Marathonlauf in Jena Teil II
Als die Idee zum Kernberglauf geboren wurde

Der vorige Beitrag zum Marathonlauf in Jena brachte einige interessante Reaktionen. So konnte mit Klaus Gottert einige Fragen zur Entwicklung der leistungsstarken „Trainingsgruppe-Marathon“ beim Sportclub (SC) Motor Jena ab den 1970er Jahren geklärt werden. Klaus Gottert gehört zu den drei „Gottert-Brüdern“, die in den 1960er Jahren bei der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Lok Gera ihre sportliche Laufbahn begannen. Klaus, Frank und Steffen findet man im Bezirk Gera auf den langen Strecken in vielen Ergebnislisten, bevor sie zum Armeesportklub (ASK) nach Potsdam gingen. Legendär ist ihr Stundenlaufergebnis mit 19.195 Metern. Steffen Gottert wurde 1969 sogar DDR-Meister im Marathon mit 2:27:30. Frank, der seine Marathonbestzeit in Budapest mit 2:21:14,6 gelaufen war und der gegenwärtig ein Buch über die Geschichte des Leipzig-Marathons schreibt, fand in seinen Unterlagen mit einem Sportfreund Reimann von Chemie Jena sogar noch einen zweiten Jenaer Marathonläufer aus den 1950er Jahren.
Der Älteste, Klaus, ging nach seiner Armeezeit in Potsdam als Trainer an die Kinder- und Jugendsportschule Bad Blankenburg. Von hier wurde er 1974 zum SC Motor Jena delegiert, um die Langstreckenläufer zu trainieren. Sein Vorgänger war der exzellente 3000-Meter Hindernisläufer Dieter Hartmann, was aber eine andere Geschichte ist. Anfang der 1970er Jahre hatte sich unter seiner Leitung beim SC Motor Jena eine kleine Trainingsgruppe von „Langstrecklern“ zusammen gefunden, aus der mit Hans-Joachim Truppel ein vierfacher DDR-Marathonmeister (1970, 73, 75 und 79) hervorging. Truppels Marathonbestzeit lag bei 2:11:56, die er 1980 schaffte. Er stand wiederholt im „Schatten“ vom Doppelolympiasieger Waldemar Cierpinski. So wurde er als zweiter bei den Ausscheidungsläufen nicht für die Olympischen Spiele 1976 in Montreal nominiert, wo Cierpinski dann Gold gewann. 1980 zu den Olympischen Spielen in Moskau durfte er mitfahren und kam auf Rang 11. Cierpinski lief hier zum zweiten Male zu Gold. In dieser Zeit war auch der Jenaer Mathematikstudent Dietmar Knies auf der Marathonstrecke unterwegs. Seine Marathonbestzeit ist mit 2:17:05,0 (1975) registriert. Bei DDR-Meisterschaften holte er zwei Mal Silber und einmal Bronze, machte sich aber vor allem einen Namen als vierfacher Rennsteiglaufsieger.
Mit der Übernahme der Funktion des Marathontrainers durch Klaus Gottert und vor allem dem Popularitätssprung des Marathonlaufens durch die Olympiasiege von Waldemar Cierpinski wurde beim SC Motor Jena bis zur Wende von Klaus Gottert eine sehr erfolgreiche Trainingsgruppe von Langstreckenläufern und später auch Läuferinnen trainiert. Bei den Frauen sollen hier als DDR-Meisterinnen wenigstens noch Andrea Fleischer (1988, 1990), Birgit Weinhold (1985) und Uta Möckel (1984) genannt werden, auf deren Erfolge schon mal in einem früheren Beitrag eingegangen wurde.
Interessant ist vielleicht, dass in den 1980er Jahren in Bezirksranglisten Gera im Marathon unter den ersten 10 mehr als die Hälfte Volkssportler waren, die sich auch als Rennsteigläufer einen Namen gemacht hatten. 1981 taucht z. B. nach drei Clubsportlern (Truppel, Weller, Ludwig) schon auf Platz vier Martin Trinks mit 2:38:25 auf, der damals zur Trainingsgruppe Kremer bei der BSG Wismut Gera gehörte, ebenso wie Dieter Horn, Bertold Irzik und Siegfried Löbner.
Durch Zufall wurde bei Archivstudien zu diesem Beitrag ein interessanter Artikel in der Universitätszeitung des Jahres 1977 gefunden. Danach wurde im Rahmen des VI. Turn- und Sportfestes in Leipzig von einigen Ausdauerläufern der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) ein Sportfest-Marathon organisiert, an dem ca. 50 Läuferinnen und Läufer teilnahmen. Die Laufzeit spielte keine Rolle, so dass die Jenaer unterwegs über vier Stunden Zeit hatten, sich zu unterhalten. Dabei wurde die Idee geboren als Gegenstück zum Rennsteiglauf, an dessen Organisation die HSG Jena damals noch maßgeblich beteiligt war, einen eigenen Lauf in den Kernbergen zu organisieren. Nach bisherigen Recherchen konnten als HSG-Teilnehmer an diesem Sportfest-Marathon Bernd Löschner, Hans-Georg Kremer, Gerhardt Rötzschke und Lothar Seiferth ermittelt werden. Dass sie den Lauf in den Kernbergen nicht als Marathon konzipierten, lag an der Gesamtsituation der „DDR-Laufszene“, die sich teilweise außerhalb des Leichtathletikverbandes organisiert hatte und vorwiegend auf „Landschaftsläufe“, wie den Rennsteiglauf orientierte. Die „Uridee“ des Kernberglaufs war z. B. die schrittweise Etablierung eines 100km-Laufs. Spätestens ab 1980 wurde die lange Strecke beim Kernberglauf auf ca. 40km reduziert. Überlegungen, diesen Lauf als Marathonlauf zu definieren waren damals allerdings kein Thema. Erst Anfang der 1990er Jahre, nach der politischen Wende in der DDR und der rasanten Entwicklung von Stadtmarathonläufen, konzipierte der Rennsteiglauf vor allem aus „Werbegründen“ als einer der ersten „Landschaftsläufe“ die Umbenennung der damals 45km-langen Strecken in einen „Rennsteig-Marathon“, um dem starken Teilnehmerrückgang entgegenzuwirken.
Zurück zum Ausgangspunkt der Jenaer Marathon-Geschichte und den vom Sportmediziner Prof. Dr. Jochen Scheibe organisierten Marathonläufen, an denen auch Gerhard Rötzschke teilgenommen hatte. Hierbei handelt es sich offensichtlich um Testläufe, die für sportmedizinische Forschungszwecke genutzt wurden. Dazu aber im nächsten Beitrag mehr.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Die Jenaer Teilnehmer beim Marathon im Rahmen des Turn- und Sportfestes 1977 in Leipzig v. l. Bernd Löschner, Lothar Seifarth, Gerhard Rötzschke und Hans-Georg Kremer.

In: Thüringische Landeszeitung vom 9. März 2018

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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