Geschichte des Frauenfußballs in Jena
Die Damenfußball-Premiere im Zeiss-Trikot

Hartnäckig hält sich die Legende, dass Hugo Weschenfelder und die Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) die Begründer des Frauenfußballs in Jena gewesen seien. Für die Uni ist dies sicher richtig, für die Stadt Jena aber unzutreffend. Hugo Weschenfelder, der seit September 1955 Mitarbeiter der Abteilung studentische Körpererziehung der Uni war, betreute von Beginn an Männer-Fußballgruppen im Pflichtstudentensport. Daneben war er noch einige Zeit Spieler bei der 1. Mannschaft des SC Motor Jena (heute FC Carl Zeiss). Der Fußballhistoriker Udo Gräfe führt ihn mit sieben Toren bei Pflichtspielen.
Der Beginn des Frauenfußballs in Deutschland ist in den 1920er Jahren zu verorten, als Studentinnen und hier besonders solche der Leibesübungen, heute würde man Sportstudentinnen sagen, erste Fußballspiele organisierten. So ist für die Deutschen Hochschulmeisterschaften 1922 ein erstes Turnier belegt, wozu aber noch keine Ergebnisse gefunden wurden. Das erste dokumentierte Ergebnis eines Spiels zwischen Frauenmannschaften war ein 2:1 einer Münchner gegen eine Berliner Elf im Jahr 1927. Mit Beginn des II. Weltkrieges bekam der Frauenfußball einen neuen Stellenwert, obwohl das dem offiziellen nationalsozialistischen Frauenbild widersprach. Da es aber kaum noch männliche Sportlehrerstudenten gab, fast alle waren zum Militär eingezogen, mussten die zukünftigen Lehrerinnen diesen Part im Sportunterricht an den Schulen mit übernehmen. Von der Uni Jena ist bekannt, dass die sonst als erfolgreiche Leichtathletin bekannte Luise Lockemann als Assistentin des Instituts für Leibesübungen mit ihren Studentinnen regelmäßig Fußball spielte.
In der DDR kam es erst 1968 bei der BSG Empor Mitte-Dresden zur offiziellen Bildung einer Frauenfußballmannschaft. Diese Mannschaft war es auch, die am 13. September 1971 im Rahmen der II. Betriebsfestspiele des VEB Carl Zeiss Jena gegen die „Damenfußballmannschaft“, wie es damals hieß, von der BSG Carl Zeiss Jena-Süd spielte. Übungsleiter war ein Werner Reichert, dem der Ruhm des Begründers des Jenaer Frauenfußballs gebührt. Er hatte wohl im offiziellen Auftrag der BSG-Leitung Spielerinnen gewinnen können, die ein regelmäßiges Training aufnahmen und sich dann im Stadion erstmals vorstellten. Die Premiere verlief allerdings mit einem deutlichen Misserfolg. Die Jenaer Frauen verloren mit 0:8. In einem Zeitungsartikel der Volkswacht räsoniert ein H. J. E. in einem Leserbrief, dass es nicht nachvollziehbar gewesen sei, warum die Eröffnung der Betriebsfestspiele nicht auf dem durchnässten Rasen durchgeführt wurde, aber das Damenfußballspiel, wo doch am darauffolgenden Mittwoch das UEFA-Pokalspiel gegen Bulgarien stattfinden sollte. „Es ist inzwischen bekannt, daß der Damenfußball in unserer Republik in den Volkssportbereich eingegliedert wurde. Unter diesem Aspekt betrachtet, war es weiter unverständlich, daß eine gerade entstandene oder besser im Entstehen begriffene Jenaer Mädchenauswahl eine routinierte Dresdener Mannschaft einlud. Da mag mancher sagen: „Das Ergebnis ist unwichtig, durch Teilnahme haben alle gewonnen. Soweit so gut. Und dennoch wurden Volkssportmittel verausgabt, die besser hätten angelegt werden können. Wer bezahlte den Dresdener Mädchen die Reisekosten?““
Nach mündlichen Informationen trainierte die Mannschaft noch eine Zeit lang. Spiele gegen andere Mannschaften sind ebenso nicht bekannt, wie das Datum, wann sich die Mannschaft auflöste.
Hugo Weschenfelder tritt dann erst über ein Jahr später, am 20. Oktober 1972 im Zusammenhang mit dem Frauenfußball in Erscheinung, als er in der Universitätszeitung einen Artikel zum Damenfußball an der Uni schrieb. Darin kann man lesen: „Für interessierte Studentinnen besteht ab Herbstsemester 1972 die Möglichkeit, sich Montag 17.00 Uhr, in der Sektion Sportwissenschaft zum Fußballunterricht einzufinden.“ Diese Mannschaft, die noch nicht zur HSG gehörte, nahm den Trainingsbetrieb als Studentensportgruppe auf. Sie hatte aber wohl keinen dauerhaften Bestand, da im November 1981 im Wettbewerbsprogramm der Gewerkschaftsgruppe Studentensport angegeben wurde, dass eine Erweiterung des Sportartenangebots durch Ausdauerlauf, Wandern und Damenfußball erfolgen solle. Die neu gebildete Fachgruppe Fußball des Studentensports, zu der auch der Frauenfußball jetzt gehörte, bestand aus den Sportlehrern Hugo Weschenfelder, Peter Röhrig, Wilhelm Tell und der studentischen Hilfskraft W. Püschel. Zur Konsolidierung der Unterrichtsgruppe Frauenfußball sollte diese in den Wettspielbetrieb des Bezirksstudentensports und später des Bezirksfachausschusses Fußball einbezogen werden. Für Mai 1984 ist dann ein erstes studentisches Frauenfußball-Turnier mit vier Mannschaften, der Ingenieurschule Hermsdorf, dem Institut für Lehrerbildung Krossen, der Uni Jena und einer Sportstudentinnen-Mannschaft belegt. Aus dem umfangreichen Material zum FF USV, welches Prof. Werner Riebel dem Archiv übergab, befindet sich auch das Spielprotokoll eines Kleinfeldturniers für Frauenfußball, welches Weschenfelder im November 1985 organisierte. Eingeladen waren die BSG Modedruck Gera, BSG Greika Greiz, FSG Wissenschaft Hermsdorf und HSG Uni Jena. Die Greizerinnen traten nicht an. Die HSG gewann mit 4 Punkten und 5:0 Toren. Zweite war Gera mit 2:2 Punkten und 9:3 Toren und dritte Hermsdorf mit 0:4 Punkten und 2:13 Toren.
Für Jena waren aufgestellt: Ines Fohmann, Elisabeth Ringel, Katrin Mende, Sylvia Hartung, Petra Richter, Carmen Block, Anke Giesecke, Karen Brese, Bärbel Friedel, Heidi Vater, Kerstin Plehn.
Zur weiteren frühen Geschichte des Frauenfußballs in Jena muss noch viel Archivmaterial gesichtet werden.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus der Fotosammlung Kremer stammt dieses Foto von 1985, wo man Hugo Weschenfelder mit seinen Spielerinnen in einer Turnierpause erkennt.

In: Thüringische Landeszeitung vom 3. Januar 2019 Nr. 618

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