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Jenaer Sporthistorie
Der erste Marathon im Trikot des FC Carl Zeiss Jena

Vom Jenaer Läufer Ernst Heinemann gibt es ein reproduzierbares Foto von 1924 in einer Ausstellung des GutsMuths-Rennsteiglaufs, als er einen Rennsteiglauf, der von Schmiedefeld zum Schneekopf führte, gewann.
Vom Jenaer Läufer Ernst Heinemann gibt es ein reproduzierbares Foto von 1924 in einer Ausstellung des GutsMuths-Rennsteiglaufs, als er einen Rennsteiglauf, der von Schmiedefeld zum Schneekopf führte, gewann.
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Der Mitgründer der heutigen USV-Laufgruppe, Gerhard Rötzschke, hatte kürzlich einen Teil seiner Laufdevotionalien dem USV Archivar übergeben. Bei der ersten Durchsicht der Urkunden, Fotos, Wimpel, Startnummern usw., die sowohl das USV-Archiv als auch das Stadtmuseum und das Stadtarchiv bereichern werden, fielen zwei Urkunden auf, die vom Jenaer Sportmediziner Prof. Dr. Jochen Scheiben für die Teilnahme an einem Marathon unterzeichnet sind. Die Urkunden stammen aus den Jahren 1978 und 1981. Dass in Jena Marathonläufe stattgefunden haben, ist relativ unbekannt. Dr. Rüdiger Grunow, der lange mit Gerhard Rötzschke gelaufen ist, hatte zwar mehrere Jahre die Idee verfolgt, in Jena einen Stadtmarathon ins Leben zu rufen, was aber u. a. an fehlenden Mitorganisatoren scheiterte. Viele Städte in ganz Deutschland entwickelten in den 1990er Jahren als Teil ihres Stadtmarketings Marathonläufe, von denen heute noch etwas über 100 existieren und wichtige Werbefaktoren für diese Städte sind. Gespräche mit der Stadt Jena und potentiellen Unterstützern ergab aber, dass es nicht möglich war eine attraktive Strecke, die gleichzeitig auch noch über einen längeren Zeitraum für den Fahrzeugverkehr gesperrt werden müsste, zu finden. Gleichzeitig sah sich die Laufgruppe des USV als potentieller Organisator überfordert, so dass die Idee wieder in der Versenkung verschwand.
Den ältesten Marathonbezug in Jenas Sportgeschichte findet man 1911, als der gerade erst gegründete Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV) ein großes Leichtathletiksportfest unter dem Namen „Olympische Spiele“ organisierte. Unter den Gästen war auch der für den SC Charlottenburg Berlin startende Julius Rieß, der Deutsche Marathonmeister (2:49:13,9) von 1910. Er startete wohl über 5- oder 10.000 Meter. Genaueres ist nicht überliefert. Vor dem I. Weltkrieg (1914-18) gab es nur sehr wenige Marathonläufe in Deutschland. Auch Langstreckenläufe waren vergleichsweise zu heute eher selten. Nur ein Jenaer Ergebnis wurde für diesen Zeitraum in Zeitungen gefunden, als am 12. September 1913 der Fußballklub Carl-Zeiss Jena meldete, dass beim 51-Kilometer-Laufen in Görlitz unter den 70 Teilnehmer das Vereinsmitglied Schütz in 3: 36: 6 mit großem Vorsprung den ersten Preis errang. Eine für Juli 1914 geplante Deutsche Meisterschaft im 100-Kilometer-Gehen, die von Jena bis Saalefeld und zurück führen sollte, scheint auf Grund der unmittelbaren Kriegsvorbereitung nicht stattgefunden zu haben.
