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Jenaer Sporthistorie und Olympische Spiele
Eine stattliche Jenaer Olympiaausbeute

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In Zeiten Olympischer Spiele erinnert man sich gerne an die „Olympiade-Teilnehmer“ der Region. Einige Städte nutzen dies sogar im Rahmen ihres Stadtmarketings. In Jena wird dies kaum berücksichtigt, obwohl die Stadt im Verhältnis zur Bevölkerungszahl überdurchschnittlich viele Medaillenträger ausweisen kann. Diese stammen allerdings fast alle aus „DDR-Zeiten“.
Der Sporthistoriker Dr. Jörg Lölke listete in der Publikation „Körperkämpfe – Sport in Jena von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ des Stadtmuseums 57 Starterinnen und Starter bei olympischen Spielen auf, die in Jena zu verorten sind. Davon sind es mit Petra Felke, Heike Drechsler, Falk Balzer, Faller Ruwen, Sabine Günther und Anja Rücker „nur“ sechs, die nach der politischen Wende an den Start gingen. In jüngster Zeit kam noch die Goldmedaille von Thomas Röhler im Speerwurf hinzu.
Insgesamt 17 Goldmedaillen, neun Silber und 15 Bronzemedaillen ist die Medaillenausbeute der Jenaer Sportlerinnen und Sportler. Zu letzteren käme noch die Bronzemedaille von Barbara Göbel, die zu den wenigen gebürtigen Jenaerinnen gehört, die Lölke aber wegen ihres „Vereinswechsels“ im Olympiajahr 1960 nach Magdeburg nicht für Jena zählte.
Überhaupt nicht kommen Sportler vor, deren Bezug zum Jenaer Sport bisher unbekannt waren bzw. die vor oder nach ihrer Olympiakarriere zeitweilig mit Jena in engen Beziehungen standen. Im Zusammenhang mit dem kürzlich erschienenen Artikel zum Wintersport in Jena, wurde auch der Skisprung-Olympiasieger Helmut Recknagel genannt, der Mitte der 1950er Jahre mindestens einmal unter dem Sportclub (SC) Motor Jena geführt wurde. Inzwischen haben sich zwei Zeitzeugen gemeldet, ein Hockeyspieler und der Leichtathlet Wolfgang Schmöller, die Helmut Recknagel tatsächlich persönlich in Jena erlebt haben. Daraus lässt sich rekonstruieren, dass Helmut Recknagel im Rahmen seiner beruflichen Ausbildung als Feinmechaniker/Feinmeßtechniker an der Fachschule in Jena offensichtlich ein Fernstudium absolvierte. An Tagen, wo er in Jena studierte, wohnte er manchmal im Wohnheim des SC Motor Jena in der Westbahnhofstraße, wo er durch einen sehr neuen schicken PKW vom Typ Wartburg auffiel.
Unter der „Rubrik“ Olympiade-Teilnehmer mit Bezug zu Jena ließen sich noch weitere Sportlerinnen und Sportler nennen. So ist z. B. weitestgehend unbekannt, dass die „DDR-Schwimmer-Legende“ Roland Matthes nach seiner sportlichen Laufbahn von 1978 bis 1984 in Jena Medizin studierte. Er gilt noch heute als der erfolgreichste Rückenschwimmer aller Zeiten. Über sieben Jahre – von April 1967 bis August 1974 – ging er aus allen Wettbewerben über die Rückendistanzen als Sieger hervor. Er gewann nacheinander vier Europameister- und drei Weltmeisterschaften und schwamm zwischen 1967 und 1973 insgesamt 19 Welt- und 29 Europarekorde. Als Olympiateilnehmer 1968, 1972 und 1976 gewann er insgesamt acht Medaillen (4 × Gold, 2 × Silber, 2 × Bronze). Zu seinen ersten Übungsleitern und Trainern in Erfurt gehörte übrigens Jutta Langenau, die erste DDR-Europameisterin (1954) überhaupt, die damals ein Sportstudium in Jena absolvierte.
Zu den Wintersportarten passt Margit Schumann, die in Jena ihre Diplomarbeit an der Sportwissenschaft ablegte. Margit Schumann (1952 – 2017) begann 1966 in Friedrichroda mit dem Rennrodelsport. 1971 gelang ihr der Sprung in die Junioren-Nationalmannschaft. Bei Olympia 1972 in Sapporo errang sie die Bronzemedaille. 1976 in Innsbruck gewann sie eine Goldmedaille. Damals gehörte sie zum Rodelteam in Oberhof, welches komplex von Sportwissenschaftlern der Jenaer Universität betreut wurde. Einige Wissenschaftler hatten sich sogar zeitweilig an der Rodelbahn in Innsbruck privat eingemietet, um die Analyse der Fahrspur bei Trainingsfahrten zu analysieren. Margit Schumann hatte nach der aktiven Laufbahn ihr Sportstudium an der DHfK in Leipzig abgeschlossen. Die Diplomarbeit schrieb sie in Jena und verteidigte diese 1981 gemeinsam mit ihrer Dauerrivalin Uta Wernicke.
So wie Margit Schumann hatte auch Dietmar Schauerhammer einen direkten „Draht“ zur Sportwissenschaft, wo er zum Forschungsteam um Prof. Wolfgang Gutewort gehörte. 1989 wurde sogar über seine Anstellung an der Uni diskutiert. Aber schon vorher war er in Jena sportlich aktiv gewesen. Wie viele Bobsportler begann er seine sportliche Laufbahn in der Leichtathletik. 1976, 1977, 1979 und 1980 war Dietmar Schauerhammer DDR-Meister im Fünfkampf in der Halle. 1977 wurde er DDR-Vizemeister im Zehnkampf und Zehnter beim Mehrkampf-Europacup. 1979 gewann er mit der DDR-Mannschaft den Mehrkampf-Europacup. Seine Bestleistung von 8054 Punkten stellte der für den SC Motor Jena startende Schauerhammer 1980 auf. Für die Olympischen Spiele in Moskau konnte er sich jedoch nicht qualifizieren, kann man bei Wikipedia lesen. 1981 wechselte Schauerhammer zum Bobsport als Anschieber von Wolfgang Hoppe, mit dem er bei den Bobweltmeisterschaften 1983 Bronze gewann. 1984 war das erfolgreichste Jahr der beiden Sportler. Bei den Olympischen Winterspielen in Sarajewo gewannen sie Gold im Zweier- und im Viererbob. 1988 gewann er im Viererbob bei der Winterolympiade noch mal eine Silbermedaille.
Als Letzten wollen wir noch Stephan Hocke nennen, der einen Eintrag in die ewige Ehrentafel des Instituts für Sportwissenschaft bekam. Der Suhler gewann die Goldmedaille im Teamwettbewerb der Skispringer bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City. Nach der leistungssportlichen Laufbahn nahm er ein Sportstudium in Jena auf.
Dr. Hans-Georg Kremer
Bildunterschrift. Erwin Schwarz überreicht in Vertretung des Direktors der Sportwissenschaft Margit Schumann und Uta Wernicke(re.) Blumen für die erfolgreich abgelegte Diplomprüfung.

In: Thüringische Landeszeitung vom 21. Februar 2018 Nr. 576

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