Geschichte des Jenaer Handballs
Ein Raffballspiel gegen Glashütte gewann Lichtenhain

Ein Raffballspiel gegen Glashütte gewann Lichtenhain mit 10:8

Die Weltmeisterschaften im Handball sind Anlass die Geschichte des Jenaer Handballs zu untersuchen. Beim Stadtsportbund Jena werden gegenwärtig zwei Vereine aufgeführt, in denen Handball gespielt wird. Das sind der Handballverein Jena 90 (HBV 90) und der SV Schott Jena. Der HBV 90 gibt seine Mitgliederzahl mit ca. 300 an. Bei Schott ist Handball eine Abteilung mit einer Frauenmannschaft, die zeitweilig mit dem SV Fortuna Großschwabhausen eine Spielgemeinschaft gebildet hatte. Der SV Schott ist mit 14 Abteilungen und ca. 1500 Mitgliedern der zweitgrößte Mehrspartenverein nach dem USV Jena in der Stadt. Da er 1896 gegründet wurde, ist er gleichzeitig mit 123 Jahren der älteste Jenaer Turn- und Sportverein.
Die Deutsche Turnerschaft („DT“) als Dachverband aller „bürgerlichen“ Turnvereine war zwischen 1920 und 1945 die Hochburg des Handballs. Eigentlich ist Handball als Alternative für Frauen, zu dem ab 1900 immer stärker aufkommenden Fußball einwickelt worden. Man schreibt den 29. Oktober 1917 als die Geburtsstunde des Handballs, als der Berliner Oberturnrat Max Heiser, den bis dahin schon als „Torball“ praktizierten Ballsport in Regeln fasste und den Begriff Handball darüber schrieb. Mit diesem Spiel wollte er Mädchen eine Möglichkeit schaffen, sich auszutoben, da ihm Jungenspiele zu körperbetont erschienen. Dementsprechend war jede Art von Kampf verboten, und das Spiel wurde ohne Körperkontakt ausgeführt.
Bei der „DT“ wurden bis dahin schon verschiedene „Ballspiele mit der Hand“, wie z. B. Netz-, Korb-, Raff- oder Turmball unter dem Oberbegriff „volkstümliche Spiele“ praktiziert. Raffball war dem Handball am ähnlichsten. Da die Turner die Konkurrenz der Fußballvereine bei der Mitgliedergewinnung spürten, passte der Handball gut in ihre bisherigen Spielkonzepte, wobei sich diese neue Form schnell als Männersportart entwickelte. Handball wurde übrigens mit einem fußballähnlichen Ball auf einem Fußballfeld gespielt. Schon 1921 wurden die ersten deutschen Meisterschaften in der „DT“ ausgetragen. Spätestens ab 1923 gründeten neben den „DT“, wo ein breites Punktspielsystem für die Handballer entwickelt worden war, einige Ballsportvereine eigenständige Handballabteilungen, die eigene Punktspiele bis zu Deutschen Meisterschaften im Rahmen der „Deutschen Sportbehörde“ organisierten, so dass es zeitweilig zwei, nimmt man die Arbeitersportler noch hinzu, drei Deutsche Meister im Handball gab.
Die älteste bisher gefundene Notiz zum Handball in Jena, noch unter dem Begriff des Raffballs, ist vom 30. August 1920, als ein Spiel- und Turnplatz für die Schule in Lichtenhain eingeweiht wurde. Ein Raffballspiel gegen Glashütte(heute SV Schott) gewann Lichtenhain mit 10:8. Man könnte also den heutigen SV Schott als Mitbegründer des Handballs in Jena ansehen. Zeitnah tauchten auch weitere Turnvereine mit Handballergebnissen in Zeitungsnotizen auf. Beim 1. Thüringer Kreis-Spiel- und Sportfest des XIII. Kreises der „DT“ im August 1921 in Jena stand Handball neben Schlagball und Faustball gleichwertig auf dem Programm. Das Handballturnier wurde als die erste Kreismeisterschaft bezeichnet. Der Turnkreis (XIII) Thüringen reichte damals von Coburg bis Weißenfels und von Zeitz bis Eisenach. Erster Kreismeister wurde die Turngemeinde Mühlhausen. Ob Jenaer Vereine mitgespielt haben, konnte noch nicht ermittelt werden. Peer Kösling berichtet in seinem hervorragend recherchierten Buch zur „Turn- und Sportbewegung in Kahla“, dass der Turnverein 1859 Jena (TV 1859) schon vorher, am 3. März 1921 ein Handballspiel gegen den Vaterländischen Turnverein Kahla mit 5:0 gewonnen hatte. Ein weiteres Spiel des TV 1859 wurde Mitte Oktober 1921 gefunden, als dieser auf den Universitätswiesen (das heutige Universitätssportzentrum) ein Handballgesellschaftsspiel gegen den Männerturnverein Saalfeld organisierte, was bedeutet, dass der TV 1859 schon Anfang 1921 eine Mannschaft gehabt haben muss.
In der Folge sind dann alle vier großen Jenaer Turnvereine im Handball präsent. Die Turngemeinde (TG) Jena schon im Herbst 1921, der Turnverein Wenigenjena (TVW) ab 1922 und der Turnklub (TK) ab 1924. Auch im Umland gab es Handballmannschaften, so in Stadtroda, Dornburg, Rothenstein und Kahla. Alle Turnvereine hatten mehrere Männermannschaften und eine große Anzahl von Kindern und Jugendlichen. Die Spitzenpositionen wurden wechselweise vom TV 1859, dem TVW und der TG eingenommen. Über Damen-Handballmannschaften in dieser Zeit muss noch geforscht werden.
Mindestens vier weitere Turnvereine mit Handballern gehörten zum Arbeitersport. Nach Peer Kösling waren dies die Freien Turner mit ihrem Spielplatz auf dem Landgrafen, die Turnvereine Zwätzen und Lichtenhain und die schon erwähnten Glaswerker.
Bisher kaum beachtet wurden die Handballer vom Polizei-Verein für Leibesübungen und von der Sportgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, die aber erst nach 1933 entstanden war.
Auch an der Universität wurde Handball sehr aktiv betrieben. Eine Uniauswahl trat regelmäßig bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften an, so 1927, als sie den mehrfachen Hochschulmeister die Uni Halle mit 5:2 besiegte. Ab 1928 gab es jährlich Uni-Meister im Handball, mehrfach von der Gothania gewonnen.
Bei den Sportvereinen wurde beim Verein für Bewegungsspiele (VFB, heute USV) nur sporadisch Handball gespielt, während der 1. Sportverein sich regelmäßig an Punktspielen beteiligte. Insgesamt waren über 10 Handballabteilungen im Stadtgebiet aktiv.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Das älteste Foto einer Jenaer Handballmannschaft stammt aus dem Familienalbum von Harry Pippardt. Es zeigt die Handballer des TV 1859 im Jahre 1924, ganz rechts Richard Pippardt.

In: Thüringische Landeszeitung vom 23. September 2019 Nr. 621

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