Geschichte des Gerätturnens in Jena
Der vergessene Trainer Wolfgang Gipser

Im Zusammenhang mit der Geschichte über den Erfinder des „Jäger-Saltos“, Bernd Jäger, die am 20. November 2018 veröffentlich wurde, wurde die Frage aufgeworfen, ob es eine Kontinuität bei der Entwicklung der Turnvereine in Jena vor und nach dem II. Weltkrieg gab. Bis 1945 existierten in Jena und den Vororten bis zu fünf bürgerliche, mindestens zwei akademische und bis 1933 bis zu vier Arbeiter-Turnvereine. Im Vergleich zu den vier Sportvereinen, waren damit die Turner deutlich in der Überzahl, auch was die Mitgliederzahlen betrifft. Dabei hatten die Turnvereine nicht nur das Gerätturnen, den Faustball, die Gymnastik, den Handball und ähnliche Traditionssportarten im Programm, sondern z. B. auch das Schwimmen. Der Turnverein Jena 1859 pflegte zudem das Sportfechten und hatte einen vorzüglichen Spielmannszug. Im Turnverein Wenigenjena wurde sogar Hockey und Leichtathletik, zeitweilig auch Fußball wettkampfmäßig betrieben, obwohl dies nach den Verbandstrukturen zu den Spiel- und Sportvereinen gehört hätte.
Nachdem sich spätestens ab 1946 in der sowjetischen Besatzungszone wieder ein regelmäßiger Sportbetrieb auf lokaler Ebene entwickeln durfte, findet man in den Sportgemeinschaften, die sich teilweise ab 1949 in Betriebssportgemeinschaften (BSG) umwandelten, auch einige Aktive und Funktionäre der Vorkriegszeit, z. B. Heinrich Rittberg (vor 1945 Turnklub Jena), Hildegard Nußbaumer (Turngemeinde Jena), Paul Duphorn (Turn-, Sport- und Musikverein Otto Schott) sowie Richardt und Harry Pippardt (Turnverein Jena 1859).
Das Gerätturnen, zeitweilig auch Kunstturnen genannt, gehört als Kernsportart nach 1945 eigentlich zu fast allen BSG’n. Bis zum Bau des Sportforums waren die Trainingsbedingungen für die Gerätturner in Jena eher „bescheiden“. Im Prinzip gab es nur die kleine Halle im damaligen Institut für Körpererziehung (Muskelkirche), die speziell für das Gerätturnen zur Verfügung stand. Dazu kam noch der ehemalige Lokschuppen am Westbahnhof, der als Turnhalle genutzt werden konnte. Diese und natürlich noch alle Schulturnhallen sowie die Halle des Turnvereins 1859, die ab den 1950er Jahren der Uni übergeben worden war, mussten sich die Turner mit vielen anderen Sportarten teilen.
Trotzdem entwickelten sich bis Mitte der 1950er Jahre leistungsstarke Turnriegen bei den BSG’n Motor Carl Zeiss, Motor Schott und der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV), von denen die besten Aktiven mit der Bildung von Sportclubs als Leistungszentren in der DDR 1954 zum SC Motor Jena wechselten.
Pioniere als Turntrainer und Übungsleiter der ersten Jahre waren: Heinrich Rittberg, Josef Miosga, Hermann Panzer, Herbert Menzel, Wolfgang Gutewort, Renate Döhler, Hedwig Rentsch um nur einige zu nennen.
Die Turnabteilung des SC Motor Jena begann 1954 nur mit dem Erwachsenenbereich, baute dann aber bald einen eigenen Nachwuchskader auf. Die erste Blütezeit des Clubs lag zwischen 1955 und 1960, als so hervorragende Turner wie Gerhard Braune, Lothar Heil, Fritz Böhm u. a., für den SC Motor Jena starteten und mehrere DDR-Meistertitel nach Jena holten. Vor allem Gerhard Braune, der als erster Jenaer 1953 DDR-Meister im Turnen wurde, kann man als Jenaer Eigengewächs ansehen, da er bei Schott groß geworden war.
Die Turnmannschaft bei der BSG Motor Carl-Zeiss blieb auch nach Gründung des SC Motor erhalten. Sie entwickelte einen umfangreichen Trainingsbetrieb vor allem für Kinder und Jugendliche, hatte aber auch gute Männer- und Frauen-Riegen. Im Gegensatz dazu verlor die HSG nach dem Wechsel der leistungsstarken Frauenriege zum Club für einige Jahre an Bedeutung.
Die frühen 1950er Jahre waren bei der BSG Motor Zeiss von vielen Auftritten der Turnmannschaften mit Kurt Rau an der Spitze, bei Städtevergleichskämpfen, Interzonenkämpfen und Schauturnen, zu denen immer bis mehrere hundert Zuschauer kamen, geprägt. Größere Wettkämpfe fanden häufig auf der Bühne des Volkshauses statt. Vor der Clubbildung 1954 verlagerte sich der Schwerpunkt des Erwachsenenturnens zeitweilig in die HSG, die mit einer entsprechenden Halle und einer Turnanlage im Freien, die besseren Trainingsbedingungen hatte. Die leistungsstärksten Frauen trainierten bei Wolfgang Gutewort. Feo Weibel (Gutewort) wurde 1954 Turnfestsiegerin im Achtkampf der Oberstufe. Die Männer von Carl Zeiss trainieren öfters gemeinsam mit Georg Pfeiffer (HSG), dem Leiter der studentischen Körpererziehung. Ab 1955 übernahm Rolf Rosemann die Leitung der Männermannschaft der BSG Motor Carl Zeiss bis 1975. Nach der Auflösung des Frauenturnens im SC Motor Jena entstand in der BSG Zeiss ab 1960 wieder eine starke Frauenmannschaft unter Leitung von Ursula Wendt und danach unter Erika Kröplin. Bei der HSG gab es besonders durch einige Sportstudentinnen, wie Irene Binder, die viermal Gold und Silber bei DDR-Meisterschaften holte, eine leistungsstarke Auswahl.
Für den Nachwuchsbereich wurde die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Bad Blankenburg, das Zentrum des Turnens im Bezirk Gera. Die meisten Kaderathleten gingen in den 1950er Jahren zu Dynamo Berlin. Diese Regelung war zentral so vorgegeben, bevor Bad Blankenburg die Delegierung zum SC Motor Jena vornehmen durfte.
Wichtiger Trainern von Bernd Jäger an der KJS war Wolfgang Gipser, der bei der Entwicklung des „Jäger-Saltos“, einen entscheidenden Anteil hatte, wenn die auch in dem eingangs zitierten Artikel „vergessen“ wurde. Ebenso muss Harry Pippardt, den man als den „Nestor“ des Turnens in der KJS Bad Blankenburg ansehen kann, genannt werden.

Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Fotonachlass von Harry Pippardt stammt dieses Foto, auf welchem er (li.) mit den Jugendturnern der KJS Bad-Blankenburg zu sehen ist, die 1959 DDR-Meister wurden.

In: Thüringische Landeszeitung vom 9. Januar 2019 Nr.619

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