Ringen in Jena
„Das Publikum johlte, zischte, pfiff, trampelte“

In unserer Serie spielen bisher die Kampfsportarten kaum eine Rolle, obwohl gerade Ringen und Boxen zu den ältesten Sportarten überhaupt gehören. Mit Beginn der „Olympischen Spiele“ 776 v. Chr. in Griechenland war Ringen eine „olympische Disziplin“, ab 648 v. Chr. mit dem Faustkampf zum Pankration verbunden. Als 1896 die Olympischen Spiele der Neuzeit erstmals organisierte wurden, gehörte das Ringen ebenfalls fest ins Programm, wenn es auch in den letzten Jahren mehrfach Versuche gab, diese Sportart vor allem wegen der Nichtanpassung ihres Regelwerks an die Vorgaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), zu streichen, was aber inzwischen geklärt werden konnte.
In Deutschland gab es die ersten Meisterschaften der Ringer Anfang der 1920er Jahre. In der Jenaer Sportgeschichte taucht nach bisherigem Kenntnisstand erst 1910 ein Ringerwettbewerb in der Presse auf. Am 2. August 1910 kündigt das Jenaer Volksblatt einen internationalen Ringerwettkampf im Jenaer Stadttheater an. Als Teilnehmer waren gemeldet: Roland aus Hamburg, Winter-Österreich, Alb. Hein-Berlin, Gehrmann-Magdeburg, Hubert-Schweiz, Charles Bernhard-Belgien, Philip Heß-Badischer Landesmeister, Herm. Jenne- Elsass-Lothringen, Paradanoff-Russland und Borkowsky-Polen. Der Wettkampf war ein Profi-Showkampf, der mit seinem Manager durch ganz Deutschland zog. Die Wettkämpfe gingen über 14 Tage, und fast täglich berichteten die Zeitungen. Das Ganze war als „Show“ angelegt, mit einer auswärtigen Kapelle, die vor den eigentlichen Kämpfen zur Unterhaltung aufspielte. Am vierten Tag gab es Zuschauertumulte, worüber das Jenaer Volksblatt schrieb: „Ein Tumult, wie ihn das Stadttheater wohl selbst nicht bei Ablehnung des schlechtesten Theaterstücks erlebt hat, entstand gestern Abend bei dem dort stattgefundenen Entscheidungsringkampf Paradonoff-Borkowsky. Das Publikum johlte, zischte, pfiff, trampelte, kurz es zeigte alle die Untugenden, die man in Zeitungsberichten den Berlinern anläßlich der letzten jetzt verbotenen Ringkämpfe im Kietenmacherschen Lokale nachsagte. Man fragte sich angesichts solcher Vorkommnisse, ob die Ringkämpfe wirklich noch „Sport“ zu nennen sind und kann den Unternehmern derartiger Schaustellungen in ihrem eigenen Interesse nur empfehlen, Ringer zu verpflichten, von denen ein faires und satzungsgemäßes Ringen erwartet werden kann. Denn andererseits soll nicht verkannt werden, daß einzelne Ringkämpfe für Sportliebhaber wirklich ein Genuß bieten, wenn Ringer mit schönem Körperbau und prächtigem Muskelspiel sich in leidenschaftlich ehrlichem Wettkampfe messen.“ Die Kämpfe dauerten manchmal mehr als eine Stunde. Der längste Kampf war zwischen dem „Weltmeister“ Hein und dem Russen Paradanoff über eine Stunde und 23 Minuten. Hein siegte und Paradanoff protestierte dagegen. Er setzte anschließend 100 Mark, wenn er Hein nicht besiegen würde. Hein nahm die Herausforderung an. Das Endergebnis konnte noch nicht ermittelt werden.
Das Ringen galt um 1900 vor allem als Sport der Arbeiter und war in Athletikvereinen organisiert. Im Dezember 1900 wurde mit einer kleinen Anzeige im Jenaer Volksblatt die Gründung des Vereins „Ring- und Kraftsportverein Jena“ bekanntgegeben. 1907 zeigt der gleiche Verein sein Stiftungsfest an. 1921 erscheint er nur noch als Kraftsportverein und ab 1928 mit dem Zusatz Glashütte, der dann offensichtlich nach Gleichschaltung der Turn- und Sportvereine durch die Nationalsozialisten ab Mitte der 1930er Jahre zur Ringerabteilung bei „Turn- Sport- und Musikverein Glaswerk“ (TSM) wurde. Ab dieser Zeit kann man von einem regelmäßigen Übungs- und Wettkampfbetrieb ausgehen. Im April 1937 verloren die Glaswerkringer gegen Aufbau Leipzig 7:10. Der Sportfreund Plonka, der mehrfach auch als Wettkämpfer genannt wurde, musste als Kampfrichter einspringen. 1938 findet man die Ankündigung eines Wettkampfs gegen den voraussichtlichen Gaumeister „Turnerschaft Greiz“. Die Glaswerkringer verloren mit 3:4.
Der oben genannte Kurt Plonka sorgte auch für Kontinuität des Ringens in Jena nach Beendigung des II. Weltkriegs, indem er sich bereits im Juli 1945 als Spartenleiter beim Stadtsportausschuss anbot. Auf ihn ging die Aktivierung der Ringersektion der BSG Motor Schott zurück und später einer entsprechenden Abteilung beim Sportclub (SC) Motor Jena. 1952 wurde er in einem Zeitungsbericht sogar als „Ex-Weltmeister“ tituliert, wozu aber entsprechende Quellen fehlen.
Überhaupt entwickelten sich die Ringkampfsportler, spätestens nach Gründung des SC Motor Jena neben der Leichtathletik zu der erfolgreichsten Sportart in Jena. Bei der Ausgründung BSG Chemie Jena von der der BSG Motor Schott Anfang der 1950 Jahre waren die Ringer zu Chemie delegiert worden. Die meisten Ringerwettkämpfe fanden damals vor großer Publikumskulisse im Gewerkschafts-Haus statt. So gewann die „Chemie-Staffel“ 1951 überlegen gegen die Eisenacher. In der Zeitung stand: „Schon die Pioniere und Jugend gaben ihren Gegnern mit je 3:1 Punkten das Nachsehen. Hierbei ist allerdings die Niederlage des DDR-Jugendmeisters Loosch, der von dem starken Otto nach Punkten besiegt wurde, die Überraschung des Abends. Die Kämpfe der Senioren verliefen gleichfalls interessant und spannend. Hervorgehoben zu werden verdienen Prelle und Heißig, die beide erstmalig auf der Jenaer Matte rangen…Chemie siegte schließlich mit 6:1 Punkten.“
Von Peter Germar bekamen wir interessantes Archivmaterial ab den 1960er Jahren, was aber eine der nächsten Geschichten sein wird
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus der Fotosammlung von Peter Germar (rechts) stammt dieses Fotos von der DDR-Ringerolympiamannschaft von 1972, wo er sechster wurde.

In: Thüringische Landeszeitung vom 4. September 2019 Nr. 652

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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