Zur Geschichte der Jenaer Turnvereine Teil 10
Erfolgreiche Turner kamen aus Wenigenjena

Der Turnverein Wenigenjena hatte in Gegensatz zu einem klassischen Turnverein Sportarten, wie Hockey und Leichtathletik in seinem Angebot, die eigentlich zu einem Sportverein gehörten. Dazu muss man wissen, dass es bis Mitte der 1930er Jahre teilweise eine sehr strenge Trennung zwischen den Vereinen der „Deutschen Turnerschaft“ und den Vereinen anderer Dachverbände, so wie dem „Deutschen Fußballbund“ oder der „Deutschen Sportbehörde für Athletik“, die für die Leichtathletik zuständig war, gab. Dies resultiert aus der historischen Entwicklung des Turnens und des Sports in Deutschland. Bis in die 1870er Jahre gab es in Deutschland eigentlich nur Turnvereine, die sich 1868 in Weimar zur „Deutschen Turnerschaft“ als Dachverband zusammengeschlossen hatten. Erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden Clubs oder Vereine in verschiedenen, vor allem aus „England“ übernommen Sportarten, wie Fußball, Rudern, Radsport, Leichtathletik und Tennis um nur einige zu nennen. Diese schlossen sich in eigenständigen Verbänden zusammen. Da die Turner das Wettkämpfe um Medaillen und Preise lange ablehnten, gingen viele Jugendliche zu den Sportvereinen. Das führte wiederum dazu, dass sich die Turnvereine für die Leichtathletik und Spielsportarten öffneten und teilweise zweigleisig auch in solchen Verbänden aktiv waren. So hatte der Turnverein Jena vor dem I. Weltkrieg eine Fußballmannschaft als Spielabteilung, die sich am Punktspielbetrieb des „ Verbandes Mitteldeutschen Ballspielvereine“ beteiligte. Um 1920 gab es sogar bewusste Versuche auf örtlicher Ebene, so auch in Jena, gemeinsame Sport- und Spielfeste der Turn- und der Sportvereine zu entwickeln. Dies wurde dann 1923 mit der „reinlichen Scheidung“ unterbunden, durch die die „Deutsche Turnerschaft“ ihre Mitgliedsvereine zwang, sich zu entscheiden, ob sie bei den Turnern oder bei den Sportverbänden organisiert sein wollten. Dies betraf vor allem die Leichtathleten und Fußballer. Für diese gab es dann bei den Turnern teilweise eigene Meisterschaften. Aber auch im Schwimmen führte die „Deutsche Turnerschaft“ eigene Deutsche Meisterschaften durch. Erst durch die „Gleichschaltung“ des Sports unter den Nationalsozialisten nach 1933 wurde diese Zweigleisigkeit weitestgehend aufgehoben.
Zum 55. Stiftungsfest des Turnvereins Wenigenjena (TVW) 1940 konnte Vereinsführer Röschlau berichten, dass zwei Schüler-, zwei Frauen- und zwei Männerturnabteilungen bestünden, außerdem Abteilungen für Leichtathletik, Handball, Fußball, Faustball und Hockey. Der Vereinsführer dankte besonders den Männern vom Fußball und Hockey für ihre guten Leistungen unter dem Abteilungsführer Georg Reng. Als besonders erfolgreiche Leichtathletinnen wurden im Fünfkampf die Studentinnen Hedwig Greiner, im Dreikampf Irene Luther und im Vierkampf Sieghild v. Wedel genannt. Im Handball spielten die Wenigenjenaer mit dem Turnverein 1859 in der obersten Spielklasse des Gaus Thüringen. Die erfolgreichste Abteilung war die Hockeyabteilung. Wir berichteten schon über die Freundschaftsspiele mit englischen Mannschaften. 1943 wurde der TVW sogar bei den Männern dritter bei den Deutschen Hockeymeisterschaften.
Grundlage für die sehr „breite“ Aufstellung des TVW war u. a., dass er mit einem eigenen Sportplatz und der Turnhalle in der Ostschule über gute materielle Voraussetzungen verfügte. Eines der wenigen noch lebenden Mitglieder aus dieser Zeit, Heinz Schwarz, erzählte, dass der TVW bis Mitte der 1930er Jahre einen Turnplatz hinter der Schillerkirche in Richtung Ostschule hatte. Dieses städtische Grundstück musste dann für Wohnungsbauzwecke aufgeben werden. Für den 1937 erfolgten Umzug auf den Sportplatz am Jenzigweg, den heute vor allem der SV Thüringen nutzt, waren umfangreiche Bauarbeiten nötig, die der Turnverein weitestgehend in Eigenleistung erbrachte.
Heinz Schwarz war, wie bereits umfangreich berichtet schon als Schüler Mitglied im Turnverein Weigenjena geworden. Anfänglich versuchte er sich in verschiedenen Sportarten bis er als 13jähriger beim Hockey blieb. Er gehörte zu den Hockeyjunioren, die 1938 und 1939 eine Spitzenposition in der Region einnahmen. Diese Mannschaft hatte dann, wie berichtet 1939 eine mehrtägige Fahrt nach England unternommen, wo sie gegen verschiedene Schul- und Studentenmannschaften spielte.
Auf Grund einer Sportverletzung wurde Heinz Schwarz zu Kriegsbeginn nicht gleich eingezogen und konnte bei der Firma Schietrumpf in seinem erlernten Beruf als Werkzeugmacher arbeiten. Nach dem Einsatz im Reichsarbeitsdienst bei Wiehe wurde er 1940 zur Luftwaffe nach Altenburg eingezogen und beim flugtechnischen Personal eingesetzt. 1945 kam er bei Mauthausen in amerikanische Gefangenschaft, wurde aber an die Rote Armee übergeben und per Zug und Schiff über Odessa weit in den Osten transportiert, wo er eine Fabrik mit aufbaute, in der er dann bis 1947 als Fräser arbeitete.
Nach einer schweren Krankheit und Aufenthalt im Lazarett in Nowosibirsk wurde er in die Heimat entlassen. In Jena angekommen bekam er Arbeit bei Zeiss als technischer Zeichner, was er neben seiner Berufsausbildung schon erlernt hatte. Erst Versuche wieder mit alten Hockeyfreunden zu spielen scheiterten an fehlender Kondition. Bald schon gehörte er aber zur Männermannschaft, in der auch einige ehemalige Sportfreunde waren und die sich nach Bildung der Betriebssportgemeinschaften (BSGn) unter BSG Chemie firmierten. Zu den Hauptakteuren gehörte der oben schon erwähnte Georg Reng. Die Hockeyspieler von Chemie pflegten unter Rengs Leitung ganz gewusst die alten Traditionen des TVW. So wurden zu Jubiläen spezielle Urkunden ausgegeben oder auch Preise und Wimpel übergeben. Heinz Schwarz erhielt 1959 z. B. eine Ehrentafel für seine 25jährige Zugehörigkeit zur Hockeyabteilung.
Dr. H. Kremer
Fotonachweis: Von der Familie Otte stammt dieses Foto vom Arbeitseinsatz von Wenigenjenaer Turnern beim Bau des neuen Sportplatzes.

In: Thüringische Landeszeitung vom 13. Februar 2019 Nr. 624

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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