Jenaer Hockeygeschichte
Ein Wenigenjenaer Team auf Englandreise 1939

Im letzten Beitrag zum Turnverein Wenigenjena (TVW) hatten wir etwas umfangreicher über Hockey in Jena und vor allem über ein Spiel einer indischen Mannschaft Ende Dezember 1938 berichtet. Verschiedene Hinweise und vor allem weitere Quellen haben uns angeregt da noch einmal hinzusehen.
Man muss als erstes die politischen Verhältnisse in Europa beachten: Im nationalsozialistischen Deutschland liefen Ende der 1930er Jahre die unmittelbaren Vorbereitungen auf große militärische Auseinandersetzungen, die dann letztendlich am 1. September 1939 in den Beginn des II. Weltkriegs mündeten. Dazu gehörte im März 1938 der Anschluss Österreichs an Deutschland. Im Herbst wurde das „Münchener Abkommen“ unter Einbeziehung von Großbritannien unterzeichnet, dass zum Anschluss des Sudetenlandes, des Grenzgebietes der Tschechoslowakei führte. Im März 1939 wurde dann die „Rest-Tschechoslowakei“ militärisch von deutschen Truppen okkupiert.
Diese Gesamtentwicklung wirkte sich auch auf den Sportverkehr bis nach Jena aus. So ist es sicher kein Zufall, dass zunehmend der Sportverkehr mit österreichischen Mannschaften gepflegt wurde. Es spielte z. B. am Silvestertag 1938 die Fußballmannschaft des Wiener Sportklubs in Jena gegen den 1. SV, das die Wiener Mannschaft mit 3:2 gewann. Die für Mitte März 1939 geplanten Hockeyspiele des TVW in Karlsbad zur Förderung des Hockeysports in den Sudeten gegen eine Auswahl-Mannschaft aus Wien und gegen die Deutsche Eishockeygesellschaft Prag, fanden dann wegen der Besetzung der Tschechoslowakei nicht statt. Mitte Mai waren die Fußballer von Rapid Wien beim 1. SV in Jena, wobei der Pokalsieger Wien dem 1. SV eine der höchsten Niederlagen (1:9) beibrachte.
Im Frühjahr 1938 war erstmals eine englische Schülermannschaft in Jena. Hockeyjungen des TVW gewannen gegen die Charterhaus School 3:2. Die Charterhouse School spielte in der Fußballgeschichte eine wichtige Rolle, da sie als einzige der englischen Public Schools gilt, in der das moderne Fußballspiel entwickelt wurde, und die bei der Gründung der englischen Football Association 1863 anwesend war, kann man bei Wikipedia lesen. Nach dem Hockeyspiel auf dem Platz in Wenigenjena gab es ein Besuchsprogramm mit Bus zur Teufelstalbrücke und nach Ranis. Der englische Expeditionsleiter Rowan Robinsen dankte im Anschluss mit herzlichen Worten. „Vor allem dankte er dem Abteilungsleiter Reng, der sich für eine kameradschaftliche Verständigung mit in- und ausländischen Mannschaften einsetzt und sich mit der Verpflichtung englischer Schüler einen neuen Verdienst erworben hat“ steht sinngemäß in der Zeitung.
Georg Reng wurde damals wiederholt als rühriger Abteilungsleiter genannt, der auch im Thüringer Hockeyverband in verschiedenen Funktionen, so als Schriftführer, tätig war. In den 1950er Jahren war er dann Abteilungsleiter bei der BSG Chemie Jena.
Im Frühjahr 1938 soll auch ein Hockeyspiel gegen eine ungarische Mannschaft stattgefunden haben. Der Nachweis dazu fehlt aber noch.
Dann folgte am 28. Dezember 1938 das schon beschriebene Hockeyspiel gegen die indischen Studenten aus England. Zu den Protokollveranstaltungen wie Begrüßungsabend, Empfang des Rektors usw. war die gesamte NSDAP-Prominenz der Stadt, darunter der Oberbürgermeister Armin Schmidt anwesend. Schmidt verwies in einer markigen Rede auf den Kampf des deutschen Volkes und auf seinen Selbstbehauptungswillen, wie man an der Entwicklung des Zellstoffwerkes Schwarza sehen könne, wo deutsches Erfindertum sichtbar würde. Dann lobte er die Universität und die Burschenschaften und die landschaftlichen Schönheiten Jenas. Außerdem hob er den Hockeysport, der in Jena sehr frühe Tradition habe, hervor. Die 17 Hockeygäste stammten vor allem aus Kaschmir und Taragena. Dass ihr Kapitäns Singh (Dehli), der in der englischen I. Liga gespielt hat, mit Swarup Singh identisch ist, der in Jena Ende der 1960er Jahre als Hockeytrainer wirkte, ist bei der Häufigkeit dieses Namens in Indien eher unwahrscheinlich. Die indische Hockeymannschaft trug sich am Ende des Empfangs ins „goldene Buch“ des Vereins ein, welches als verschollen gilt. Nach zwei Tagen in Jena fuhren die Studenten nach Schweinfurt, wo sie gegen den HC Schweinfurt Hockey spielten.
Anfang März 1939 fuhren die Hockeyjunioren des TVW zum Rückspiel nach England, wobei nicht nur ein Spiel geplant war, sondern eine ganze Serie. Die Wenigenjenaer spielten in dieser Zusammensetzung letztmalig, da die meisten im April die Schule beendeten und zum Militär oder zum Studium sowie zur Berufsausbildung gingen.
Die Anreise der Mannschaft nach England verlief nicht ganz glatt. Durch Zug-Verspätung wurde die geplante Fähre verpasst, und man musste ein anderes Schiff nutzen. Mit großer Verspätung landete man dann in der Wellingtonschule. Die Schule mit 600 Schülern war in ihren Ausmaßen überwältigend für Jenas Schüler. Allein 10 Hockeyfelder waren vorhanden. Die Jenaer, die auf Grund der Verspätung schon kurz nach der Ankunft zum Spiel antreten mussten, verloren 5:0. Danach fuhren sie gleich nach Buskay zur Royal Masonic Schule weiter. Hier folgte ein weiteres Hockeyspiel, welches 2:0 für die Engländer endete. Positiv aufgefallen war den Wenigenjenaern auch hier, dass die englischen Schüler auch ihnen als Gegnern bei gelungenen Spielzügen viel Beifall spendeten.
Die beiden letzten Spiele, die dann zeitlich planmäßig gegen die Grammers School (4:1) in Hutchins und das Harly Bury College in Hertford (4.3) stattfanden, wurden beide vom TVW gewonnen.
Dr. Hans-Georg Kremer
Fotonachweis: Aus einem Fotoalbum des TVW zur der Fahrt nach England 1939 stammt dieses Gruppenfoto der Mannschaften des TVW (weiße Hemden) und der Royal Masonic Scholl.

In: Thüringische Landeszeitung vom 28. November 2018 Nr. 614

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