Zur Jenaer Fußballgeschichte
„Eine Pflegestätte für alle Leibesübungen…“

In Vorbereitung auf die Spielsaison 2018/19 ging die Nachricht durch die Presse, dass der Thüringer Fußball-Verband die geplante Spielgemeinschaft zwischen dem SV Schott Jena und dem SV Jenapharm untersagt habe. Der Verband verwies auf die Spielordnung, in der es heißt: „Spielgemeinschaften mit dem ausschließlichen Ziel der sportlichen Leistungssteigerung (...) sind nicht zu genehmigen“. Ohne auf Argumente der Befürworter und Ablehner einzugehen, soll hier nur konstatiert werden, dass sicher kein Verein ohne zwingenden Grund eine Spielgemeinschaft eingehen würde. Bei der Argumentation sowohl von Schott und Jenapharm hätte man sich darauf berufen können, dass man ursprünglich mal eine Betriebssportgemeinschaft (BSG) gewesen ist, worauf wir später noch eingehen werden.

Schauen wir erst mal in die Jenaer Fußballgeschichte, ob es da im größeren Stile schon Spielgemeinschaften gab. Udo Gräfes hervorragend recherchierte zweibändige Geschichte des FC Carl Zeiss Jena schreibt dazu nichts, obwohl Carl Zeiss im I. Weltkrieg zeitweilig einer Spielgemeinschaft angehörte. Nach bisherigen Quellen wurde 1906, also drei Jahre nach Carl Zeiss der FC Thüringia gegründet. Dieser schloss sich 1907 dem Turnverein Jena 1859 an und bildete dort eine Spielabteilung, was man als erste „Spielgemeinschaft“ in Jenas Fußball ansehen könnte. Im Januar 1908 kam es dann zur Gründung eines Fußballvereins der unter dem Namen Spielvereinigung (SpVgg) 1908 Jena bekannt wurde. Er bestand bis 1939.

Nach dem Fußballhistoriker Udo Luy entstand die „SpVgg“ aus dem Sportclub Jena und dem FC Jena-Nord, wozu aber genauere Daten fehlen. Nach eigenen Angaben ging die „SpVgg“ aus einer Gründung mit Namen „FC Wacker“ hervor, dessen Name aber vom Verband Mitteldeutscher Ballspiel- Vereine nicht genehmigt wurde. „Am Ruder des Vereins stand zur Gründungszeit Otto Menge, der sich aber nach kurzer Zeit zurückzog und den Vorsitz Julius Bielig übergab…“ kann man in der Verbandszeitung „Mitteldeutscher Sport“ lesen. Weiter heißt es dort: „Bei seiner guten Mitgliederzahl brachte sie tüchtige Spieler (Orlamünde, Schlecht, Gebrüder Schmiedehausen, Gebrüder Graul, Fischer usw.) mit, und die 1. Mannschaft setzte sich gut durch. Im Jahre 1921 gelang es ihr in der Ostthüringer I. Klasse den zweiten Platz hinter dem VfB-Apolda einzunehmen…In den Gesellschaftsspielen hat sich die Spielvereinigung weit über Thüringens Grenzen hinaus bekannt gemacht. Ihre Spiele und das gute Abschneiden gegen Hertha- und Cimbria-Berlin, Viktoria und Rasensport-Leipzig, VfB-Braunschweig, Zwickauer, Chemnitzer, Plauener und fast alle Thüringer Ligavereine stehen noch in aller Gedächtnis. - Nachdem Bielig 11 1/2 Jahre lang die Geschicke des Vereins geleitet hatte, trat an seine Stelle Paul Zierath. Der Verein steht jetzt sehr gut da. Er zählt zurzeit rund 260 Mitglieder, hat fast alle Sportzweige in sein Programm aufgenommen, und so ist infolgedessen jedem jungen Manne eine empfehlenswerte Pflegestätte für alle Leibesübungen geboten.“

Bei genaueren Recherchen zur frühen Geschichte des Jenaer Fußballs muss man allerdings immer wieder feststellen, dass der FC Carl Zeiss, der sich ab 1917 1. Sportverein (1. SV) nannte, häufig auf Fotos mit der „SpVgg“ verwechselt wurde, da die Vereinslogos sehr ähnlich waren. Nur bei starker Vergrößerung erkennt man, dass bei der „SpVgg“ die „1.“ im Logo fehlt. Denkt man an den „Logostreit“ beim USV Jena, hätten die beiden Sportvereine sich nach 1918 gegenseitig mit Rechtsstreitigkeiten überziehen können. Nach einer Rundmail des USV-Geschäftsführers führte ein Richter vom Oberlandesgericht: „…ausführlich aus, dass es sich bei dem Logo des USV Jena um eine Umgestaltung des vorherigen Logos handelt. Somit wären zunächst dem kreativen Raum enge Grenzen gesetzt gewesen. Die Wappenform wurde, wenn auch etwas verändert, beibehalten und ist nicht per se mit einem Urheberrecht zu versehen, da sie üblich für Sportvereine und in vielen Varianten frei verfügbar sei.“ Was im Umkehrschluss wohl bedeutet, dass sich der USV Jena in Zukunft mit der Urheberin des ursprünglichen Logos bei der weiteren Nutzung verständigen muß.
Wie gesagt, solche Fragen spielten nach 1918 überhaupt keine Rolle, obwohl das später entstandene Logo des 1. SV sehr dem der „SpVgg“ ähnelte.

Zurück zur Ausgangsüberlegung, dass der SV Schott und der SV Jenapharm sich ja auf eine gemeinsame Geschichte berufen könnten. 1950 gab es im DDR-Sport Festlegungen, dass alle Großbetriebe über eigene Betriebssportgemeinschaften (BSG) verfügen mussten. In der Zeitung „Das Volk“ vom Dezember 1951 findet man dann, dass Instrukteure des Deutschen Sportausschusses, dem zentralen Leitungsgremium des damaligen DDR-Sports, damit beauftragt waren, „Voraussetzungen für eine spätere Reorganisation der Betriebssportgemeinschaft zu schaffen. Damit diese Reorganisation erfolgreich durchgeführt werden kann, wird die aktive Mitarbeit sämtlicher Funktionäre und Sportler der jetzigen BSG Chemie (Jena) und nicht zuletzt aller Werktätigen der volkseigenes Betriebe Schott und Jenapharm gebraucht. Gemeinsam sollen alle noch bestehende Schwierigkeiten und offene Fragen gelöst werden (und) jeder Sportler überzeugt sein, daß der vom Deutschen Sportausschuss aufgezeigte Weg richtig ist.“
Hintergrund war, dass die im Juli 1950 vollzogene Ausgründung der BSG Chemie Jena aus der BSG Schott offensichtlich auf massiven Widerstand in den Reihen der Sportler gestoßen war, worauf wir in einem späteren Beitrag noch mal zurückkommen werden.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: In der Verbandszeitschrift „Mitteldeutscher Sport“ findet man ein Foto der Spielvereinigung 1908, wo das Vereinswappen gut erkennbar ist.

In: Thüringische Landeszeitung vom 5. September 2018 Nr. 602

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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