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Eine sportliche Jenaer Familie

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Körperliche Bewegung in der freien Natur

Die Jenaer Sporthistorie birgt viele Facetten, die noch nicht beschrieben wurden. Grundlage für neue Geschichten sind immer Archivfunde, Berichte von Zeitzeugen und privates Fotomaterial, Urkunden und Medaillen, die dem Autor der Serie zugänglich gemacht werden. Unsere Beiträge zum Jenaer Radsport haben gezeigt, dass dort noch viel aufzuarbeiten ist. Nach dem letzten Artikel vom 12. April 2017 gab es gleich mehrere Anrufe und Emails zu bisher wenig bekannten Radsportlern. Ein Hinweis kam von Dieter Sergel aus Leipzig, der Mitte der 1950er Jahre für die Betriebssportgemeinschaft (BSG) Motor Schott an den Start ging. Er war damals Student an der Arbeiter- und Bauernfakultät (ABF) der Universität und vorher schon als Jugendlicher Radsportler gewesen. Erhalten hat sich aus dieser Zeit eine Siegerschleife von 1956 als die BSG Empor St. Gangloff ein Radrennen „Quer durch den Kreis Stadtroda“ anlässlich des 1. Mais organisierte. Sergel verließ aber nach Abschluss der ABF 1956 Jena und ging, auch wegen der besseren Möglichkeiten des Radsporttrainings, nach Leipzig, wo er dann einige Jahre für den SC DHfK startete. Für den SC DHfK ist er noch heute als Ausdauerläufer aktiv.
Hubert Preuß aus Jena konnte sich zu diese Zeit auch an die recht ungünstigen Trainingsbedingungen bei der BSG Schott erinnern, wo im Winter das Radtraining immer eingestellt wurde und das Material in den winzigen Kassenhäusern des heutigen Universitätssportzentrums in der Oberaueaue lagerte. Sein älterer Bruder Hans-Joachim war schon vorher kurzzeitig beim Radsport gewesen und hatte auf abenteuerliche Art und Weise ein Rennrad Marke „Peugeot“ in Chemnitz getauscht. Er siegte für Jena in der Juniorenklasse sogar mal beim damals legendäre Rennen „Rund um die Hainleite“, wo er einen wertvollen Porzellanteller gewann, den er seiner zukünftigen Frau schenkte. Ansonsten war er eher als Wintersportler erfolgreich, was aber eine andere Geschichte ist, die wir später aufschreiben werden.
Vier der fünf Preußbrüder waren sehr erfolgreicher Skilangläufer. Die Jungs stammten aus einem sportlichem Elternhaus. Die Familie war aus Lobenstein nach Jena gekommen und der Vater arbeitete bei Zeiss. Der Großvater Otto Preuß gehörte zu den Mitgründern des Touristen und Wintersportvereins e. V. in Jena.
Schon vor dem I. Weltkrieg (1914 – 1918) gab es in Jena mehrere Vereine die Wandern, Bergwandern und Bergsteigen auf ihre Fahne geheftet hatten. Unter dem Eindruck der Kriegserlebnisse wurden nach 1918 in ganz Deutschland viele neue Wander-, Natur- und Freiluftvereine gegründet, die häufig der Reformbewegung angehörten. Das begann bei Gartenvereinen, führte über Luftbad- bis hin zur Freikörpervereinen. Unter diesen Vorzeichen muss man die Gründung des „Touristen und Wintersportvereins“ in Jena sehen. Nach seiner Satzung war er nicht wettkampforientiert und wollte die körperliche Bewegung für seine Mitglieder in der freien Natur ganzjährig ermöglichen. Als Gründungsdatum ist der 9. März 1921 überliefert. Die Gründungsversammlung fand im Forsthaus statt. Erster Vorsitzender wurde der Mechaniker Ernst Körber. Nach der Satzung musste jeder Vorsitzender nach einem Jahr zurücktreten, und ein neuer Vorsitzender wurde gewählt. Schon bald plante der Verein den Bau einer Vereinshütte, wozu die Satzung ergänzt wurde. Demnach waren alle Männer bis 45 Jahre verpflichtet, monatlich einen Arbeitstag beim Hüttenbau einzubringen. Bei Verhinderung konnte man sich mit 15,00 Reichsmark für das Hausbaukonto befreien lassen. Die Hütte, die heute noch im Leutragrund steht, konnte, damals allerdings kleiner, ab 1925 genutzt werden. Als erster Hüttenwart ist ein Herr Blaubach, ev. der Optiker Karl, überliefert. 1927 sind bei der Mitgliederversammlung 47 Wahlberechtigte aufgeführt und 10 Jugendliche. Die Mitglieder kamen meist aus dem bürgerlichen Mittelstand oder der „Arbeiteraristokratie“. So sind u. a. ein Mechaniker, eine Polizeiobersekretär, ein technischer Disponent und ein Werkmeister in den Archivunterlagen des Vereinsregisters im Weimarer Landesarchiv als Vorstände überliefert. In den 1930er Jahren warb der Verein mit dem eigenem Ferienhaus (Leutratal), wo es auch ein Schwimmbad und Sportplätze gäbe.
Unter den Vorstandsmitgliedern befanden sich auch Willy Franke und Friedrich Deus, mit denen die Familie Preuß eng befreundet war. Willy Franke taucht in der Jenaer Sportgeschichte als einer der Väter des Jenaer Skisports auf. Selber sportlich als Skiläufer aktiv, organisierte er u. a. in den 1940er Jahren Lang-, Abfahrts- und Torläufe in den Jenaer Kernbergen. Für die Preuß-Sprösslinge war er in der Kinderzeit ein wichtiger Berater und Übungsleiter für den Skilauf.
Die Preuß-Jungen mussten mit ihrer Mutter nach dem Krieg alleine „überleben“. Der Vater Karl war 1947 bei einer „Lebensmittel-Hamsterfahrt“ getötet worden. Die Umstände konnten nie geklärt werden. Gerüchten nach sollen Soldaten der „Roten Armee“ beteiligt gewesen sein. Um der Mutter nicht weiter auf der Tasche zu liegen, ging der Älteste (Remo) mit 18 Jahren in den Westen, um Geld zu verdienen. In Hannover schloss er sich dem Turnklub an, wo er bald zu den besten Skilangläufern gehörte. Ein Unternehmer, der aus Zella-Mehlis stammte, unterstütze ihn finanziell, so dass er genügend Zeit zum Training hatte und in die erweiterten Kernmannschaft in Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele 1956 aufgenommen wurde. Er wanderte vor allem aus beruflichen Gründen in die USA aus, wo seine Tochter Heidi Preuß 1980 bei den Olympischen Winterspielen in Lace Placid im Abfahrtslauf auf Platz vier kam.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Gruppenfoto des „Touristen und Wintersportvereins“ vor dem alten Vereinshaus in den 1930er Jahren.

In: Thüringische Landeszeitung vom 14. Juni 2017 Nr. 541

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