Rennsteiglauf-Historie
Ein Damenslip für Rennsteigläufer

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Kürzlich würde über den ehemaligen Generaldirektor des VEB Carl Zeiss in der Zeitung berichtet, dass er sich gegen Ende der 1980er Jahre persönliche dafür einsetzte, dass die Mitarbeiterinnen seines Kombinats mit Baumwollschlüpfern versorgt wurden, die damals in der DDR zu den Mangelwaren gehörten. Dabei ist er einige unbürokratische Wege gegangen, was er sich als Mitglied des Zentralkomitees der Staatspartei SED leisten konnte.
Auch der „Rennsteiglauf“ hat zu DDR-Zeiten die Hilfe hoher Partei- und Staatsfunktionäre in Anspruch genommen, wenn es galt komplizierte Versorgungsfragen zu lösen. Dabei war zu beachten, dass der allgewaltige „Sportchef“ der DDR, Manfred Ewald, den Rennsteiglauf am liebsten verboten hätte, da dieser aus einer Art basisdemokratischen Volkssportbewegung hervorgegangen war.
So ein „Helfer“ des Rennsteiglaufs war u. a. das einzige ZK-Mitglied unter den aktiven Teilnehmern in den Anfangsjahren, der Wismut-Parteichef Alfred Rhode (1921-1990). Er sicherte mehrere Jahre über die Wismutdruckerei in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) den Druck des Ergebnisheftes.
Ebenfalls in Karl-Marx-Stadt wurde über die private Siebdruckerei Bach die Herstellung von „Damenslips“ als Souvenir für die Rennsteigläufer organisiert. Die ganze Geschichte beginnt mit dem Sportstudenten Jens Wötzel, der zu den vier Jenaer Mitgründern (Kremer, Römhild, Wötzel, Wolfram) des Rennsteiglaufs gehört. Nach Beendigung seines Sportstudiums ging er zurück ins Erzgebirge, wo er zu Hause war. Von dort unterstütze er den Bereich Agitation und Propaganda des Rennsteiglauf-Organisationskomitees, heute würde man sagen Werbeausschuss, der sich vorwiegend aus Mitgliedern der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) Jena zusammensetzte. So gelang es ihm eine kleine Heimarbeitsfirma ausfindig zu machen, die Sportwimpel konfektionierte. Über diese wurde der Kontakt zur Siebdruckerei Bach hergestellt, die dann viele Jahre die T-Shirts für den Rennsteiglauf-Souvenirverkauf bedruckte. Bei einem Besuch der Druckerei, bei der Spielerhemden zum Druck angeliefert wurden, sah der Leiter des „Werbeausschusses“ kleine weiße Stoffteile, die mit einer Rose bedruckt wurden. Wie sich herausstellte war dies ein Großauftrag eines DDR-Konfektionsbetriebes für die Sowjetunion, für die in 100.000 Stückzahlen Damenslips produziert wurden. Vielleicht gab es auch daher einen Engpass bei der Versorgung der DDR-Damenwelt. Eher aus Spaß wurde die Frage gestellt, ob man nicht so etwas auch für den Rennsteiglauf produzieren könne. Ohne große bürokratische Hürden und mit Hilfe einiger limitierter Startkarten des Rennsteiglaufs für die Betriebssportgemeinschaft (BSG) des Textilbetriebs, gelang es die Betriebsleitung zu überzeugen, dass diese 1000 Slips abzweigte. Im „Werbeausschuss“ wurde dann über den Aufdruck diskutiert. Das Rennsteiglaufsymbol, ein „R“ mit umlaufenden Pfeil vom Jenaer Grafiker Klaus Hobrack sollte auf jeden Fall aufgedruckt werden. Rüdiger Grunow, der zum Werbeausschuss gehörte, schlug dazu einen Schriftzug mit dem zweideutigen Slogan „Einmal ist keinmal“ vor. Wie sich dann beim Verkauf herausstelle, war dies der „Renner“, die 1000 Slips innerhalb von einer Stunde verkauft. Zielgruppe waren aber offensichtlich nicht nur Läuferinnen, die den Mangel an Damenunterwäsche in der DDR beim Rennsteiglauf kompensieren wollten. Viele Läufer, die bekanntlich meist schlank sind, nutzen die originelle Unterwäsche selber, wie sich im Freundeskreis herumsprach. Noch einige Jahre gelang es immer 1000 Stück aus dem Exportauftrag abzuzweigen und mit immer neuen Sprüchen, wie „Je länger je lieber“ oder „Nur lieben ist schöner“ zu Gunsten des Rennsteiglaufs zu verkaufen.
Besonders bei Fußballvereinen war und ist der Verkauf von Souvenirs ein einträgliches Geschäft. Trikots, Wimpel und andere „Fan-Produkte“ bringen heute teilweise Millionen ein. Bei Bayern München kamen da in der letzten Spielserie fast 100 Millionen Euro zusammen. Beim FC Carl Zeiss ist es sicher weniger und im Haushalt des USV Jena, Thüringens größtem Mehrspartenverein, spielte es bisher keine Rolle. Positive Erfahrungen gab es in den 1990er Jahren beim Hanfriedturnier, wo Dr. Betina Justus spezielle T-Shirts zum Verkauf brachte. Zu DDR-Zeiten, als der USV noch HSG hieß, war beim Jena Unisport eine Zeit lang die Zentrale für die Herstellung und den Vertrieb von Souvenirs des Rennsteiglaufs. Davon profitierte auch der Kernberglauf, so wurden in der Gründerzeit um 1977 mit dem Verkauf von Sporttrikots, heute unter dem Sammelbegriff „T-Shirt“ zusammengefasst, einige hunderte DDR-Mark Gewinn erzielt.
Die beim Rennsteiglauf erzielten „Gewinne“ wurden u. a. für die Organisationskosten verwendet. Nach zentralen Festlegungen des DDR-Sports waren die „Startgelder“ je nach Bedeutung der Veranstaltung gedeckelt; auf Kreisebene z. B. 3,- M pro Starter, auf Bezirksebene 5,- M und bei DDR-Veranstaltung waren 8-10,-M üblich. Dieses Geld hätte für die komplizierte Organisation beim Rennsteiglauf nicht gereicht. Daher verzichteten die Organisatoren auf den Terminus „Startgeld“ und erhoben Teilnehmergebühren bzw. einen Teilnehmerbeitrag. Aber auch unter diesem Begriff durfte eine Summe von 20,- M nicht groß überschritten werden. Die Souvenireinnahmen und Spendengelder von Betrieben besserten die Rennsteiglaufkasse auf, so dass in manchem Jahr den mitorganisierenden Vereinen bis zu 1000,- Mark als Prämie für die Vereinskasse überwiesen werden konnte. Für etwa 150 der wichtigsten Organisatoren und Ehepartner wurde zudem ein schönes Abschlussfest mitfinanziert.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Foto eines „Rennsteiglauf-Slip“.

In: Thüringische Landeszeitung vom 9. Mai 2018 Nr. 586

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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