Zur Geschichte des Hockeysports in Jena
Als Indische Studenten Jena Hockey spielten

Im neunten Beitrag zu den Jenaer Turnvereinen hatten wir die Anfangszeit des Turnvereins Wenigenjena (TVW) vorgestellt. Durch Dokumente und Fotos aus dem Besitz der Familien Otte, Meichsner und Bürger lassen sich einige Details gut rekonstruieren. Der 1885 im Vorort Wenigenjena gegründete Verein entwickelte sich rasch zu einem Turn- und Sportverein. Im Gegensatz zu den übrigen Turnvereinen hatte er sehr früh Disziplinen aufgenommen, die sonst nicht unbedingt zum Sportartenkanon der Deutschen Turner gehörten, wie Leichtathletik und Hockey.
Da der TVW schon vor 1900 über einen eigenen Turnplatz verfügte, der sich hinter der Schillerkirche in Richtung Ostschule befand, hatte er genügend Wiesenflächen für die Spielsportarten Hockey, Faustball und Handball. Auf alten Fotos erkennt man auch ein Gebäude mit der Aufschrift Turnverein Wenigenjena. Ob es sich bei diesem nur um ein Vereinshaus oder auch um eine Turnhalle handelte, konnte noch nicht eindeutig geklärt werden.
Der langjährige Vorsitzende, der Optiker Gustav Wagner verstarb 1925 nach fast 40 Jahren erfolgreicher Amtszeit. Schon zu seiner Amtszeit und auch später taucht der Name Wagner, darunter Mitte der 1930er Jahre sogar noch mal ein Gustav Wagner, mehrfach unter den Vorstandsmitgliedern auf. Ob diese miteinander verwandt waren, konnte bisher nicht geklärt werden.

Da die gepachteten Sportstätten hinter der Schillerkirche von der Stadt für den Wohnungsbau benötigt wurden, bauten die Mitglieder des TVW einen neuen Turn- und Sportplatz am Jenzigweg, der in seiner Grundsubstanz noch heute existiert. Diese größere Anlage bot besonders den Spielsportarten bessere Bedingungen. Außerdem bekam dieser Turn- und Sportplatz eine Leichtathletikanlage mit einer 400 Meter-Laufbahn, der vierten in Jena.

Die Hockeyspieler des TVW gehörten dem Thüringer Hockeyverband an, der 1913 im Weimarer Hotel „Sächsischer Hof“ gegründet wurde. Gründungsvereine waren außer dem SC Erfurt, der VfB Jena (heute USV), der SC Weimar, der ATV Gothania Jena, der HC Weißenfels und die Gothaer Vereinsjugend. Vorsitzender wurde der aus Weimar stammende W. A. Sömmering (für den SC Erfurt). Zweiter war Vorsitzender Dr. G. Feigl vom VfB Jena. Das erste offizielle Hockeyspiel in Thüringen, welches bisher nachgewiesen werden konnte, fand am 10. Dezember 1911 zwischen dem VfB Jena und dem Sport-Club (SC) Erfurt statt. Es endete 1:1. Der VfB, der erst im Frühjahr 1911 gegründet worden war, hatte von Beginn an Hockey unter seinen Abteilungen. Diese strahlte auch auf andere Vereine in Jena aus, so dass im Juni 1912 der Akademische Turnverein (ATV) „Gothania“ ebenfalls mit einer Hockeymannschaft in Erscheinung tritt. In Halle, welches damals zum Turnkreis Thüringen gehörte, spielten die Gothanen gegen den dortigen ATV Hockey- und Faustball. Dieses Hockeyspiel wurde als erstes Landeshockeyspiel von Thüringer Studenten gezählt. „…Es hatte eine erfreuliche Zuschauermenge auch aus akademischen Kreisen angezogen. Der Schiedsrichter zeigt sich der Aufgabe nicht gewachsen, sonst hätten die Gothanen nicht 9:2 verloren“, kann man in der Zeitung lesen.
Nach dem ersten Weltkrieg entwickelte sich beim I. Sportverein (1.SV) Jena (ab 1921) und beim TVW (ab 1923) Hockeyabteilungen, damals häufig noch als Stockball bezeichnet. Bereits zwei Jahre später berichtet der TWV anlässlich seines 30jährigen Stiftungsfestes, dass die Hockeymannschaft, deutschlandweit als starker Gegner geachtet ist. Die Hockeyabteilung des TVW hatte bald mehrere Mannschaften in verschiedenen Altersklassen. Mit insgesamt über 700 Mitgliedern war Anfang der 1930er Jahre der TVW nach den Glaswerkern und dem Turnverein 1859 der drittgrößte Turn- und Sportverein in Jena.
Hockeyspiele gegen den 1. SV und den VfB wurden regelmäßig zu Lokalderbys mit bis zu 1000 Zuschauern, bei denen der TVW häufig als Sieger vom Platz ging.
Besondere sportliche Höhepunkte gab es im Jenaer Hockeysport 1938, als der TVW gleich drei Mal ausländische Spieler zu Gast hatte. So kamen eine Lehrlingsmannschaft aus England und aus Ungarn und eine Mannschaft indischer Studenten, die in England studierten. Das Spiel gegen die Inder fand am 28. Dezember 1938 auf dem Hockeyplatz in Wenigenjena statt. Die indische Mannschaft, die am Vorabend aus Hannover gekommen war, wurde am Anreisetag mit einem Empfang geehrt. Nach dem Spiel lud der Rektor der Universität, Prof. Abraham Esau die Spieler ein. Das Spiel, dass auf einem vorher vom Schnee beräumten Platz bei ziemlicher Kälte vor 400 Zuschauern stattfand, endete 3:2 für die Inder. Die Männer des TVW Wenigenjena hielten aber lange mit. Erst zwei Minuten vor Schluss konnten die Gäste das Schlussergebnis erreichen.
Die Hintergründe für dieses Spiel müssen noch genauer ausgeleuchtet werden, fand es doch zu einem Zeitraum nach dem Anschluss Österreichs und der Abtretung des überwiegend deutschsprachigen Sudetenlandes von der Tschechoslowakei nach dem Münchener Abkommens statt, bei denen Englands Premier Chamberlain eine wesentliche Rolle gespielt hatte.
Eine beim Empfang der indischen Studentenmannschaft ausgesprochene Einladung an die Hockeyspieler des TVW nach Indien zu fahren wurde nicht realisiert. Im Gegenzug zu den Spiel der englischen Jugendmannschaft fuhr der TVW im Frühjahr 1939 nach England um dort gegen einige englische Schüler und Studentenmannschaften zu kämpfen. Die Wenigenjenaer Jugendlichen waren überwiegend bei Zeiss als Lehrlinge beschäftigt, weswegen es dazu auch eine umfangreiche Berichterstattung in der Betriebszeitung gab. Was aber eine spätere Geschichte ist.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Familienbesitz von Otte/Meichsner stammt das Foto von 1938, auf dem der Empfang der indischen Studenten im Vereinsheim des TWV zu sehen ist.

In: Thüringische Landeszeitung vom 7. November 2018 Nr. 611

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