Jenaer Sporthistorie und GutsMuths-Rennsteiglauf
Eine Gedenklaufveranstaltung nicht akzeptiert

Wie im letzten Beitrag angedeutet, handelte es sich bei den beiden Marathonläufen in Jena (1978 u. 1981), deren Urkunden Dr. Jochen Scheibe unterzeichnet hatte, um Läufe, die im Rahmen sportmedizinischer Tests organisiert wurden. Der Marathon-Trainer des SC Motor Jena, Klaus Gottert, der 1978 mit eingebunden war, bewertete die Ergebnisse dieser Untersuchungen als wichtige Grundlagenforschung für die Erarbeitung von Trainingsprogrammen. Er konnte sich sogar noch daran erinnern, dass Prof. Dr. Hermann Buhl aus Leipzig daran beteiligt war. Hermann Buhl, der selber in den 1950 und 60er Jahren ein guter Läufer gewesen war, gehörte damals zu den führenden Fachleuten an der DHfK in Leipzig, wenn es um der Erarbeitung von Trainingsprogrammen von Leistungssportlern ging. Jochen Scheibe aus Jena arbeitete schon seit 1975 mit ihm zusammen.
Jochen Scheibe, auf dessen Biografie hier nicht weiter eingegangen werden soll, ausführliches findet man dazu in seinem Buch „Ich war Sportmediziner in der DDR“, hatte seit Ende der 1960er Jahre Kontakt zum Ausdauerlauf. Er betreute im Rahmen seiner dienstlichen Obliegenheiten am damaligen Institut für Körpererziehung u. a. die Sportstudenten, die die Abteilung Orientierungslauf in der Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV) gegründet hatten. Als diese Gruppe 1971 mit dem Training längerer Laufstrecken begann, wurde auch Scheibe regelmäßig kontaktiert. Daraus ergab sich, dass er für den ersten GutsMuths-Rennsteiglauf 1973 den Verpflegungsplan erarbeitete und 1974, als damals 12 Läufer zum 2. Rennsteiglauf aufbrachen, selber als Betreuer dabei war. Als sich 1975 eine Massenbeteiligung von fast 1000 Läuferinnen und Läufern beim Rennsteiglauf abzeichnete, überredete ihn der Gesamtleiter des Rennsteiglaufs, den Bereich medizinische Betreuung zu übernehmen. Scheibe, der ein guter Wissenschaftsorganisator war, nutzte die Chance, alle Teilnehmer der langen Strecke, die damals mit knapp 100 Kilometer angegeben worden war, vor dem Start und im Ziel mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gründlich sportmedizinisch zu untersuchen. Das Datenmaterial wurde zur Grundlage mehrerer international vielbeachteter Publikationen.
Zum damaligen Zeitpunkt steckte die sportmedizinische Forschung im Ausdauerlaufbereich noch in den Kinderschuhen. Jochen Scheibe und die mit ihm zusammen arbeitenden Wissenschaftler, nutzten in den folgenden Jahren noch mehrfach den Rennsteiglauf für weitere wissenschaftliche Forschungen, die bis hin zu Muskelbiobsien, d. h. der Entnahme von Muskelgewebe, von Spitzenläufern während des Rennsteiglaufs, reichten. Unter Fachleuten wurden diese Forschungsergebnisse und die Berücksichtigung vor allem durch Hermann Buhl bei der Trainingskonzipierung der DDR-Ausdauersportler, mit verantwortlich gemacht, dass Waldemar Cierpinski seine zwei olympischen Goldmedaillen erreichen konnte. Für die Jenaer Organisatoren des Rennsteiglaufs um Hans-Georg Kremer brachten sie neben der medizinischen Absicherung vor allem die „Rettung“ des Laufs gegenüber der DDR-Sportführung. Der für die Universitäten zuständige Minister hatte nach dem Lauf von 1975 gegenüber der Jenaer Universitätsleitung schriftlich erklärt: „Nach Rücksprache mit dem Vizepräsidenten des DTSB der DDR, der seinerseits Gen. Manfred Ewald konsultierte, ergibt sich, daß eine zentrale Gedenklaufveranstaltung nicht akzeptiert wird (keine sportpolitische, sportliche oder sportmedizinische Notwendigkeit).“ Der Lauf wurde damals noch als „GutsMuths-Gedenklauf“ bezeichnet, und die Uni hatte in Berlin angefragt, ob der Lauf zukünftig zentral unterstützt werden könnte. Besonders zum letzten Punkt konnten durch Scheibes Forschungen genügend Gegenargumente geliefert werden, was den Lauf als „DDR-offene“ Lauf- und Wanderveranstaltung rettete.
Die Marathonläufe in Jena (1978 und 1981) waren dabei eine Fortführung der Forschungen von Scheibe zu Ausdauersportfragen. Der bekannte Plauener Zahnarzt, Dr. Ullrich Sauerstein, der bei Scheibe mit einem Rennsteiglaufthema promoviert hatte und noch heute regelmäßig beim Rennsteiglauf oder Kernberglauf dabei ist, schrieb zu den Marathonläufen von Scheibe sinngemäß:
„Laut meinen Unterlagen fanden unter Leitung von Jochen Scheibe zwei Testmarathonläufe statt: Am 17.11.1978 in der Jenaer Oberaue auf einem Rundkurs von 2,5 km. Hier kam es zur Blutentnahme vor und nach dem Lauf, nach 20, nach 48, nach 96 Stunden. Bemerkenswert war die Höhe Leukozytenzahl nach dem Lauf (bei mir von 5300 auf 19200). Scheibe hatte damals auch Hormone und Haptoglobine eine Art Immuneiweise irgendwo in Wien bestimmen lassen. Ich kann mich erinnern, dass die Marathonwerte viel schlechter ausfielen als die Untersuchungen beim Rennsteiglauf auf der langen Strecke. Der 2. Lauf am 13.06.1981 war nach meine Erinnerung eine extrem kurze Strecke (ca.1,5 km). Da gab es extra einen Rundenzähler. Wir haben glaube ich die Zufuhr von Energie (Traubenzucker) getestet. Eine Gruppe bekam bis 20km etwas Traubenzucker und die andere ab 20km.“
Sauerstein lief 1978 3:07:00 und 1981 3:11:00 (3. Platz). Gerhard Rötzschke wurde vierter von 18 Startern. Sieger wurde ein Matthias Höflitz von der SG Niedersteinbach in 2:55:03.
Insgesamt gelang es dem 1984 zum Professor ernannten Jochen Scheibe für die Forschungen im Rahmen des Rennsteiglaufs Forschungsgelder außerhalb sonst üblicher Staatsplanthemen in der Größenordnung von mehreren 100.000,- Mark locker zu machen.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Fotosammlung Kremer: Dr. Jochen Scheibe (im weißen Kittel) nimmt Gerhard Rötzschke im Ziel des Rennsteiglaufs in Empfang und bringt ihn zur Untersuchung.

In: Thüringische Landeszeitung vom 14. März 2018 Nr. 579

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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