Zur Geschichte des Rennsteiglaufs und der Öffnung der Grenze 1989 Teil II
1. Gesamtdeutscher Rennsteiglauf - Stacheldraht vom Grenzzaun

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Nachdem am 8. März 1990 für eine größere Wandergruppe die innerdeutsche Grenze an allen Stellen, wo sie den Rennsteig kreuzte, geöffnet worden war, begann der Bereichsleiter für Öffentlichkeitsarbeit des Rennsteiglaufs, Dr. Hans-Georg Kremer, mit seiner Laufgruppe von der BSG Wismut Gera und Freunden, der von ihm gegründeten Laufgruppe der HSG Uni Jena, einen Lauf über den östlichen Teil des Rennsteigs vorzubereiten. Mit seinem Nachfolger als stellvertretenden Vorsitzenden bei der BSG Wismut Gera, Dr. Martin Nimptsch, hatte er einen engagierten Partner gefunden. Dazu kamen noch die Organisatoren des Rennsteiglaufs um Volker Kittel, die trotz der Vorbereitung auf den 18. Lauf, Zeit und Ideen sowie Kontakte zu Sponsoren usw. in die Vorbereitung eines Laufs über die ehemalige Grenze investierten. Sie sahen dies als wichtige Aufgabe an, um den östlichen Teil des Rennsteigs, der über 10 Kilometer durch Bayern führt, in ihre Organisation einzubinden. Mit der Idee auch in der „westdeutschen Laufszene“ auf die Alleinstellungsmerkmale des Rennsteiglaufs aufmerksam machen zu wollen, stießen die Geraer bei den Mitgliedern des Organisationsbüros des Rennsteiglaufs „offene Türen auf“.

Als wichtiger Partner in der Vorbereitung erwies sich der langjährige Rennsteigläufer Rolf Becker aus Leipzig, zum damaligen Zeitpunkt im Leipziger Stadtrat für den Sport zuständig. Schon früher hatte er als Mitarbeiter bei der SED-Bezirksleitung Leipzig für Kontakte zu Leitungsfunktionären wie Dr. Roland Wötzel gesorgt, die nicht nur selber beim Rennsteiglauf mitliefen, sondern auch beim Druck von Urkunden, Plakaten und Ergebnisheften durch die Bereitstellung von Druckgenehmigungen den Rennsteiglauforganisatoren sehr halfen.

Rolf Becker organisierte Sportkontakte zur Leipziger Partnerstadt Hannover und vor allem zum Marathon-Organisator Karl Ochs. Über ihn wurden Verbindungen zur Werbeagentur macona in Frankfurt/M. geknüpft, die damals nicht nur für das Marketing des Frankfurt-Marathons arbeitete, sondern auch eine Marathonserie mit der Bundesbahn kreierte, bei der Läufern aus dem Osten durch Freiplätze und Bahntickets an der Teilnahme unterstützt wurden.

Beim Besuch des Hannover-Marathons durch den Bereichsleiter Öffentlichkeitsarbeit des Rennsteiglaufs, konnten mit Irmgard und Edwin Heckelsberger von macona ein langes Gespräch geführt werden, welches dazu führte, dass die beiden sofort „Feuer und Flamme“ sowohl für den Rennsteiglauf insgesamt, als auch für einen Lauf über den bisher im Grenzgebiet liegenden östlichen Rennsteig waren. Innerhalb von einem Monat gelang es ihnen, erste „Sponsoren“ für den Rennsteiglauf zu gewinnen, so z. B. einen Bananen- und einen Getränkesponsor.

Auf dieser Grundlage wurde eine kleine Ausschreibung für einen I. Gesamtdeutschen Rennsteiglauf, der am Vortag (Freitag) des 18. GutsMuths-Rennsteiglaufs stattfinden sollte, erarbeitet und über die Regionalpresse in Ostthüringen, Franken und die Laufgruppen in Gera und Jena verbreitet.