Zwischen 1918 und 1945 ist bisher nur ein Marathonläufer aus Jena bekannt. Im August 1927 startete bei den Deutschen Meisterschaften im Marathon in Breslau Ernst Heinemann vom 1. Sportverein (früher FC Carl Zeiss). Heinemann war in den 1920er Jahren wohl der beste Langstreckenläufer Jenas, der zumindest auf Landesebene häufig auf dem Treppchen stand. Für Breslau wurde berichtet, dass dies sein erster Marathon war und dass er kurz hinter dem Erfurter Meisterläufer Hähnel ins Ziel kam. Karl Hähnel war eigentlich Geher, der bei den Olympischen Spielen 1932 im 50-km-Gehen Platz vier (5:06:06 h) erreichte und auf eine Vielzahl von Meistertiteln auf verschiedenen Gehdistanzen verweisen konnte. Er wurde zwischen 1921 und 1938 neunmal Deutscher Meister, zweimal Vizemeister und einmal Dritter im 50-km-Gehen. Heinemann wurde in Breslau 16. Seine Zeit ist nicht überliefert.
Nach dem II. Weltkrieg entwickelte sich Jena kontinuierlich zur Leichtathletikhochburg. Unter den Aktiven gab es eine ganze Reihe guter Langstreckenläufer, besonders der Sportstudent Wolfgang Ittershagen muss hier genannt werden. Der Versuch von Paul Dern, den dreimaligen Olympiasieger (5.000m, 10.000m u. Marathon) bei einem 5.000m-Lauf zu schlagen, kann man hier nur als Randnotiz einbringen, da Dern auf Grund seiner Spurtkraft wohl nur auf der ersten Runde an der Spitze des Rennens lag. In der Thüringer Rangliste von 1951 taucht dann ein Manfred Schulze von Chemie Jena auf, über den es sonst keine Nachrichten gibt. Seine Marathonbestleistung wird mit 3:37:45 angeben. Vergleichsweise stand damals der DDR-Rekord bei 2:32:00. Da er mit dieser Zeit auch schon 1954 in der Bezirksrangliste Gera geführt wurde, scheint er keinen weiteren Marathon gelaufen zu sein und auch kein anderer Läufer in Jena existiert zu haben.
Über den Marathonlauf findet man dann im Zusammenhang mit Jena erst 1964 wieder eine Information, als am 12. Juli bei den 15. Deutschen-Meisterschaften in der Leichtathletik ein Marathon ausgetragen wurde, bei dem Gerhard Hönicke (SC Karl-Marx-Stadt) in 02:19:52 gewann. Er war damit der erste Deutsche unter 2 Stunden und 20 Minuten. Mit 57 Jahren war Willi Litzmann aus Brandenburg damals der älteste Marathonteilnehmer. Über die Strecke wurde noch nichts gefunden. Zwei Jahre später fanden noch einmal die Deutsche-Meisterschaften in der Leichtathletik mit einem Marathon in Jena statt. Dafür konnte die Strecke inzwischen ausfindig gemacht werden und es ist zu vermuten, dass auch schon zwei Jahre vorher auf dieser Strecke gelaufen wurde. Start war am Freitagabend um 17.00 Uhr an der Neuen Schenke, heute in der Nähe des Fair-Hotels. Von dort ging es über Stadtroda bis nach Wolfersdorf, wo gewendet wurde. Die gleiche Strecke führte zurück über Lobeda und Wöllnitz ins Stadion, wo gegen 19.50 Uhr die 34 gestarteten Läufer erwartet wurden. Es siegte Gerhard Lange (SC Traktor Schwerin) in 02:17:23.
Zum Marathon der Jenaer Sportmedizin kommen wir im nächsten Beitrag.
Dr. Hans-Georg Kremer
Bildunterschrift: Vom Jenaer Läufer Ernst Heinemann gibt es ein reproduzierbares Foto von 1924 in einer Ausstellung des GutsMuths-Rennsteiglaufs, als er einen Rennsteiglauf, der von Schmiedefeld zum Schneekopf führte, gewann.

In: Thüringische Landeszeitung vom 28. Februar 2018 Nr. 577

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