Zur Thüringer Radsportgeschichte
442 Radfahrerkarten von der Polizeiverwaltung ausgestellt

Der Etappensieg vom Geraer Radsportler John Degenkolb bei der „Tour de France 2018“ war Anlass, wieder mal in die Radsportgeschichte zu schauen. Jena stand dabei immer im Schatten von Gera, besonders wenn man die DDR-Zeit überschaut. Während sich beim Sportclub (SC) Motor Jena u. a. die erfolgreichen Leichtathleten, Ringer und Fechter konzentrierten, waren bei der Sportgemeinschaft (SG) Wismut Gera die Spitzen-Radsportler und Boxer beheimatet. Auch aus Jena gingen mehr oder weniger freiwillig talentierte Jugendliche des Radsports, die vor allem bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Carl Zeiss Jena-Süd trainierten, nach Gera, wenn sie im Leistungssport im Erwachsenenbereich an die Weltspitze kommen wollten. Mehr als zehn Schülerinnen und Schüler wurden zwischen 1974 und 1988 zu „Clubs“ in der DDR delegiert. Lutz Haueisen, Hartmut Korn, Uwe Berndt und vor allem Thomas Künast waren die erfolgreichsten unter ihnen.
Schon in der Zeit vor 1945 gab es in Gera eine starke Radsportszene, wobei man in den Anfangsjahren um 1900 vor allem in Erfurt die Radsporthochburg Thüringens findet.
Der Sporthistoriker Uwe Mosebach, der das Fach an den Universitäten in Erfurt und Jena vertritt, verweist in seiner ausgezeichnet zusammengestellten über 600seitigen Sportgeschichte u. a. zum Radsport darauf, dass diese Sportart zu den ersten in Deutschland gehörte, die einen Verband gründeten und bei denen Frauen bereits um 1900 erste Rennen fuhren.
In Jena ist trotz der eigentlich wenig radfahrerfreundlichen, da bergigen Umgebung, der Radsport schon von Beginn an sehr populär gewesen, was mit dem starken Interesse der „technikaffinen“ Bevölkerung zu solchen Neurungen, die durch die Firmen Zeiss und Schott sowie die Uni geprägt waren, begründet werden kann. Bis „April 1900 wurden von der hiesigen Polizeiverwaltung 442 Radfahrerkarten ausgestellt…“, was etwa einem Fahrzeugschein entsprach, der für Fahrräder anfangs üblich war, findet man in einer Zeitungsnotiz. Zudem existierten in Jena mindestens fünf „Radsportvereine“, die besonders im Sommer regelmäßig Kleinanzeigen in den Jenaer Zeitungen veröffentlichten, in denen sie für Fahrradtouren in die Umgebung warben. Nachgewiesen sind dadurch: der Tourenclub Jena, der Radlerclub Jena 1897, der Radfahrerverein „R.V. Pfeil“ und die Allgemeine Radfahrer-Union (DIC) Consulat. Dazu kam noch der Arbeiter-Radfahrerbund „Solidarität”, der sich bis 1933 mit bis zu 500 Mitgliedern zum stärksten Radsportverein in Jena entwickeln sollte.
Der älteste Beleg für eine Radsportveranstaltung stammt aus dem Jahre 1893 als der Radfahrer-Verein Jena am 15. April im Schützenhause öffentliche „Radaufführungen“, die lebhaftes Interesse erregt haben dürfte, organisierte. Anschließend gab es einen Ball. Mit dieser im heutigen Sprachgebrauch als „Kunstradsport“ zu bezeichnenden Veranstaltung war der Radsport vier Monate älter als der Fußball in Jena, da das erste Fußballspiel erst Ende Juli des gleichen Jahres stattfand.
Im Juni 1893 wurde vom Gau 16 des Deutsche Radfahrerbundes in Erfurt ein Radwettfahren organisiert, dabei waren Preise im Werte von 900 Goldmark ausgesetzt. U. a. gab es ein Jugendrennen für Leute bis 16 und ein Wanderpreisfahren. „Auch das schneidige Hochrad, welches in England ganz aus der Mode gekommen ist, wird zum Einsatz kommen, so bei einem Rennen über 5000m und vier anderen Rennen…“ kann man in der Jenaischen Zeitung lesen. Ein Goldarbeiter Bethke aus Jena hat dabei beim Radwettfahren (Gau-Erst-Fahren) den zweiten Preis erhalten. In Adressbüchern um die Zeit ist allerdings nur ein Sattlermeister Heinrich Bethke (Lutherplatz 7) überliefert. Vielleicht war es dessen Sohn, was noch weiter untersucht werden müsste.
In der kleinen Nachbarstadt Kahla spricht Peer Kösling in seinem Buch zur Turn- und Sportbewegung in Kahla davon, dass es dort schon 1885 einen Radfahrerverein gab.
Ab 1900 häufen sich Nachrichten über Radrennen in Thüringen, besonders in Erfurt. Auch kuriose Veranstaltungen tauchen dabei auf, so 1903, als der Radfahrerverein Oberweimar für Himmelfahrt ein „Preislangsamfahren bei Konzertmusik“ im Gasthofe „Zum goldenen Schwan“ annoncierte. Der bis jetzt gefundene älteste Radsportwettkampf im Raum Jena, fand in der damals noch selbstständigen Stadt Lobeda statt, als am 21. September 1913 der dort ansässige Radsportverein „Konsulat Lobeda“ ein Radrennen über 60 Kilometer nach Eisenberg und zurück organisierte. Es waren sechs wertvolle Preise ausgeschrieben. Bei einem Herrn Beuthe, Markt 35, konnte man sich dazu erkundigen. Dieses Rennen gab es offensichtlich schon mindestens ein Jahr länger, denn in einer zweiten Ankündigung steht, dass ein Edgar Merz das Rennen im Vorjahr gewann.
Ein Zufallsfund im Jenaer Volksblatt im Jahre 1925 macht auf einen heute fast vergessenen sehr prominenten Geraer Radfahrer aufmerksam. Am 22. Februar startete Paul Vogel zu einer „Weltumradelung“. Am 22. Mai meldete er sich nach 17.000 Kilometern aus Kobe (Japan), von wo er weiter nach Amerika, Irland, England und Holland wolle, um im Dezember wieder in Gera zu sein. Offensichtlich schaffte er sein Vorhaben, denn Recherchen im Internet ergeben das Paul Vogel (1897-1968) „durch eine Weltumradelung aus dem Jahr 1925 bekannt…“ wurde. Er verstarb in der Stadt Mettmann und in Gera gibt es einen „Paul-Vogel-Weg“, womit er wohl der einzige Thüringer Radsportler ist, nach dem eine Straße benannt wurde. Eine von ihm herausgegebene Publikation „Lebenserinnerungen“ konnte noch nicht gefunden werden.
Dr. Hans-Georg Kremer
Bildunterschrift: In der Fotosammlung Kremer befindet sich die Kopie einer Postkarte vom Start von Paul Vogel zu seiner „Weltumradelung“, vermutlich an der Geraer „Eselsbrücke“.

In: Thüringische Landeszeitung vom 8. August 2018 Nr. 598

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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