"Wander-Lücken" im Lexikon der Stadtgeschichte von Jena
Bequeme Wege, Ruhebänke und Gehölzanpflanzungen

Für die Entwicklung der Wanderbewegung in Jena und Umgebung war um 1900 vor allem der Zweigverein Jena des Thüringer Waldvereins verantwortlich. Während die Turnvereine und der Alpenverein regelmäßig Wanderungen oder Turnfahrten für ihre Mitglieder organisierten, machte der Thüringer Waldverein seine Wanderungen meist als offene Angebote an alle interessierten Jenaer und Jenenser. Im Hintergrund stand zwar die Idee, dadurch Mitglieder zu gewinnen, was aber nicht zwingend für die Teilnahme vorausgesetzt wurde. Der Thüringer Waldverein dürfte damit einer der wichtigsten Wandervereine in Jena zwischen 1900 und 1914 gewesen sein, was auch an seiner umfangreichen Publikationstätigkeit in der Jenaer Presse sichtbar wurde, hinter der vor allem Constantin Helmrich stand. Bisher kaum erforscht wurde die Rolle der „Wandervogelbewegung“ in Jena, die nach Raik Seela (Die Wanderbewegung in Thüringen – ein historischer Abriss) um 1904 auftaucht.
1880 wurde der Gesamtverein des Thüringer Waldvereins in Eisenach gegründet. Zu Jena berichtet das Volksblatt am 1. April 1901, dass der Zweigverein Jena des Thüringer Waldvereins auf seiner ersten Jahresversammlung berichten konnte, dass er 42 Mitglieder habe. Auf Antrag des Rechnungsrats Lichtwer sollten von den Beitragsgeldern 100 Mark für Wegweiser und Wegebeschreibungen verwendet werden. Außerdem sollten ab 1901 auch Sommerausflüge unter kundiger Führung stattfinden, um Interesse an einer Mitgliedschaft zu wecken. Dazu sollte es Veröffentlichungen in der Presse geben.
Der Thüringer Waldverein übernahm vor allem die Anlegung und Pflege von Wanderwegen, von Beschilderungen und später auch von Ruhebänken. Damit hatte er ähnlich der Fuchsturm-Gesellschaft, der Jenzig-Gesellschaft und vor allem dem Verschönerungsverein ganz wesentlich zur wandermäßigen Erschließung der Jenaer Umgebung beigetragen. Leider fehlt dieses Kapitel im kürzlich erschienenen Lexikon der Stadtgeschichte ebenso wie die um 1900 gegründete Kernberggesellschaft. Diese plante u. a. den Bau eines Aussichtsturmes auf den Kernbergen und sammelte dafür Geld. Des Weiteren kümmerte sie sich um den Wegebau und deren Unterhaltung im Gebiet der Kernberge.
Zu beiden gemeinnützigen Vereinen berichtet 1901 das Jenaer Volksblatt: „Das zwischen Ziegenhainer-, Saal- und Fürstenbrunnenthal liegende Kernberggebiet mit bequemen Wegen, Ruhebänken und Gehölzanpflanzungen auszustatten, ist die besondere Aufgabe der Kernberggesellschaft…Der Thüringer-Waldverein Zweigverein Jena endlich betrachtet seine wichtigste Aufgabe, die empfehlenswertesten Wege nach beliebteren Zielpunkten der weiteren Umgebung für den Touristen in zweckmäßiger Weise zu bezeichnen.“ Im Jahresbericht der Kernberggesellschaft für 1908 kann man lesen: „Drei neue Wege von der Oberen Horizontale zur alten Horizontale wurden angelegt. Nach dem weidischen Muster wurden eine Steinbank am Dietrichstein und eine in der Nähe des Steinkreuzes gebaut. 3000 Bergerlen wurden gepflanzt. Die Vereinsausgaben im Jahre 1908 betrugen 461,00 Mark. Die Jahreseinnahme betrug je 1,00 M von jedem der 159 Mitglieder und 156 Mark nach der Sammelliste.“
Zwischen der Kernberggesellschaft und dem Thüringer Waldverein gab es zumindest bis zum Beginn des I. Weltkrieges 1914 eine Vielzahl gemeinsamer Aktivitäten. So wurde vom Vorsitzenden der Kernberggesellschaft, dem Realschullehrer Ernst Piltz, für das Jahr 1907 die Anlegung eines neuen Weges von „Bauers Freude“ über das Plateau nach Ziegenhain angekündigt. 12 neue Wegweiser waren geplant. Mit dem Wegebau war der Oberlandesgerichtssekretär Constantin Helmrich, der beste Kenner von Weg und Steg in der Umgebung betraut worden.
Letzteren sucht man ebenfalls im ansonsten hervorragend zusammengestellten Lexikon der Stadtgeschichte vergebens, obwohl er einer der renommiertesten Wanderleiter in Jena, bis zu seinem plötzlichem Tode im November 1913, gewesen war. Ab Mitte 1895 publizierte er regelmäßig im Jenaer Volksblatt zu heimatkundlichen Themen und zu Wanderrouten im Saaletale, was er 1898 zu einem Büchlein unter dem Titel „Wanderbilder und Waldpartien aus Jenas Umgebung und dem Saaletale“ zusammenfasste. Dem Zweigverein des Thüringer Wald Vereins trat er als Mitglied Nr. 100 bei. Er organisierte etwa 300 Wanderungen, an denen sich bis zu 150 Wanderer beteiligten. Im Thüringer Waldverein hatte er neben der Funktion des Wanderleiters auch die des Schriftführers inne.
Zeitweilig organisierte Helmrich alle drei Wochen eine öffentliche Wanderung. Sein Einzugsgebiet war anfangs die Umgebung von Jena, später das gesamte Saale- und Ilmtal und ausgewählte Regionen des Thüringer Waldes.
Zum 25. Todestag 1938 setzte der Thüringer Waldverein ihm zu Ehren ein Denkmal und eine Steinbank auf den Kernbergen, an der Stelle, wo die obere Horizontale entlangläuft, die Helmrich ganz wesentlich mit gebaut hatte. Der Gedenkstein wurde zu DDR-Zeiten für Ernst Haeckel umgearbeitet und auch der Name wurde in Haeckelhöhe verändert.
Für den Aussichtsturm auf den Kernbergen waren 1907 auf einem bei der Sparkasse angelegten Konto „Aussichtsturmgelder in Höhe von 385,71 Mk. eingegangen“. 1907 hatten der Bankier Strupp und die Sparkasse je 50, Trüper 20 und Haeckel 10 Mk. gespendet, berichtet der Kassenwart Heitmann der Kernberggesellschaft. 1908 wurde das Projekt des Turmbaus offiziell aufgegeben. Was mit dem bereits erworbenen Grundstück geschehen ist, ist unbekannt.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Die Seniorenwandergruppe des USV besuchte die „Helmrichbank“, die heute Ernst Haeckel gewidmet ist.

In: 
Thüringische Landeszeitung vom 22. August 2018 Nr. 600

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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