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Jenaer Fußballhistorie
Als die 94er gegen die „Jäger zu Pferde“ gewannen

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Die Niederlage unserer Fußball-Nationalmannschaft bei den Weltmeisterschaften und das Spielergebnis vom FC Carl Zeiss gegen den SV Rothenstein (20:0) ist Anlass, in der frühen Jenaer Fußballgeschichte nach hohen Niederlagen oder Siegen des Traditionsvereins FC Carl-Zeiss zu suchen. So gab es im November 1907 „…auf dem hiesigen Sportplatz ein Fußballgesellschaftsspiel des Geraer Ballspielclub gegen der FC Carl Zeiss, bei dem Carl Zeiss mit 4 Spielern der 2. Mannschaft als Ersatz spielen musste. Nach tadellosem Kombinationsspiel gewannen die Jenaer 12:1.“ Ein Jahr später gab es eine der höchsten Niederlage des FC Carl Zeiss gegen eine Erfurter Mannschaft (SC Erfurt) mit 1:8 im Hinspiel und 18:0 im Rückspiel in der Thüringer Gauliga. Ähnlich viele Tore konnten auch im ersten bisher bekannten internationalen Fußballspiel des FC Carl Zeiss Jena Ende September 1913 registriert werden, als in Karlsbad (Kaiserreich Österreich-Ungarn) der F. C. Karlsbad den FC Carl Zeiss mit 8:6 schlug.
„Dieses Resultat entspricht wohl nicht den Stärkeverhältnissen, denn Zeiss war seinem Gegner mindestens ebenbürtig, vielleicht die Hintermannschaft sogar etwas besser. Aber mit Geschickes Mächten!...Der Tormann von Zeiß ließ ganz leichte Bälle passieren, daß der Zeissmannschaft die Lust zu spielen manchmal schier vergehen mochte. Der rechte Vert.(eidiger) gehört wohl auch nicht in die Mannschaft. Unsicherheit ist sein Leiden. Auch spielt der Halbrechte eine komische Rolle. Ihm schien es ganz gleich zu sein, ob verloren oder gewonnen wurde…“ kann man in der Verbandszeitung Mitteldeutscher Sport lesen.
Bei der Fotosuche stießen wir außerdem auf eine noch unbekannte Fußballmannschaft, die beim Turnverein Lichtenhain existierte. Dieser wurde 1893 gegründet. Geturnt wurde auf dem Lichtenhainer Schulturnplatz, wo Anfang der 1920er Jahre zwei neue Fußballtore aufgestellt wurden. Für Mitte der 1920er Jahre ist ein Herr Partschefeld als Vorsitzender dieses Turnvereins bekannt. Die Fußballer spielten anfangs auf dem Kasernenhof der 94er am Westbahnhof. Der Turnverein Lichtenhain gehörte, wie die Freie Turnerschaft und der Turnverein Glashütte zum Arbeiterturnerbund, dessen Mannschaften in Jena ihre Punktspiele meist auf dem Kasernenhof ausführten. Der 1920 gegründete FC Wacker, der sich dann in „Turn- und Sportverein 1920“ umbenannte, spielte am Wiesensteg im Stadtteil Wenigenjena. Der Fußballplatz auf dem Kasernenhof wurde Anfang der 1920er Jahre weitestgehend liquidiert, als ein Teil der Kasernengebäude als Nervenkrankenhaus diente und die Patienten Ruhe benötigten.
Ab 1911 wurden Spiele des FC Carl Zeiss gegen den neu gegründeten VfB (heute USV) immer zu wichtigen Lokalderbys, die heiß umkämpft waren. Im Februar 1914 konnte der VfB Jena den FC Carl Zeiß in der Gaumeisterschaftsrunde sogar mit 2: 1 schlagen.
„Nach den bisher gegen den S.-C. Weimar 8: 1, B. C. Wimaria 10: 0, S.-C. Jena 8: 2, S.-C. Gera 6: 2 erzielten Resultaten des Gaumeisters F.-C. Carl Zeiß war man in Jena auf das Verbandsspiel der beiden Lokalrivalen: Zeiß und V. f. B. doppelt gespannt. Hatten die Bewegungsspieler in Richter und Buschbeck (früher Stuttgart) neue Stützen erhalten, so sah man in der gegnerischen Mannschaft recht viele neue Gesichter: Kirchgeorg, der zu jedem Spiel von Nürnberg heraufkommt, Jungtow, Timm (früher Hertha, Berlin) und zum ersten Male Schulze ebenfalls (früher Hertha), der sich als Vert(eidiger) recht gut einführte. Vom Anstoß geht der V. f. B.-Sturm, der sich schnell zusammenfindet, durch und erzielt durch gut placierten Schuß das 1. Tor“ kann man in der Jenaischen Zeitung lesen, und weiter erzielte der VfB „…durch eine durch Kopfball verwandelte Flanke das·siegbringende Tor.“ Weiter wurde auf die II. Mannschaft des VfB. eingegangen, die gegen „…die Militärmannschaft der hiesigen 94er, die in recht starker Aufstellung antrat, mit 4: 2 verlor.“ Militär-Mannschaften wurden bisher noch garnicht in die Jenaer Fußballgeschichte einbezogen. Für das Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach gab es das Infanterieregiment Großherzog v. Sachsen, welches dem Armeechor in Kassel unterstellt war. Von 1914 gibt es einen Turnierbericht zu einem Militärfußballpokal-Turnier, welches der Ballspiel-Club Vimaria veranstaltet hatte. Der Großherzog Wilhelm Ernst hatte einen Ehrenpokal gestiftet. Beteiligt waren auch die 94er aus Jena die gegen die „Jäger zu Pferde“ aus Erfurt 8:1 gewannen.
Zwei Fehler aus dem letzten Beitrag müssen wir korrigieren. Im Zusammenhang zu den Verbandspunktspielen wurde auch über die Jenaer Fußballmannschaft Thüringia berichtet, die in der Spielsaison 1906/07 kurzzeitig auftaucht. Diese gehörte nicht zum Arbeiterfußball, wie bisher gedacht, sondern sie wechselte nach neuesten Forschungsunterlagen 1907/08 geschlossen als Spielabteilung zum Jenaer Turnverein 1859.
Ein gravierender Fehler ist dem Autor der Serie unterlaufen, als er im letzten Beitrag schrieb: „Die vom Sporthistoriker Uwe Mosebach, der derzeitig die Sportgeschichte am Institut für Sportwissenschaft in Jena vertritt, in seinem Standardwerk „Sportgeschichte“ von 2017 verbreitete These, dass der Fußball vorwiegend von Arbeitern gespielt wurde…“ Durch eine Verwechslung von handschriftlichen Unterlagen, wurde die Aussage betreffs des Arbeitersports Mosebach zugeordnet, der aber in dem hervorragend zusammengestellten Buch zur Sportgeschichte, diese Aussage mitnichten getroffen hatte. Sie stammt aus einem Buch zur regionalen Sportgeschichte, über das später noch mal geschrieben werden soll.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus der Postkartensammlung von Wieland Knetsch stammt das Foto der Fußballer (ca. 1914) des Turnvereins Lichtenhain, welche hier vor der Kaserne oder der Schule Aufstellung genommen hat.

In: 
Thüringische Landeszeitung 11. Juli 2018 Nr. 594

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