Geschichte des Instituts für Sportwissenschaft Jena
Erfolgreiche Absolventen der „Muskelkirche“

Ein Zufallsfund war Auslöser für Recherchen nach einem Stück wenig bekannter Jenaer Sportgeschichte. In einer Broschüre des „Niedersächsischen Instituts für Sportgeschichte Hoya“ von Kurt Hoffmeister unter dem Titel „Wegbereiter – Macher - Sieger des niedersächsischen Sports“ aus dem Jahre 1998 wurden 160 Kurzportraits abgedruckt. Viele interessante Namen sind darunter, auch einige die einen direkten Bezug zu Thüringen und sogar zu Jena haben. In der Publikation wurde Bezug auf das „Ehrenportal“ des niedersächsischen Sports genommen, wo vor allem erfolgreiche Aktive eingetragen werden. Für Jena sind u. a. zwei Studenten des ehemaligen Instituts für Leibesübungen (Muskelkirche) von Interesse, die nach dem II. Weltkrieg eine bemerkenswerte Karriere als Sportfunktionäre in der BRD genommen haben. Dr. Jochen Benecke auf den in einem späteren Artikel noch mal eingegangen werden soll, hat von 1933 – 1935 in Jena Sport studiert, kam dann nach Abschluss seiner Lehrerprüfung wieder als Assistent ans Institut für Leibesübungen zurück, leitete in Vertretung des im „Kriegseinsatz“ befindlichen Direktors das Institut um 1940 und wurde dann als Direktor eines Instituts für Leibesübungen erst an die Universität Königsberg und dann nach Danzig versetzt. Er wäre damit der erste bisher bekannte Absolvent der „Muskelkirche“, der in eine Leitungsfunktion in der Sportwissenschaft und des Hochschulsports an einer Uni in Deutschland Einsatz aufgestiegen ist.
Der „Hochschulsport“ als institutionalisierte Einrichtungen begann schon vor dem I. Weltkrieg (1914-1918) eine wichtige Rolle zu spielen. Jena war mit der Einstellung von Hermann Eitel 1914 als hauptamtlicher Turn- und Sportlehrern eine der ersten Unis im Kaiserreich, die dafür eine feste Stelle schuf. Eitel war für die Organisation und Durchführung der Ausbildung der akademischen Turn- und Sportlehrer und die Koordinierung von „Hochschulsportangeboten“ zuständig, wofür er nebenamtlich bezahlte Assistenten oder Lehrkräfte anstellen konnte. Ab Machübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland wurden diese Aufgabe verstärkt gefördert, sodass an allen Hochschulen im „III. Reich“ entsprechend ausgebildetes Personal benötigt wurde, was aber meist aus der „Kaderschmiede“, der Deutschen Sporthochschule Berlin kam.
Als zu frühen DDR-Zeiten der Hochschulsport ebenfalls als Pflichtsport ausgebaut wurde, benötigte man Leiter für die als „Abteilung studentische Körpererziehung“ strukturierte Einheit. In Jena wurde anfangs ein noch in Ausbildung befindlicher Parteikader, Hans-Dieter Saueracker, dafür eingestellt. Später folgte ein ausgewiesener akademischer Turn- und Sportlehrer, Georg Pfeiffer und dann die am Jenaer Institut für Körpererziehung qualifizierten Sportlehrer Heinz Keitz, Dr. Erich Blum, Dr. Manfred Thieß und Dr. Peter Röhrig. Von den bis 1990 jährlich etwa 40-50 in Jena ausgebildeten Sportlehrern ist nach bisherigem Kenntnisstand nur Dr. Bernd Wilhelm an einer DDR-Hochschule (Bergakademie Freiberg) in die Funktion eines Leiters des Studentensports aufgestiegen.
In der BRD schaffte diesen Sprung Fritz Müller der 1935 – 36 in Jena studierte. Fritz Müller wurde 1914 in Celle geboren. Er war ein begnadeter Leichtathlet, der 1937, 1939, 1941 deutscher Meister Zehnkampf und im Fünfkampf wurde. Studentenweltmeister im Fünfkampf war er 1937 und 1939, wo er einen Weltrekord im leichtathletischen Fünfkampf aufstellte. Bei den Studentenweltmeisterschaften 1939, die einen Tag vor Beginn des II. Weltkriegs am 1. September endeten, und als Propagandaschau der Nationalsozialisten konzipiert worden waren, war Fritz Müller ausgewählt worden, den Sportlereid bei der bombastischen Eröffnungsfeier zu sprechen. In der Ehrentafel des Jenaer Universitätssports steht Müller 1935 mit einer Silbermedaille in der Olympischen Staffel und einer Bronzemedaille im leichtathletischen Fünfkampf. Bei den Deutschen Hochschulmeisterschaften 1935 in Jena war er offensichtlich nicht am Start, zumindest wird sein Name nirgendwo erwähnt, obwohl er damals zum Olympiavorbereitungskader gehörte. Er gehörte dem 1. Sportverein Jena (1: SV, heute FC Carl Zeiss) an. Nach mündlichen Aussagen von Zeitzeugen, die der Autor der Serie in den 1990 Jahren noch befragen konnte, hatte der damalige Direktor des Instituts für Leibesübungen, Hans Ebert, die sportliche Karriere von Fritz Müller durch nicht genehmigte Freistellungen behindert, sodass dieser nicht in Jena für die Uni antrat aber auch keinen Platz in der Olympiamannschaft für 1936 bekam.
Nach dem II. Weltkrieg wurde er 1948 Sportlehrer an einer Schule. Von 1952 - 1955 war er Mitarbeiter am allgemeinen Hochschulsport an der Uni Göttingen und bekam als Leiter des Hochschulsports den Titel eines Studienrats. 1955 - 1958 übernahm Müller die Funktion des Direktors des Instituts für Leibesübungen an der Fachhochschule Clausthal und ab 1958 die gleiche Funktion an der Uni Aachen. Unter Sportlern war Fritz Müller bekannt unter „Müller-Gifhorn“, der von 1937 bis 1941 Deutschlands beständigster Mehrkämpfer gewesen war und für den Männer-Turnverein Gifhorn startete. Er verstarb 1993 in Kiel, wo er als Pensionär die letzten Jahre seines Lebens wohnte. Hier war er sicher mit Dr. Karl Feige bekannt, welcher nach dem oben erwähnten Hans Ebert ab 1937 in Jena die Funktion des Institutsdirektors übertragen bekam. Nach 1945 war er langjähriger Institutsdirektor in Kiel, was aber eine andere Geschichte ist.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Aus dem Fotoarchiv Kremer stammt dieses Foto von 1935; Fritz Müller (2.v.l.) mit der Staffel des 1. SV Jena.

In: Thüringische Landeszeitung vom 29. Juni 2019

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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