Jenaer Sporthistorie - Jenaer Turnvereine Teil 5
„Ein Zug vom Vereinslokale nach dem Turnplatz“

Lässt man die Arbeiterturnvereine mal außer Betracht, so gab es in Jena drei große Turnvereine: der Jenaer Turnverein 1859 (JTV 1859); die Turngemeinde Jena und der Turnverein Wenigenjena.
Die Gründung der Turngemeinde erfolgte am 14. August 1867 in der Gaststätte zur Nachtigall in Cospeda. Vorausgegangen war eine Wanderung von 14 jüngeren Mitgliedern des JTV 1859. Ob bewusst dieser Ort gewählt wurde, kann nur vermutet werden. Es könnte aber eine Rolle gespielt haben, dass der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn (1778 – 1852) der fünf Jahre vorher verstorben war, in seiner Biografie die Schlacht von Jena und Auerstedt als ein besonders einschneidendes Ereignis schilderte. Selber war er auf dem Weg von Norddeutschland zur Schlacht, als ihn unterwegs flüchtende preußische Soldaten von der katastrophalen Niederlage erzählten, worauf er über Nacht völlig ergraut sein soll.

In späteren Beschreibungen wurde ausgeführt, dass die jungen Turner sowohl mit organisatorischen Fragen als auch mit der turnerischen Entwicklung im JTV 1859 nicht mehr zufrieden waren. „Doch die Abgeklärtheit der Alten und jugendliches Ungestüm der Jungen war nicht immer ausgeglichen“, kann man lesen. Leider konnten die Namen der Gründer noch nicht ermittelt werden. Es kann von einem indirekten Bezug zu Prof. Volkmar Stoy ausgegangen werden, da einige Stoy-Schüler unter den Gründern gewesen sein sollen. Daher wurde der Vereinsname „Turngemeinde“ gewählt. Den Begriff „Turngemeinde“ findet man bei Stoy schon in den frühen 1860er Jahren, so bei der legendären Wanderung mit Schülern im Juni 1860 zum 1.Deutschen Turn- und Jugendfest von Jena nach Coburg. Die Turngemeinde spielte im Stoyschen Erziehungskonzept an der „Universitätsübungsschule“, deren Vorläufer Stoy begründet hatte, in Theorie und Praxis eine wichtige Rolle. Dabei wurden das Turnen und dessen Organisation bewusst als wichtiges Erziehungselement über die rein sportliche Komponente hinaus gesehen. Die Aufstellung und Einhaltung von Regeln und Verantwortlichkeiten angefangen vom Riegenführer, dem Materialwart bis hin zum Vorstand gehörten zu den Ideen, mit denen Stoy seine Schüler an die Übernahme von Funktionen und Verantwortlichkeiten, aber auch an demokratische Regeln heranführen wollte. Darin kann man sicher Elemente der bürgerlich-demokratischen Grundeinstellung von Stoy erkennen, die sich in seinen Aktivitäten in der Revolution von 1848/49 widerspiegeln.
Bereits wenige Tage nach der Gründung der Turngemeinde erfolgte die amtliche Bestätigung dieses neuen Vereins, worauf umgehend mit dem Schulvorstand der Johann-Friedrich-Schule, die von Stoy gegründet worden war, eine Vereinbarung zur Nutzung der Schulturnhalle wurde getroffen. Diese Schulturnhalle ist die erste in Jena und eine der ältesten in ganz Thüringen gewesen. Volkmar Stoy, der zu diesem Zeitpunkt in Heidelberg einen Lehrstuhl innehatte, hatte beim Neubau seiner Schule 1858 für eine Turnhalle gesorgt.

Im Oktober, also drei Monate nach der Gründung organisierte die Turngemeinde auf der „Rasenmühle“ die erste öffentliche Veranstaltung als „Abendunterhaltung“ mit verschiedenen Turnvorführungen.
Wichtig für die Vereine zu damaliger Zeit war eine eigene meist handgestickte wertvolle Fahne die 1875 geweiht werden konnte. Überhaupt nahm die Traditionspflege einen breiten Raum im Vereinsgeschehen ein. Neben dem Besuch von Turnfesten und der Absolvierung von Turnfahrten, was man heute als Vereinswanderung bezeichnen würde, waren es besonders die Stiftungsfeste, die man regelmäßig jedes Jahr zur Erinnerung an die Gründung des Vereins feierte. Dort wurden Festreden gehalten, Jubilare ausgezeichnet und erfolgreiche Mitglieder geehrt. Im Juli 1893 kann man in der Jenaischen Zeitung lesen: „Am gestrigen Tage beging die hiesige Turngemeinde ihr 26. Stiftungsfest…(mit) Schauturnen, Konzert und Ball…Unter den Klängen eines Turnermarsches bewegte sich nachmittags 2 Uhr ein stattlicher Zug vom Vereinslokale nach dem Turnplatz der neuen Bürgerschule. Unter der bewährten Leitung des Turnwartes, Herrn Vogt, fand zunächst ein Aufmarsch statt, an dem sich einige Übungsgruppen mit Hanteln in Reigenaufstellungen anschlossen. Sämtliche Übungen fanden den ungetheilten Beifall der zahlreich erschienenen Zuschauer. Nach kurzer Pause begannen die Gerätheübungen am Reck, Barren, Pferd, Bock und Springständer, welche sämtlich präcis und mit vielem Geschick vorgeführt wurden. Nachdem noch beim Kürturnen einige Proben der Gewandtheit und Kraft gezeigt wurden, marschierte die Turnerschaft nach dem Vereinslokale zurück, um noch einige Stunden bei Konzertmusik versammelt zu sein. Am Abend war Ball und überraschte und erfreute Herr Vogt während einer Pause die Anwesenden durch Vorführung einer Damenriege, welche einen Aufmarsch und Reigen mit Gesang und Freiübungen recht lobenswerth ausführte. Reicher Beifall belohnte die vielen Mühen des Leiters und ermunterte die Glieder der Damenriege zu fernerem Streben.“
Zurück zur Vereinsgeschichte: Beim großen Hochwasser 1890 wurde die Turnhalle von „Stoys“ Schule zerstört, so dass der Verein umziehen musste, erst ins Gymnasium, dann ins kleine Paradies und zuletzt in eine Scheune in der Fischergasse. 1893 konnte man in der „Paradiesschule“ wieder ein festes Domizil finden. Zu den Akteuren der Anfangsjahre gibt es wenig Aussagen, nur soviel kann zitiert werden, dass: „…das (sich) Schicksal des Vereins…auch sonst sehr wechselvoll gestaltete…“, bis Bernhard Voigt „mit straffen Zügeln die turnerische und dann die Vereinsleitung übernahm.“

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Im Programm zum Kreisturnfest 1926 in Jena findet sich ein Foto von Bernhard Voigt, der viele Jahre Vorsitzender der Turngemeinde war.

In: Thüringische Landeszeitung vom 24. Januar 2018 Nr. 572

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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