twitter. Der Ausgangpunkt für die Recherchen sind auch nicht zwingend die tagesaktuellen Nachrichten. Bestimmend ist vielmehr das Spezial- oder Interessensgebiet des Autors. Die Recherche kann sich über mehrere Wochen hinziehen und mit Reisen verbunden sein, die nicht einmal genehmigt werden müssen, soweit sie nicht über Deutschland hinausgehen.
Die Berliner Redaktionsräume des SPIEGEL sind am Pariser Platz, unmittelbar vor dem Brandenburger Tor. Um die Ecke beginnt die Straße unter den Linden, der Bundestag ist einen Steinwurf entfernt und die gemütlichen, gehobenen Cafés in diesem Viertel werden gerne für informelle Gespräche benutzt. Den Autoren steht dafür ein Spesentopf zur Verfügung und es wird von der Leitung negativ bewertet, wenn dieser nicht ausgeschöpft wird – denn das bedeutet, die Autoren sind nicht genügend draußen, unterwegs, da wo die Geschichten sind.

Wir vermuten, ein SPIEGEL-Beitrag ist wesentlich teurer als einer der Welt, was uns ein SPIEGEL-Autor bestätigt. Dass der SPIEGEL als Marke immer noch mit investigativem Journalismus in Verbindung gebracht wird, hat seinen Preis.
Bei der Weltgruppe veröffentlichen die aktivsten Autoren alle drei bis vier Tage kanalspezifische Artikelvarianten zu einem Thema - verglichen mit dem Output eines Regional- und Lokalzeitungsredakteurs ist das immer noch sehr wenig. Obwohl sich die Produktionsweise der WELT vom Journalismus als Handwerk zum Industrie-Journalismus wandelt, gibt es hier sowohl das Potential als auch das Bewusstsein, dass Geschichten nicht nur schnell, sondern auch unterhaltsam erzählt werden müssen. Die richtige Dramaturgie zu finden, ist der Chefredaktion wichtig, erfahren wir.
Einen wichtigen Unterschied zwischen WELT-Newsdesk und denen der Thüringer Zeitungen gibt es noch: In Thüringen müssen sich nicht zwei Redakteure am Desk ein Telefon teilen.

Autor:

Antje Hellmann aus Jena

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