Literatur und Sport
Eine Geschäftsführerin beim Unisport

Der Unisport teilte sich seit 1911 in drei verschiedene Handlungsfelder, bei denen es häufig zu personellen Überscheidungen kam. Ab 1909 gab es eine „Kommission zur Belebung des Sports unter den Studenten“ unter Leitung des bekannten Chemikers Prof. Dr. Ludwig Knorr, die für die weitere Entwicklung wichtige Impulse setzte.
Das erste Handlungsfeld war ab Frühjahr 1911 der damals gegründete und immer ehrenamtlich geleitete Verein für Bewegungsspiele (VfB, heute USV). Die Geschäftsstelle, wo man Informationen und Anmeldeformulare bekam und auch abgeben konnte, befand sich lange Zeit in Geschäften von Vereinsmitgliedern. Anfangs war sie im Schuh- und Sporthaus des jüdischen Besitzers und Sportförderers Richard Dannemann, bevor sie in den 1930er Jahren im Sportheim im Unisportzentrum in der Oberaue nachgewiesen ist.
Das zweite Handlungsfeld war der „Hochschulsport“, wie man ihn heute nennt, bei dem es um sportliche Aktivitäten von Studenten in den Strukturen der Universität ging. Dieser Bereich wurde durch den akademischen Ausschuss für Leibesübungen, der aus der oben angeführten Kommission entstanden war, koordiniert. Vorsitzender war bis 1914 Prof. Knorr. Als Mitglieder wurden als Vertreter des Lehrkörpers die Professoren Gustav v. Zahn und Julius Grober sowie der Assistent des Hygienischen Instituts Dr. Eduard Hiltmann ausgewiesen. Dazu kamen die „Abgesandte“ zweier studentischer Ausschüsse: 1. Des Dreier-Ausschusses der Korporationen und des VC (farbetragender Verbindungen) und 2. der Vertreter eines Zwölfer-Ausschusses, der wiederum aus den sieben Gruppen des Studentenausschusses von 1911, der Nichtkorporierten, der Vereinigung der Studentinnen, des ATV Gothania und der akademischen Abteilung des VfB bestand.
Das dritte Handlungsfeld des Sports an der Uni betraf die akademische Ausbildung von Turn- und Sportlehrern. Dies wurde bis 1914 von „Nebenamtlern“ realisiert. Mit der dann erfolgten Einstellung eines Turn- und Sportlehrers wurden der „Hochschulsport“ und die Turn- und Sportlehrerausbildung zunehmend zusammengefasst und professionalisiert.
Die Leitung des der Uni zugehörigen Vereins (VfB) blieb bis 1945 immer ein Ehrenamt. Auch die indirekte Nachfolgeorganisation, die 1949 gegründete Hochschulsportgemeinschaft (HSG, heute USV), wurde anfangs ehrenamtlich von Studierenden besetzt. Zum 1. Februar 1951 wurden dann Dora Lattermann und Rudolf Fischer für die HSG hauptamtlich eingestellt. Sie hatten ein Büro in der Mensa am Philosophenweg und wurden von der Uni als Verwaltungsmitarbeiter bezahlt. Anfangs hatten sie die Stellenbezeichnung eines Instrukteurs. Rudolf Fischer war vor allem als Trainer der Fußballer HSG-Männermannschaft und teilweise als Lehrkraft im Studentensport eingesetzt.
Dora Lattermann war die Nachfolgerin vom Sportleiter Albrecht Börner geworden, der noch als Student kurzzeitig bei der HSG honoriert wurde. Er feierte kürzlich seinen 90. Geburtstag und ist vor allem als Schriftsteller (Sachsens Glanz und Preußens Gloria) bekannt. Dora Lattermann hatte später ebenfalls in der Literaturszenen als persönliche Sekretärin und teilweise „Managerin“ der Schriftstellerin Inge von Wangenheim einen „guten Namen“.
Dora Lattermann wurde in Rudolstadt geboren. Ihr Vater war Gastwirt. Sie arbeitete nach der Schule und Lehre im elterlichen Geschäft. Mit Kriegsbeginn 1939 war sie im „Marine Arsenal“ in Rudolstadt als Leiterin des Büros tätig. Nach dem Krieg arbeitete sie zeitweilig in einem Architekturbüro bevor sie 1951 zur HSG kam. In ihrer Arbeitsplatzbeschreibung stand u. a., dass sie die Ausarbeitung der Finanzpläne, die Bilanzbuchhaltung, die Statistik, die Sportberichte, die Absicherung des Publikumsverkehrs und die Erstellung der Vorstandsprotokolle zu realisieren habe. Bei einem Verein mit über 1000 Mitgliedern eine anspruchsvolle Aufgabenstellung.
Über Lattermanns Sportbiografie ist bisher kaum etwas bekannt, da diese wohl vor allem in Rudolstadt ihren Handlungsraum hatte. Für die Uni Jena erscheint ihr Name nur einmal, bei der 1. Spartakiade der Sportvereinigung Wissenschaft, die 1952 in Jena stattfand, wird sie unter den 17 Leichtathleten der Uni-Delegation genannt. Sie gehörte zu den drei Frauen mit Doris Berner und Marianne Linke. Die Mannschaftswertung bei dieser Spartakiade gewann die Uni Halle vor der DHfK Leipzig und der Uni Jena. Es beteiligen sich 300 Studierende aus 21 Universitäten und Hochschulen der DDR in den Sportarten Leichtathletik, Tennis und Basketball (Männer). Paul Dern belegte über 1.500m und 3.000m und Hans Key über 100m den zweiten Platz. Harro Voss kam über 400m-Hürden als Dritter ins Ziel, ebenso wie Gerhard Ude über 10.000m. Außer der Leichtathletik gab es noch Wettkämpfe im Tennis und im Basketball. Im Basketball der Männer kam die Uni Jena auf Platz zwei.
Zurück zu Dora Lattermann, sie leitete die Geschäftsstelle der HSG unter dem Vorsitzenden Georg Pfeiffer. Im November 1958 erhielt sie einen neuen Arbeitsvertrag als Geschäftsführerin der HSG, was damit zusammenhängen könnte, dass Pfeiffer damals an Kehlkopfkrebs erkrankte und sie allein die Geschäftsstellenarbeit absichern musste. 1960 schied Pfeiffer dann ganz aus der Uni aus. Da hatte Dora Lattermann die Uni schon verlassen und war persönliche Sekretärin, der zunehmend erfolgreicheren Schriftstellerin Inge v. Wangenheim geworden, deren Lebensgefährten sie bis zu deren Tode 1993 war.
Nach Wangenheims Tod vollendete Dora Lattermann deren letztes Buch „Auf Germanias Bärenfell“, welches beim quartus-Verlag Bucha herausgegeben wurde.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Das Foto von Dora Lattermann (l.) und Inge von Wangenheim stammt aus dem Staatsarchiv Rudolstadt (SAR Signatur 031 Bestandssignatur 5-97-2670).

In: Thüringische Landeszeitung vom 6. März 2019 Nr. 628

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