Sportgeschichte der Jenaer Universität
Der Großherzog auf der Jenaer Gästeliste

Spätestens mit der Gründung der Urburschenschaften 1815 in der „Grünen Tanne“ in Wenigenjena, bekam der Sport an der Universität einen neuen Stellenwert. Bis dahin wurden Fechten, Reiten, Tanzen und Ballspiele von „privaten“ Anbietern, heute könnte man es als Fitnesstrainer bezeichnen, für die Studenten auf kommerzieller Basis organisiert. Friedrich Ludwig Jahn, auch als Turnvater bekannt, war es, der nach der verlorenen Schlacht von Jena und Auerstedt 1806, die Bedeutung der körperlichen Ertüchtigung der männlichen Jugend für zukünftige militärische Auseinandersetzung immer wieder hervorhob. Mit der Gründung des ersten Turnplatzes 1811 auf der Berliner Hasenheide konnte er mit Unterstützung des preußischen Königs seine als „Turnen“ bezeichneten sportlichen Übungen in der Praxis mit Schülern und Studenten umsetzen.
Die Burschenschaften hatten bei ihrer Gründung unter dem direkten Einfluss von Jahn das regelmäßige wöchentliche Turntraining in ihre Burschenschaftsordnung als Pflicht eines jeden Burschenschafters aufgenommen.
Da die Jenaer Universität seit ihrer Gründung 1558 die Landesuniversität der ernestinischen Herzogtümer war, muss man davon ausgehen, dass bei der Gründung der Urburschenschaften und der Aufnahme des Turnens ins Programm zumindest eine Duldung des damaligen Herzogs Carl August und seines zuständigen „Ministers“ J. W. v. Goethe vorlag. Auch die Beteiligung des unehelichen Sohnes des Herzogs, Carl v. Knebel, an den Aktivitäten der Urburschenschaften deutet daraufhin.
Überhaupt muss man Goethe als ersten „thüringischen Minister“ bezeichnen, der sich mit dem „Sport“ an der Universität beschäftigte. So findet man in seinen Tagebüchern u. a. am 29. Juni 1816 und am 16. August 1816, dass er den Turnplatz der Burschenschaften besuchte. 1817 bei einem Besuch des Turnplatzes ist sein Ausspruch belegt: „Die Turnerei halte ich wert, denn sie stärkt und erfrischt nicht nur den jugendlichen Körper, sondern ermutigt und kräftigt auch Seele und Geist gegen Verweichlichung.“
Mit dem Verbot der Burschenschaften und des Turnens 1819 in ganz Deutschland durch die Karlsbader Beschlüsse standen auch in Jena, trotz der eigentlichen wohlwollenden Haltung vom Goethe und Carl August, sportliche Aktivitäten nicht mehr auf den Besuchsplänen von Regierungsvertretern.
Erst 1912 taucht mit dem großherzoglichen Departementschef Arnold Paulssen wieder ein Regierungsvertreter bei einer universitären Sportveranstaltung auf. Beim Universitäts- Turn- und Sportfest, anfangs noch als „Akademisches Olympia“ bezeichnet, war er Ehrengast. Seitdem wird sein „Chef“, der Großherzog, regelmäßig unter den Preisstiftern von Sportveranstaltungen der Uni oder des Vereins- für Bewegungsspiele (VfB, heute USV), der mit der Uni aufs engste verknüpft ist, genannt. Zum Universitäts-Turn- und Sportfest 1914 wurde der Großherzog sogar in der Gästeliste geführt. Preisstifter waren damals auch andere gekrönte Häupter aus Thüringen, wie der Fürst Günther von Schwarzburg, Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg-Gotha sowie Herzog Georg II. von Sachsen Meiningen.
Der Großherzog, „der sein eminentes sportliches Interesse bewiesen hat u. a. durch seine persönliche Teilnahme an dem Vortrag von Carl Diem…“, dem Generalsekretär für die Olympischen Spiele im Jenaer Volkshaussaal „…und durch sein Eintreten für eine Wiederholung in der Residenz Weimar“, kann man in damaligen Berichten lesen.
Nach Abdankung des deutschen Kaisers und der übrigen Fürsten, auch in Thüringen, 1918 erscheint spätestens seit 1919, diesmal als Kultusminister der Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach Paulssen wieder im Zusammenhang mit dem Sport an der Uni. Er weilte wohl auch in seiner Amtszeit als erster „Ministerpräsident“ Thüringens (1920-21) beim ersten Unisportfest nach dem I. Weltkrieg unter den Ehrengästen. In seiner zweiten Amtszeit (1928 – 1930) war er ebenfalls in Sachen des „Sports“ persönlich in Jena, als es um den Bau der Landesturnanstalt (Muskelkirche) ging.
Richard Leutheußer, Ministerpräsident von Thüringen von 1924–1928, hatte schon kurz nach der Amtseinführung das 7. Universitäts-Turn und Sportfest 1924 besucht. Ein damals zu Ehren von Prof. Ludwig Knorr vergebener „Knorrpreis“ für den „Deutsch akademischen Mehrkampf“ wurde erstmalig an den Studenten Wolfrum vom Turnlehrerkurs vergeben. Dessen Name sollte auf einer Tafel in der Universität angebracht werden. Dazu gab es Siegerplaketten, die vom Ministerium gestiftete worden waren.
Anfang Juli 1926 wurde dann bei einem Treffen von Ministern, Beamten, der Stadt und der Uni unter Leitung vom Richard Leutheußer, die Errichtung einer Landesturnanstalt mit Universitäts-Turnhalle an den Teufelslöchern (Muskelkirche) beschlossen, sofern der Landtag der Finanzierung zustimmen würde. Als Vorbehalt wurde festgelegt, dass damit die Finanzierung der Landeskampfbahn (Stadion) in Weimar nicht gefährdet sein dürfe.

Auch 1928 war Leutheuser noch einmal beim Universitätsturn- und Sportfest, wo er die Eröffnungsrede hielt. Bei dieser Gelegenheit wurde dem Uniturn- und Sportlehrer Hermann Eitel der Ehrenbrief der Deutschen Sportbehörde für seine Verdienste verliehen. Ein Jahr später weilte, wie oben schon erwähnt, Arnold Paulssen, dann noch einmal auf der Baustelle der Muskelkirche, die dann ohne große Feierlichkeiten im November 1929 ihren Betrieb aufnahm. Fotos von den aufgeführten Besuchen von Regierungsvertretern beim Unisport wurden nicht gefunden. Im Nachlass von Paulssen im Hauptstaatsarchiv in Weimar gibt es aber ein Foto, das ihn 1928 bei der Eröffnung des Weimarer Stadions zeigt.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Fotonachweis: Arnold Paulssen 1928 bei der Eröffnung der Landeskampfbahn in Weimar (LATh - HStA Weimar, Nachlass Dr. Arnold Paulssen Nr. 9, Bl. 10).

In: Thüringische Landeszeitung vom 14. November 2018 Nr. 612

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