Jenaer Sporthistorie - zur Tennisgeschichte
Der Oberhofmarschall als Oberschiedsrichter

Mit Jubiläen gehen Sportvereine sehr unterschiedlich um. Da sind Vereine in Thüringen beheimatet, die jedes Jubiläum nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Der Zusammenhalt wird durch gemeinsame Jubiläumsveranstaltungen gefestigt und die Werbung im Vorfeld auch für wichtige Vereinswettbewerbe genutzt. Nachgewiesen ist z. B., dass bei den größeren Traditionslaufveranstaltungen, wie dem Rennsteiglauf oder dem Jenaer Kernberglauf, in Jubiläumsjahren die Teilnehmerzahlen deutlich höher liegen als in anderen Jahren. Andere Vereine suchen ganz bewusst auffällige Daten wie 11, 22, 33 oder 111 Jahre, um auf sich aufmerksam zu machen. Der USV Jena hätte sicher fast jedes Jahr ein wichtiges Jubiläum zu melden, so können die fast 30 Abteilungen auf unterschiedlichste Gründungsdaten verweisen. Die älteste Abteilung des USV ist die Abteilung Tennis, die in diesem Jahr auf 110 Jahre zurückblicken kann. Dass ist ungewöhnlich, da der USV Jena insgesamt erst im Frühjahr 1911 aus der Taufe gehoben wurde und in drei Jahren auf 110 Jahre blicken kann. Das ist vielleicht ein Anlass, dass er endlich die Sportplakette des Bundespräsidenten für 100jährige Vereine verliehen bekommt.
Das ganz genaue Gründungsdatum der Tennisabteilung des USV ist bisher noch nicht gefunden worden, muss aber vor dem 25. März 1908 liegen. An diesem Tag schrieb der als „Vater des modernen Sports“ in Jena bekannte Hermann Peter an den Oberhofmarschall beim Weimarer Großherzog: „Nachdem sich vor kurzem hier ein Tennis-Wettspielverein gebildet hat, der die Durchführung der dieses Jahr in Jena stattfindenden internationalen Tenniswettspiele übernehmen will…betrachten wir es als unsere Pflicht, Eure Hochwohlgeboren zu bitten, ihrer königl. Hoheit dem Großherzog unseren Dank vorzutragen zu wollen für die allergnädigste Genehmigung, daß die von ihm gestifteten Preise auch in Jena ausgespielt werden dürfen, zugleich bitten wir, s. königl. Hoheit wollen die Gnade haben unser Turnier zu besuchen…“ Außerdem bot Hermann Peter den Oberhofmarschall v. Meyenburg an „…das Oberschiedsrichteramt wieder übernehmen zu wollen…“ Letzteres lässt darauf schließen, dass v. Meyenburg offensichtlich selber Tennisspieler war und bereits bei dem Vorgängerturnier, welches in Weimar stattfand, als Schiedsrichter tätig gewesen ist. Zumindest war das Oberhofmarschallamt in Weimar zuständig für die Vergabe der Tennisplätze am Stern, unweit des Goethegartenhauses, so dass es zu seinen dienstlichen Pflichten gehörte sich mit Tennisfragen zu beschäftigen. In diesem Zusammenhang kam er auch mit Hermann Peter zusammen, der als der Tennisplatzbauexperte in Thüringen galt. So kann man in der Chronik des Weimarer Tennisclub 1912 lesen, dass 1905 ein Weimarer „Law-Tennis-Consortium“ unter Leitung des Landgerichtspräsidenten Bachmann beim Großherzog die Genehmigung zum Bau einer Tennisanlage beantragt habe und weiter: „…entsprechend den Jenaer Plätzen als Sandplätze. Der Bau, der noch im gleichen Jahr fertig wird, erhält fachliche Anleitung durch den Jenaer H. Peter.“
Bereits im Herbst 1907 hatte Hermann Peter in der Jenaischen Zeitung das oben erwähnte internationale Tennisturnier in Jena angekündigt, weshalb Tennisexperten sogar von einer Gründung des Tennis-Wettspielvereins Jena zu diesem Zeitpunkt ausgehen, was aber nicht nachgewiesen werden kann.
Der Tennis-Wettspielverein, zu dessen Gründungsvorstand Hermann Peter als Schriftführer gehörte, assoziierte nach der Gründung des Vereins für Bewegungsspiele (VfB), dem Vorläufer des USV, zunehmend mit diesem und spätestens in den 1920er schlossen sich die Tennisspieler als sehr eigenständige Abteilung dem VfB an. Sie führten aber noch lange ein eigenes Logo, welches aus einer Eule, dem Wappentier der Wissenschaft, die auf einem Tennisnetz sitzt, bestand.
In Jenas Vereinsstrukturen ist Tennis eigentlich noch älter, denn der 1893 von Hermann Peter ins Leben gerufene „Spielplatzverein“ hatte mindestens drei Abteilungen: Fußball, Rudern und Tennis. I. Vorsitzender des „Vereins zur Herstellung eines Spielplatzes“ war der Chemiker Professor Ludwig Knorr, dessen sportliche Ambitionen in der Biografie im gerade erschienen Stadtlexikon völlig ausgespart wurde. Gerade für den Tennissport in Jena war er aber neben Professor Felix Auerbach eine wichtige Persönlichkeit. Knorr hatte sich an seiner Villa in der Kahlaer Straße einen eigenen Tennisplatz bauen lassen, auf dem er regelmäßig mit Freunden, Bekannten und Verwandten Tennis spielte. Von Auerbach ist bekannt, dass er schon vor der Einrichtung der Spielplätze in der Oberaue ab Herbst 1893 regelmäßig Tennisspieler um sich versammelte und auf der Landveste Tennis spielte. Ein Foto aus der Sammlung des englischen Daviscup-Spielers Arthur Westlake Andrews belegt für 1893 Auerbachs Tennisaktivitäten. Im „Deutschem Lawn-Tennis- Jahrbuch“ von 1896/7 heißt dazu: „Eine der genannten Gesellschaften ist der Lawn-Tennis-Club des Herrn Universitäts-Professors Dr. Auerbach, auf dessen Anregung die Entfaltung des Lawn-Tennis-Sports in Jena vor allem zurückzuführen ist. Sein Club fand sich als erster auf dem Vereins-Spielplatz 1894 ein, hatte aber schon 1893 auf einem anderen Platz das Spiel gepflegt. Anzahl der Mitglieder klein (maximum 20), da im Allgemeinen nur gute Spieler aufgenommen werden. Unter denselben sowohl Deutsche als Engländer, von denen einige auch in Homburg, Oxford u.a. a.O. gespielt haben. Wettspiele haben zwischen Engländern und Deutschen, sowie zwischen Weimar und Jena stattgefunden, und zwar Herren-Damen- und gemischte Preisspiele.“
Dr. Hans-Georg Kremer
Fotonachweis: Fotosammlung Kremer: Auf der Fotomontage sieht man das 1902 errichtete Tennishaus und das eigenständige Vereinssymbol (Logo) des Tenniswettspielvereins, welches bis in die 1930er Jahre verwendet wurde.

In: 
Thüringische Landeszeitung vom 25. Juli 2018 Nr. 596

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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