„Fast alle Tage turne ich eine Stunde“
Ernst Haeckel als Turner und Sportler

In der sehenswerten Ausstellung zum 100. Todestag von Ernst Haeckel im Stadtmuseum findet man in einigen Nebensätzen auch Bezüge zum Turnen und zum Sport. Interessanter Weise hat sich bis heute wohl noch Niemand ausgiebig mit diesem Thema beschäftigt, obwohl zwei renommierte Haeckel-Biografen in ihrer Vita starke eigene Bezüge zum Sport haben. Prof. Dr. Uwe Hoßfeld als USV Mitglied, Schwimmer und „Sportstudent“ und Prof. Dr. Georg Uschmann als Ruderer, Lehrbeauftragter für Rudern und Absolvent des Instituts für Leibesübungen in Jena. Die Biografie des Letzteren wird in einem späteren Beitrag noch mal genauer vorgestellt, da er keinen eigenen Eintrag im Lexikon der Stadtgeschichte bekam, obwohl er wohl der einzige Jenaer Wissenschaftler bisher gewesen ist, der Direktor des Archivs der Leopoldina (von 1967 – 1986) war. Nach ihm ist heute sogar der Preis für Wissenschaftsgeschichte der Leopoldina benannt.
Jetzt zu Haeckels „Sportbiografie“: In seiner Studentenzeit stand Ernst Haeckel der damals im Aufschwung befindlichen Turnbewegung wohl eher kritisch gegenüber, wie ein Gedicht aus seiner Hand belegt, in dem er sich u. a. zu „Extremsportlern“ wie Meeresschwimmer, Gletschergänger, Alpensteiger, Felsenspringer, Waldeswanderer, Wellenzwinger kritisch äußerte.
Trotzdem war er schon als Student bei längeren Wanderungen und alpinen Abenteuern mit Kommilitonen, aus heutiger Sicht sportlich unterwegs. Das Wandern und Bergsteigen hat er dann auch bei seinen Expeditionen intensiv praktiziert. Eine Mitgliedschaft in der Jenaer Sektion des Alpenvereins spricht ebenfalls dafür, wenn auch nicht belegt ist, ob er bei deren Wanderungen selber anwesend war. Es war für ihn körperlich aber überhaupt kein Problem vom nächstgelegenen Eisenbahnhof in Apolda, Jena wurde erst 1874 an das Eisenbahnnetz angeschlossen, bis Jena zu wandern. Auch Wanderungen in der Umgebung, über die er immer wieder schwärmte, gehören zu seiner Biografie. Himmelfahrt 1861 unternahm Haeckel eine Wanderung über die mittlere Horizontale, die er selber als schönsten Ausflug bezeichnete, den er bisher gemacht habe.
Wer ihn genau zum Turnen „überredet“ hat, ist nicht bekannt, es könnte aber der Linguist Prof. Dr. August Schleicher gewesen sein, mit dem ihn eine enge Freundschaft verband. Dieser gilt als Gründungsvorsitzender des „Akademischen Turnvereins Jena“ im Jahre 1859. Dieser Turnverein, der sich 1863 mit dem von Volkmar Stoy gegründeten „bürgerlichen“ Turnverein vereinigte, erfreute sich großer Beliebtheit. Ein Zufallsfund von Patric Genter vom Heimatverein Weitenung / Bühl in Baden belegt dies nachdrücklich. Dort wurde ein Telegramm an Prof. Schleicher aus dem Jahre 1862 ausfindig gemacht, in dem ein Andreas Ziegler Schreinergeselle von Standenbühl im Königreich Bayern darum bittet „..sofort vom Turnverein aufgenommen zu werden…“ Zu den Hintergründen dieses Telegramms sind noch weitere Archivforschungen nötig.
Zurück zu Ernst Haeckel: In der Literatur findet man, dass er 1860 am Turnfest in Coburg teilgenommen habe. Aus dem Jahre 1861 gibt es einige schöne Briefstellen an seine spätere Frau Anna zum Turnverein: „Eine Reihe von Bekanntschaften habe ich gemacht, indem ich dem Professoren-Turnverein beigetreten bin...Ich habe bis jetzt bloß das Verdienst der größten Länge, weshalb ich an der Spitze der zweiten Abteilung stehe, und damit zusammenhängend das Verdienst, am höchsten Springen zu können. Meine schwachen Armmuskeln hoffe ich ordentlich zu stärken, da hierauf das meiste Gewicht gelegt wird…“, und in einem anderen Brief heißt es: „Fast alle Tage, wenigsten einen Tag um den anderen turne ich eine Stunde. 2 x wöchentlich mit anderen Turnern des Turnvereins der Professoren..., die anderen Tage turne ich privatim mit einem Dr. Wächter, Assistent an der Medizinischen Klinik…Mit großem Vergnügen betreibe ich noch privatissime die Freiübungen ohne Turngerät, in den Prof. Schleicher vortrefflich unterrichtet. Eine 2. Wohltat und ein noch größeres Vergnügen bereite ich meinem Kadaver durch die täglichen Schwimmübungen in der Saale, welche ich am letzten Mai begonnen und seitdem täglich fortgesetzt habe.“
1863 ging er sogar für den Jenaer Turnverein beim III. Turnfest in Leipzig im Weitsprung an den Start und gewann einen Preis für seinen sechs Meter-Sprung. Außer ihm beteiligten sich Prof. Hermann Schäffer, Prof. August Schleicher, Dr. phil. Hermann Sy und Dr. jur. Emil Zerbst. In der Delegation des Jenaischen Turnvereins sind außerdem 26 Studenten, etwa Zweidrittel der Gruppe.
Da er dem Wandern immer sehr aufgeschlossen war und die Kernberge immer wieder von ihm häufig mit Gästen aufgesucht wurden, verwundert es nicht, dass man ihn unter den Spendern der 1900 gegründeten „Kernberg-Gesellschaft“ findet. Für den geplanten Aussichtsturm auf den Kernbergen findet man ihn in der Spenderliste von 1907 mit 10 „Goldmark“.
Ob es die Kernberggesellschaft war, die eine Haeckelbank auf den Kernbergen aufstellte, ist bisher noch offen. Auf jeden Fall gab es 1919 eine solche Bank mit seinem Namen, denn sein Sohn beschreibt zum Tod von Ernst Haeckel, dass er am Vortag des Todes des Vaters „..am Freitag, dem 8. August, brachte ich ihm von einem Spaziergang auf den Kernbergen von der Ernst-Haeckel-Bank einen Strauß Feldblumen mit, die er alle noch bei klaren Sinnen klassifizierte.“ Der Standort dieser Bank ist noch offen, da die gegenwärtig als Haeckelbank bezeichnete 1938 vom Thüringer Waldverein zu Ehren des 25. Todestages von Constantin Helmrich errichtet wurde.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Patric Genter vom Heimatverein Weitenung schickte uns eine Kopie des Telegramms von 1862 an Prof. Schleicher, hier die Vorderseite.

In: Thüringische Landeszeitung vom 15. Mai 2019 Nr. 638

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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