Jenaer Sport und das Hochwasser
Als das Wasser Jenas Sportler hart traf

Als vor 25 Jahren im April 1994 auch alle Sportstätten in der Oberaue von der Saale überflutet wurden, bedeutete dies für die Sportlerinnen und Sportler auf dem städtischen „Ernst-Abbe-Sportfeld“ und dem im Besitz des Freistaats Thüringen befindlichen Universitätssportzentrum (USZ) teilweise für Monate den Ausfall des regulären Trainings- und Wettkampfbetriebes. Besonders hart hatte es u. a. die Tennisspieler des Universitätssportvereins (USV) und des Sportvereins (SV) Jenapharm getroffen. Der leider viel zu früh verstorbene Dezernent für Liegenschaften der Uni, Udo Hätscher, schrieb am 18. April 1994 in einem ersten Schadensbericht sinngemäß: „Während- das USZ (Oberaue) und die Bootshäuser (Burgauer Weg/Am Stadion) direkt durch Hochwasserschäden betroffen sind, gibt es nur geringfügige mittelbare Folgeschäden an anderen Liegenschaften (Institut für Sportwissenschaften Seidelstraße - nur Wasserstau im Kellerbereich); so war in der Sporthalle (Baracke Oberaue) der Fußboden zerstört und ist nicht mehr zu verwenden, allein für Säuberungs- und Austrocknungsarbeiten sind ca. 8.000 DM nötig…Die Laufbahn ist völlig zerstört und nicht mehr nutzbar. Da fernerhin nicht vorgesehen ist, die Laufbahn für den Sportbetrieb zu nutzen, sollte dort Spielrasen aufgebracht werden (ca. 30.000 DM). Ca. 270 Ifd. Meter Zaun können nicht mehr genutzt werden, Kosten ca. 30.000 DM. Die 11 bestehenden Tennisplätze müssen sehr wahrscheinlich neu aufgebaut werden, da der Untergrund durch die Wassereinwirkungen (keine Drainage) stark beschädigt ist…Der Gesamtschaden im USZ beträgt ca. 580.000 DM.“

Dass die Saale bis zum Bau der Talsperren in den 1930er Jahren regelmäßig die Oberaue und manchmal auch des Paradieses überschwemmte, war seit Jahrhunderten bekannt. Der erste „Sportstättenschaden“ ist 1890 belegt, als die von Volkmar Stoy gebaute Turnhalle der Johann-Friedrich-Schule (etwa im Gebiet der heutigen Stoyschule) völlig zerstört wurde. Die dort trainierende Turngemeinde musste daraufhin in eine Scheune in die Fischergasse umziehen. Als 1913 die Uni in der Oberaue eine Turnhalle bauen wollte, äußerte die Stadt Jena starke Bedenken wegen des regelmäßig eintretenden Saalehochwassers. Hermann Peter, der Spielplatzbegründer in der Oberaue, verwies zwar darauf, dass das städtische Bauamt dafür garnicht zuständig sei, ein Bau einer Turnhalle im Hochwassergebiet zulässig wäre, die Entscheidung läge bei der Flussaufsichtsbehörde, doch letztendlich zog die Uni langfristig ihr Bauprojekt für die Oberaue zurück.

1922 hatte das Saalehochwasser die Sportplätze vom 1. Sportverein (1.SV, heute FC Carl Zeiss) und der Uni in der Oberaue stark beschädigt. Die Carl-Zeiss-Stiftung stellte 115 000,- M für die Wiederherstellung des Sportplatzes der Uni und der Tennisplätze und die Gesellschaft der „Freunde der Thüringischen Landesuniversität“ 50 000,- M zur Verfügung. Der Betrag wurde allerdings durch die beginnende Hyperinflation fast nicht wirksam, so dass 1925 der Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV) mit der Uni einen Vertrag zum Bau eines neuen Spielfeldes mit Laufbahn abschloss, die auch den Studenten zur Verfügung stand. Diese Anlage wurde in über 12 000 Arbeitsstunden in freiwilliger Arbeit durch VfB-Sportler erbaut. Laufbahn und Spielplatz wurden mit einem Damm gegen eventuelle Hochwasser umgeben, der bis 1994 existierte aber nicht wirklich einen Schutz bot.

Nach der Gründung des VfB im Jahre 1911 als universitätsnahen Sportverein, war der Überlassungsvertrag von 1925 der zweite Baustein, des nach 1990 weiterentwickelten „Jenaer Modells des Hochschulsports“, wonach die Uni einen juristisch selbstständigen Verein ohne die dafür nötige öffentliche Ausschreibung Uni-Ressourcen, wie Sportstätten, Personal und vor allem den „Zugriff“ auf die Studierenden als Mitglieder und „Kunden“ überließ. Im Gegenzug konnte die Uni an den steuerlichen und personellen Vorteilen eines gemeinnützigen Vereins partizipieren. Fast alle heutigen Abteilungen des USV, vielleicht mit Ausnahme der Orientierungsläufer, deren Sportstätten in den Kernbergen oder im Jenaer Forst liegen, profitieren von diesem Modell, was sich jahrzehntelang in einer historisch gewachsenen „Treue“ zur Uni und vergleichsweise niedrigen Vereinsbeiträgen ausdrückt.

Zu „DDR-Zeiten“ waren es viele Uni-Mitarbeiter, besonders des Vorgängers des heutigen Instituts für Sportwissenschaft, die sich immer wieder um die Verbesserung der Sportstätten bemühten. So wurde allein 1954 unter Leitung von Paul Dern im „Nationalen Aufbauwerk“ (NAW) 16.887 Stunden für die Errichtung neuer Sportstätten aufgebracht, die auch die Sportler der Hochschulsportgemeinschaft (HSG) dessen Rechtsnachfolger 1990 der USV wurde, zur Verfügung standen. „Geschaffen wurden ein großes Fußballfeld, eine große Sprunganlage (für Hoch- und Stabhoch- Drei- und Weitsprung), vier leichtathletische Wurfanlagen, ein Übungsfeld für Spiele…“, kann man in einem umfangreichen Rechenschaftsbericht lesen.

1994 war es vor allem der oben erwähnte Udo Hätscher und der USV-Vorstand unter Leitung des Präsident Prof. Dr. Lutz Wenke, die dafür sorgten, dass Hochwassergelder flossen, mit denen viele Schäden beseitigt und vor allem neue Tennisplätze gebaut werden konnten. Letzteres führte 1995 zum Zusammenschluss der Tennisabteilungen des SV Jenapharm und des USV, was aber eine andere Geschichte ist.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Die Platzwarte der Uni konnten während des Hochwasser mit einem alten Traktor „RS 09“ die überflutete Sportstätten umfahren und sensationelle Fotos schießen.

In: Thüringische Landeszeitung vom 1. Mai 2019 Nr. 2019

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