Jenaer Sporthistorie - Zur Geschichte der Jenaer Turnvereine Teil 3
Als die Turnhalle zum Pferdestall wurde

Im vorigen Beitrag über die Jenaer Turnvereine hatte sich ein Fehler eingeschlichen, wie uns unser treuer Leser Hermann Kleppe mitteilte. Wolfgang Thüne gewann nicht eine Goldmedaille sondern mit der DDR-Mannschaft 1972 in München die olympische Bronzemedaille. Hermann Kleppe ist bei dieser Information absolut glaubwürdig, stammt er doch wie Thüne aus Halberstadt und hatte diesen als Schüler an die Sportschule nach Bad Blankenburg zu Harry Pippardt geholt.

Zurück zur frühen Jenaer Turnvereinsgeschichte: Der Jenaer Turnverein 1859 (JTV) war der älteste Turnverein in Jena, sieht man mal von den studentischen turnenden Verbindungen ab, auf die wir später noch zurückkommen werden. Er wird in manchen Eigendarstellungen auch Jahn-Turnverein genannt, was weniger auf das Programm sondern auf den Standort, der Jahnstraße, zurückzuführen ist. Das Turnen nach Friedrich Ludwig Jahn war ansonsten bei allen Jenaer Turnvereinen inhaltlicher Schwerpunkt.

Der JTV war auch der mitgliederstärkste Turnverein in Jena. Für 1921 ist überliefert, dass der Turnverein erstmals nach dem I. Weltkrieg die Mitgliederzahl auf über 600 steigern konnte. Im gesamten Jahr wurden 565 Übungszeiten mit 14.572 Teilnehmern abgehalten. Die größte Abteilung war die allgemeine Abteilung mit an die 100 Mitgliedern. Dazu kamen mehrere Turnriegen, die sich nach Altersklassen aufteilten. Als gesonderte Sportabteilungen wurden die Fechter und die Spielabteilung (Handball und Faustball) angeführt. Stolz berichtete der Verein, dass 64 Frauen zur Turnerinnenriege gehörten. Die Mitgliederzahlen konnten bis in die 1930er Jahre auf über 800 gesteigert werden, womit der JTV auch größer war, als die beiden Sportvereine 1. SV (heute FC Carl Zeiss) und VfB (heute USV). Lediglich der TSM Schott konnte ab Mitte der 1930er Jahre mehr Mitglieder aufweisen, was aber auf Grund des Verbotes der Arbeitersportvereine durch die Nationalsozialisten 1933 ausgelöst wurde, weil viele Arbeiterturner bei Schott „Unterschlupf“ fanden. Auch der TVJ scheint davon profitiert zu haben, weist seine Mitgliederstatistik von 1935 doch stattliche 844 Mitglieder davon 135 Frauen und 277 Schüler aus. Der JTV hatte das breiteste Sportartenangebot aller Jenaer Turnvereine mit Gymnastik, Leichtathletik, Handball, Schwimmen, Ringen, Gewichtheben, Fechten, Ski, Bergsteigen, Wandern und einen Spielmannszug.

Die genauen Entwicklungslinien des Vereins sind nur sehr mühsam zu erschließen, ging doch sein umfangreiches Archiv einschließlich der Vereinsbibliothek sowie der Foto- und Urkundensammlung nach Kriegsende 1945 verloren, da die Vereinsturnhalle und das Vereinshaus von der „Roten Armee“ besetzt wurden. Die Turnhalle soll sogar als Pferdestall genutzt worden sein. Reste der Unterlagen, vor allem Urkunden und Fotos, wurden dann bei einer Bodenberäumung von Mitarbeitern des Studentensports der Uni entsorgt oder privatisiert. Sicher befinden sich im Privatbesitz älterer Jenaer Familien noch unbekannte Fotos und Unterlagen des Vereins, die der Autor der Serie gerne für die Jenaer Sportgeschichte erschließen würde.
Den JTV kann man auch als den „vermögendsten“ Verein in Jenas Turn- und Sportlandschaft bezeichnen. Er hatte zwei Immobilien für seine Zwecke erworben und ausgebaut. Das war das Grundstück zwischen Lutherstraße und Jahnstraße, wo sich die Turnhalle, das mehrgeschossige Vereinshaus mit Gaststätte, Übungsräumen, Wohnung und Archiv und ein großer Turnplatz befanden. Auf diesem steht heute die Kegelbahn und ist ein großer Parkplatz. Dazu kam ein 35.000m² großes Grundstück im Jenaer Forst, wo ein Turnplatz und ein Vereinsheim von den Turnern in Eigenleistung erbaut worden waren.
Bei der Enteignung der Turn- und Sportvereine 1945 wurde der Immobilienwert des JTV auf 90.000 Reichsmark (RM) geschätzt und auf der Bank lag noch ein Barvermögen von 20.000 RM. Insgesamt wurde damals zu Gunsten der Stadt ein Vermögen aller Vereine von Höhe von einer halben Million Reichsmark beschlagnahmt und nie zurückerstattet.
Harry Pippardt, eines der letzten aktiven Mitglieder hatte 1990 nach der Wende versucht, zumindest eine Rückübertragung der Immobilien zu erreichen, was aber daran scheiterte, dass er nicht die Mindestanzahl von sechs ehemalige Mitglieder fand, die den Jenaer Turnverein 1859 wiedergegründet hätten. Er selber stammte aus einer alten Turnerfamilie. Der Vater Richard war aktiver Wettkampfturner und Riegenführer, die Mutter war ebenfalls aktive Turnerin und leitete die Damenriege. H. Pippardt hatte seine größten sportlichen Erfolge im Erwachsenenbereich z. B. 1951, als er DDR-Vizemeister im Kanuslalom wurde. Im Turnen wurde er beim „Deutschen Turn- und Sportfest“ 1956 in Leipzig Zwölfkampfsieger. Damals war er Turner beim der BSC Motor Jena.
Als ein in Jena ausgebildeter Sportlehrer ging Pippardt an die Kinder- und Jugendsportschule nach Bad Blankenburg. Später wurde er Lehrkraft am Sportinstitut der Uni und war auch als Übungsleiter in der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) mit Alfred Wehner, Rolf Ziegler, Helmut Stürmer und anfangs Feo Gutewort aktiv. 1990 übernahm er wichtige Leitungsfunktionen im Turnen bei der Gründung des TuS Jena aus dem SC Motor und der BSG Motor Jena. Er konnte aber hier ebenso wie im USV seine Vorstellung zur Pflege der Jenaer Turntraditionen nicht durchsetzen. Daher schloss er sich als Fördermitglied dem USV an, um hier wenigsten wertvolles Material zur Turngeschichte mit zu erhalten und zu erschließen.

Dr. Hans-Georg Kremer

Bildunterschrift: Aus dem Familienfotoalbum der Pippardts stammt das Foto von der Damenriege (Mitte der 1920er Jahre), hier in der Vereinskneipe vor der Traditionswand mit vielen Urkunden und Fotos.

In: Thüringische Landeszeitung 29. November 2017 Nr. 565

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