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Geschichte der Jenaer Turnvereine teil 4
Als das Turnen dominierte

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Nachdem wir in den letzten drei Ausgaben ausführlich über den Jenaer Turnverein 1859 (JTV 1859) berichtet haben, wollen wir uns in der Stadt Jena und im Umland mal ansehen, welche anderen Turnvereine es noch gab.
1928 wurden bei dem Stadtamt für Leibesübungen insgesamt 43 Vereine gezählt. Dabei unterscheidet die Stadt in Turn-, Spiel-, Flug-, Wander-, Schieß-, Wasser-, Radfahr-, Wintersport und sonstige Vereine. Neben diesem städtischen „Verwaltungsorgan“ gab es den Ortsausschuß für Leibesübungen, etwa dem heutigen Stadtsportbund gleichzusetzen. Der Ortsausschuss wurde um 1930 von einem Dr. Liebmann geleitet. In den Unterlagen des Ortsauschusses findet man nicht alle Vereine, da z. B. die Arbeitersportvereine mit dem Arbeitersportkartell eine eigene Dachorganisation hatten. Ende der 1920er Jahre war beim Arbeitersportkartell ein Herr Pöhler Vorsitzender. Die meisten Turnvereine waren zusätzlich im Verband Jenaer Turnvereine unter Leitung von Otto Harz zusammengeschlossen.
Um es noch „komplizierter“ zu machen, gab es dann noch Dachverbände der turnenden akademischen Verbindungen (Burschenschaften bzw. Landsmannschaften). Die größte Gruppe stellten hier die akademischen Turnerschaften, die dem Vertreter Convent (VC) angehörten. Maximal zwei „Nichtfarbetragende Verbindungen“ gehörten dem Akademischen Turnbund (ATB) an, der 1883 in Jena gegründet worden war.
Zurück zu den Jenaer Turnvereinen:
Eine ähnliche Struktur und Bedeutung wie der JTV 1859 hatten die Turngemeinde Jena, der Turnverein Wenigenjena und der Turnklub. Deutlich kleiner und mit eingeschränkter Zielgruppe gab es den „Turnverein der Oberrealschule“ und den „Reichsbahn- und Post Turn- und Sport-Verein“.
Zu den Arbeiterturnvereinen muss man den Turnverein Glashütte, die Freie Turnerschaft, den Turnverein Kunitz-Zwätzen, den Turnverein Lichtenhain und den Turnverein Burgau und Umgebung zählen.
Als Akademische Turnvereine gleich welcher „Farbe“ sind 1930 die Gothania, die Salia, die Normannia, die Borussia, die Nibelungen und der Jenenser Wingolf zu nennen.
In der Liste der Turnvereine bei der Stadt tauchen dann noch zwei Vereine auf, die rechtsnationale Prägung hatten, der völkische Turnverein und die Turnabteilung des „Stahlhelms“.
Auf dem heutigem Stadtgebiet, aber damals nicht zu Jena gehörend, gab es noch Turnvereine in Lobeda und Maua. Einige Quellen sprechen auch von Turnern in Wöllnitz, Wogau und Ziegenhain, wozu aber genauere Unterlagen fehlen, und es sich eventuell um turnerische Aktivitäten der dortigen „Burschengesellschaften“ handeln könnte.
Insgesamt kann man von etwa 4.000 organisierten Turnerinnen und Turnern in der Stadt Jena um 1930 ausgehen. Die Stadt Jena hatte damals etwa 60.000 Einwohner, d. h. etwa 7% der Bevölkerung gehörten einem Turnverein an. Dazu kamen noch mal etwa 2.000 Mitglieder in Spiel- und Sportvereinen, bei den Schützen, Radfahrern, Wassersportlern, Touristen und sonstigen Vereinen. Also jeder zehnte Jenaer Bürger war nach heutigem Sprachgebrauch „sportlich“ organisiert.
Vergleichszahlen zur Mitgliederentwicklung der Turner in Thüringen sind bisher vor allem aus der Zeit vor dem I. Weltkrieg ausgewertet worden, wo das Turnen gegenüber der Sport- und Spielbewegung noch eindeutig dominierte. Da hatte der Dachverband, die Deutsche Turnerschaft, über eine Millionen Mitglieder in ca. 60.000 Vereinen in ganz Deutschland. Thüringen stand mit ca. 86.000 Mitgliedern in 1027 Vereinen an fünfter Stelle unter den Bundesstaaten des deutschen Reiches. Vergleichsweise hatte Bayern nur ca. 2.000 Mitglieder mehr. Der größte Turnverein in Thüringen war der Männerturnverein Erfurt, der heute noch existiert, mit mehr als 1.000 Mitgliedern. Der JTV 1859 stand damals mit 380 Mitgliedern an 20. Stelle. Selbst der Turnverein Apolda lag mit 483 Mitgliedern deutlich vor Jena, was aber vor allem darauf zurückzuführen war, dass sich die Turner in Jena auf zu viele Vereine aufspalteten.
Heute wird in Jena das Gerätturnen nur noch in der „Turnsport Gemeinschaft Jena“ (TsG) angeboten. Häufiger gibt es Gymnastikgruppen, und die Rhythmische Sportgymnastik wird nach der Homepage des Stadtsportbundes in vier Vereinen, vor allem im Kinder- und Jugendbereich organisiert. Das klassische „Turnspiel“ Faustball wird nach dem Stadtsportbund auch nur noch bei der TsG gepflegt.
Das zweite wichtige „Turnspiel“ war der Handball, der anfangs fast nur bei den Turnvereinen gespielt und entwickelt wurde. Beim SV Schott besteht hier ein direkter Bezug zu den Handballmannschaften, die Anfang der 1920 Jahre in Jena gegründet wurden. Beim Handball Verein Jena 1990 (HBV) beginnt die Geschichte, wie der Name schon aussagt, erst 1990. Das Thema Handball bei den Turnern soll aber später noch mal genauer untersucht werden.
Im Sinne von Traditionspflege hat die TsG einen Link zur Geschichte der Kinder- und Jugendsportschule in der DDR-Zeit. Andere Traditionsbezüge zur Turnbewegung kann man noch beim SV Zwätzen (1912 gegründet) und beim SV Schott (1896 gegründet), beides ehemalige „Arbeitersportvereine“ finden. Während in den alten Bundesländern bei der Vereinsgeschichte versucht wird bis zu den Vorvätern vorzudringen und man stolz darauf ist, dass eine langjährige Tradition in der Region besteht und Eltern, Großeltern usw. schon zu den Vereinsmitgliedern gehörten, fehlt dieser Bezug in den neuen Bundesländern vielfach.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Fotosammlung Kremer: Das älteste Foto eines Jenaer Turnvereins stammt aus dem Jahre 1893 und zeigt die Jenaer „Gothanen“ beim Fahneneinmarsch zu ihrem Turnbundsfest in Arnstadt.

In: Thüringische Landeszeitung vom 13. Dezember 2017 Nr. 567

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