Jenaer Sporthistorie
Die Laufschuhe immer dabei

Wenn am Samstag über 350 Jenaer und Jenenser zum Rennsteiglauf fahren, ist Karl-Heinz Hoppe einer der Ältesten unter ihnen. Zwei Tage später, am Montag kann er seinen 80. Geburtstag begehen. Er reiht sich in die Jenaer „Senioren-Rennsteigläufer-Gilde“ ein, die von Eduard Malcolm, der mit 80 beim Rennsteiglauf 1975 an den Start ging, über Helmut Manske bis Eugen Hainlein, die alle schon über 80jährig erfolgreich beim Rennsteiglauf dabei waren, reicht. Karl-Heinz Hoppe startet wie im Vorjahr auf der Halbmarathonstrecke. 2017 noch in der AK (Altersklasse) 75 kam er mit 02:26:45 auf Platz 21. Bei gleicher Zeit würde er in diesem Jahr, in der AK 80 auf Platz sechs landen. Die Platzierung ist für ihn aber zweitrangig, sondern dass er zum 25Mal dabei ist, womit er dann offiziell zu den Traditions-Rennsteigläufern gehört, ist eine wichtige Motivation. Beim Kernberglauf hat Hoppe 25 Teilnahmen schon voll, wenn man seine Helfertätigkeit an der Getränkestelle am Fürstenbrunnen mit einbezieht. Seit 2011 hatte er hier nie eine schlechtere Platzierung als Rang fünf in der jeweiligen Altersklasse erreicht.
Karl-Heinz Hoppe stammt aus dem Eichsfeld und kam 1952 im Zuge einer „Werbeaktion“ des VEB Carl Zeiss als Lehrling nach Jena. Außer dem Schulsport war er bis dahin sportlich kaum aktiv gewesen. Zu seinen Sportlehrern an der Berufsschule gehörte der fast vergessene Mehrkämpfer und Speerwerfer Werner Fritzsch, dessen sportliche Biografie Klaus Brendel in seinem kürzlich erschienenen Buch „Wurf und Stoß im SC Motor Jena“ erstmalig publizierte. Fritzsch ermöglichte es dem Lehrling Hoppe, dass er an den Wochenenden den Schlüssel für die Turnhalle der Berufsschule (heute Ernst-Abbe-Hochschule) bekam, wo er mit Freunden Fußball spielen konnte.
Nach 4-jähriger Spezialausbildung als Feinoptiker erfolgte eine Delegierung von Hoppe zum „Traumstudium Außenwirtschaft“ in Berlin, dass er erfolgreich absolvierte und anschließend zurück zu Zeiss in die Exportabteilung kam. Er wurde mit 23 Jahren der jüngste Vertriebsleiter, im neuen Zeisswerk in Göschwitz. Später als Absatzdirektor im M-Betrieb (Mikroskopie/Mess- und Medizin), hatte er zeitweilig die Funktion des stellvertretenden Generaldirektors des Außenhandelsbetriebes inne. Durch den Kombinatsdirektor Biermann erfolgte die „sofortige Ablösung aus politisch-ideologischen Gründen“, womit auch Hoppes Tätigkeit als „Reisekader“ endete. Berichte von zwei Stasi-IMs u. a. über eine angeblich geplante „Republikflucht“ waren dafür wohl der Auslöser. Hoppe, der sich ständig im Abendstudium zum Diplomökonomen weiterqualifiziert hatte, kündigte daraufhin bei Zeiss und ging zu dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Borchert nach Halle, wo er promovierte und habilitierte. 1982 erfolgte seine Berufung zum Dozenten an die Universität Jena. 1987 bekam er eine außerordentliche Professur. Zur politischen Wende 1989/90 war er Sektionsdirektor und kurzzeitig Dekan der neu gebildeten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Er „…übernahm damit ein kompliziertes Amt, da Ende der 80iger nicht mehr zu leugnen war, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der DDR im internationalen Vergleich nicht mehr gegeben war. Mit dem Beginn der Wende begann eine euphorische aber auch eine dramatische berufliche Zeit“ resümiert er selber. In dem Buch „Der besondere Fall Jena…“ beschreibt Prof. Gottfried Meinhold ausführlich die Abwicklungen von „Hoppes“ Fakultät und die Festlegung, dass im Erneuerungsprozess keine Hausberufungen möglich waren. Hoppe stand das Glück zur Seite, da er bei anspruchsvoller Bewerbungslage einen Ruf für eine ordentliche Professur an die Technische Universität Ilmenau erhielt. Ein spezieller Auftrag war für ihn der Aufbau neuer internationaler Beziehungen. Neben der Mitwirkung an mehrjährigen Projekten lag ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit u. a. bei den Erneuerungsprozessen an der TU in Kiew/Ukraine zu helfen. Es folgten viele Gastvorlesungen in Washington, Montgomery, Atlanta, Los Angeles, etc.
Zurück zu Hoppes sportlicher Biografie: Vor 50 Jahren begann Karl-Heinz Hoppe aus gesundheitlichen Gründen mit dem Lauftraining. Mit seinem Abteilungsleiter von Zeiss, Wolfgang Schmöller und Klaus Berger bereitete er sich 1977 auf den Rennsteiglauf vor und schloss sich einer Laufgruppe an. Die berufliche Belastung verlangte einen körperlichen Ausgleich durch intensive Bewegung. Versuche, sich in Mannschaftssportarten einzubringen (Fußball, Volleyball) schlugen fehl, da er aus beruflichen Gründen feste Trainingszeiten nicht einhalten konnte. Als Ziel, welches er auch erreichte, stellte er sich mit Eintritt in das Rentenalter einmal die Erde (42.000Km) laufend umrundet zu haben. Bei allen seinen Auslandsaufenthalten in immerhin 78 Staaten weltweit hatte er stets seine Laufschuhe dabei und benutzte sie bei jeder Gelegenheit.
Besonders am Herzen lag ihm die möglichst regelmäßige Teilnahme am Rennsteiglauf. Die Eindrücke bei seinem ersten Start 1977, bekannt als der Lauf mit der schlechtesten Witterung mit Dauerregen und Kälte, waren so nachhaltig, dass er zukünftig regelmäßig die Marathonstrecke absolvierte. Die Mitgliedschaft bei der Laufgruppe der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) Jena, wo 1971 die Entwicklung des Rennsteiglaufs begann, trug dazu bei dass er zu DDR-Zeiten fast keinen Lauf ausließ. Voraussetzung für die Bewältigung solch anspruchsvoller Strecken war ein systematisches Training, das der heutige USV Jena viele Jahre anbot.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Fotoalbum von Hoppe stammt dieses Foto von der Rennsteiglaufvorbereitung 1977, v. l. P. Kühne, C. Berger, K.-H. Hoppe, W. Schmöller.

In: Thüringische Landeszeitung 23. Mai 2018 Nr. 588

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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