Am 18. Mai 1990 starteten dann 21 Männer und zwei Frauen zum I. Gesamtdeutschen Rennsteiglauf. Insgesamt sechs Mal mussten die noch Großteils erhaltenen Grenzanlagen passiert werden. An allen Stellen gab es inzwischen offizielle Grenzübergangstellen, wo manchmal noch Pässe bzw. Personalausweise kontrolliert wurden. Beim ersten Übergang zwischen Blankenstein und Lichtenberg, auf dem alten Bahnkörper der Höllentalbahn, mussten noch die Ausweise von den Teilnehmern und Betreuern persönlich vorgelegt werden. Bei den folgenden sechsmaligen Übergängen konnte man sich mit der „DDR-Grenzpolizei“ einigen, dass die Betreuerin Gunda Kremer alle Ausweise geschlossen vorlegte. An den Grenzübergangsstellen saßen Beamte West und Bedienstete Ost von Zoll und „Sicherheitsorganen“ einträchtig nebeneinander, tranken Kaffee und schenkten Getränke an die Läufer aus. Die Begleitfahrzeuge mussten teilweise über provisorische Straßen fahren, die erst frisch aufgeschüttet waren. Die Bevölkerung in den Orten an der Strecke egal ob im Osten oder im Westen spendete Beifall. Sportler aus Tettau standen mit Tee und Südfrüchten bereit. Im ehemaligen Stasiferienheim „Am Brandt“ war eine Verpflegungsstelle eingerichtet. Nach knapp acht Stunden wurde Neuhaus erreicht, wo der Organisationschef Dieter Greiner einen würdigen Empfang mit hunderten Zuschauern bereitete. Das Helfer und Versorgungsteam bestand aus Sportwissenschaftlern der Universität Jena um den Sportmediziner Prof. Dr. Jochen Scheibe, welches die Läuferinnen und Läufer über die gesamte Zeit betreute. Dazu kam die Familie Heckelsberger von macona, die von Sponsoren Bananen, Getränke und medizinisches Verbrauchsmaterial mitgebracht hatten. Gunda Kremer, Georg Zange und Rolf Becker vervollständigten das Team. Der Ausdauerläufer Hubert Becker aus Hof hatte über einen Sporthändler für einheitliche Erinnerungs- T-Shirts gesorgt.
Der Lauf war schon aus versorgungstechnischen Gründen als Erlebnislauf konzipiert, sodass über die gesamte, mehr als 55-Kilometer lange Strecke bis zum Startgelände des Rennsteiglaufs in Neuhaus die Gruppe zusammenblieb.

Als besonderes Souvenir erhielten die Teilnehmer im Ziel ein Stück Originalstacheldraht der ehemaligen Grenzanlagen in Form eines R. Dies hatte der Gesamtleiter des Projekts bei der Märzwanderung von der DDR-Grenzpolizei erbeten. Diese hatte es ohne große Formalitäten im Raum Blankenstein einfach vom Grenzzaun mit einem Bolzenschneider abgetrennt. Für etwas Verwunderung sorgte die gute, fast neuwertige Qualität des Stacheldrahtes. Nach Aussagen der Grenzer war der Draht erst im Vorjahr erneuert wurden. Ob es sich, wie gemunkelt wurde, dabei tatsächlich um Material aus der BRD handelte, konnte nicht geklärt werden.
Dr. Martin Nimptsch organisierte dann eine Ausformung als „Rennsteig-R“ und eine Rahmung. Zu den Episoden am Rande gehörte, dass auf Grund einer schriftlichen Anfrage der bayrische Ministerpräsident Max Streibl die Schirmherrschaft über diesen Lauf übernommen hatte. Die noch etwas „unerfahrenen“ Veranstalter aus dem „Osten“ hatten sich davon natürlich auch eine finanzielle oder anderweitige Unterstützung erhofft. Es blieb aber bei einem freundlichen Grußwort.
Teilnehmer waren: Friedhelm Gebhardt (Jena), Matthias Greifenhagen (Schlettau), Antje und Klaus Grimm (Unterlemmnitz), Christian Homagk (Finsterwalde), Peter Jeziorski (Gera), Heike Keil (Weimar), Heinz Kieshauer, Werner Kolmschlag, Dr. Hans-Georg Kremer, Jochen Kraft, Andreas Kupke (alle Gera), Peter Kästner (Staupitz), Eberhardt Minzenmay (Ludwigshafen), Dr. Martin Nimptsch (Gera), Herbert Polaschek (Frankfurt/M), Gerhard Quick (Stammbach), Gerhard Rötzschke (Jena), Dieter Schädlich (Annaberg), Peter Schneider, Jürgen Trenkler, Peter Ullrich (alle Gera) und Rainer Walter (Gräfenthal).

Im Nachgang fertigte der bekannte Medailleur Helmut König (†) aus Zella-Mehlis noch eine Medaille über dieses Ereignis an, die dann in kleiner Stückzahl aufgelegt wurde. Ein Stacheldraht-Souvenir wurde vor wenigen Tagen Horst Milde und Gerd Steins vom Forum Sportgeschichte für die Sammlung des Sportmuseums im Berliner Olympiastadion übergeben, wo sich schon viele Rennsteiglaufsouvenirs befinden.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Von Rolf Becker (†) stammt eine Diaserie von dem I. Gesamtdeutschen Rennsteiglauf, die sich in der Sportfotosammlung Kremer befindet.

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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