Jenaer Segelfluggeschichte
Erster Start schon vor 78 Jahren

Wie kürzlich im MDR berichtet wurde, soll vor 60 Jahren der erste Segelflug auf dem heutigen Verkehrslandeplatz Jena-Schöngleina stattgefunden haben. Dies trifft für die „DDR-Zeit“ sicher zu, ist aber aus flugsport-historischer Sicht nicht ganz korrekt. Bereits 1939, also vor 80 Jahren wurde erstmals offiziell das Gelände des heutigen Flugplatzes als geeignet für die Ausbildung von Segelflugschülern ins Gespräch gebracht. Anfangs allerdings nur als Austauschfläche für ein Gelände unterhalb der Lobdeburg, welches der Zeiss-Stiftung gehörte. Der damalige Direktor des Instituts für Leibesübungen, dem Vorläufer des heutigen Instituts für Sportwissenschaft, Dr. Karl Feige, schrieb an den thüringischen Volksbildungsminister, dass es bisher noch nicht gelungen sei ein dauerhaft geeignetes Gelände für die Abteilung Luftfahrt seines Instituts zu finden. Flugversuche gab es bis dahin von Studierenden auf den Kernbergen, am Riechheimer Berg, auf dem Cospoth, bei Rödigen usw., die aber nur mit hohem organisatorischem Aufwand und dann meist nach Ende der Heuernte genutzt werden konnten. In einer Denkschrift von Feige ist dann zu lesen, dass die Uni Jena aus Reichsmitteln umfangreiche Unterstützung erhielt und weiter erhalten soll, um ein Gemeinschaftslager für die Hochschulen Jena, Halle und Leipzig sowie die „Nationalpolitischen Erziehungsanstalten“ Naumburg und Schulpforta zu schaffen. Das Institut besaß inzwischen 10 Motor- und Segelflugzeuge, umfangreiches Zubehör und zwei Mitarbeiter. In den bisherigen Lehrgängen u. a. auf den Kernbergen wurden 5834 Starts durchgeführt und 131 Prüfungen verschiedener Kategorien abgelegt. Die Gesamtteilnehmerzahl in der Ausbildung betrug 1938/39 insgesamt 92. Dazu kamen noch flugwissenschaftliche Untersuchungen zu Themen wie: Die Ermittlung der Strömungsverhältnisse im Jenaer Talkessel; Strahlungsmessungen im Motorflugzeug; Einwirkung kurz dauernder Höhenflüge auf das Blutbild usw.. Weiter heißt es wörtlich: „Der Herr Reichsminister macht nicht nur den weiteren Ausbau der Abteilung Luftfahrt und die Weiterbewilligung der laufenden Mittel, sondern überdies auch die weitere Existenz der Abteilung Luftfahrt von der Beschaffung eines Geländes abhängig, das die Durchführung aller obengenannten flugwissenschaftlichen und flugpraktischen Aufgaben gestattet. Außerdem stellen die idealen landschaftlichen Vorbedingungen Jenas eine moralische Verpflichtung dar, diese günstigen Voraussetzungen auszunutzen, Jena dadurch zu einer in Deutschland vorbildlichen Luftfahrt-Universität auszubauen…“
Obwohl die Entwicklung von Nachwuchskadern für die Luftwaffe, kurz vor Beginn des II. Weltkrieges im „III. Reich“ höchste Priorität besaß, gab es in der Folge ein Kompetenzgerangel zwischen dem Ministerium für Luftfahrt, dem für die Uni zuständigem Ministerium für Volksbildung, dem Landwirtschaftsministerium usw., wobei sich am Ende herausstellte, dass die Fläche unterhalb der Lobdeburg schon damals für einen Krankenhausbau vorgesehen war. Feige scheint dann auf Anraten seiner Luftfahrtabteilung Schöngleina als geeignetes Gelände akzeptiert zu haben, obwohl es von Jena weiter entfernt war. Ende 1940 trafen sich dann bei Schöngleina der thüringische Ministerialrat Friedrich Stier, der Uni-Rektor Prof. Dr. Karl Astel, Oberregierungsrat Helbig vom Reichsluftfahrtministerium, Studienassessor Franz Henning von der Abt. Luftfahrt und der Assistent Dr. Joachim Benecke als amtierender Institutsdirektor. Das Gelände wurde vor Ort besichtigt und die Kaufsumme in Höhe von 75.000, - RM bestätigt. Sie wurde vom Land Thüringen, der Uni und der Zeiss Stiftung aufgebracht. Der Bau von zwei Flugzeughallen wird beschlossen. Der Landrat von Jena bekam umgehend den Auftrag den Aufbau der zwei Flugzeughallen in Schöngleina durch Bereitstellung von Kontingentscheinen für Zement, Holz und Eisen zu unterstützen. Dabei sollte ein späterer Bau einer Werft bzw. Reparaturhalle berücksichtigt werden. Am 15. Mai 1941 war der Ausbau des Flugplatzes Schöngleina soweit hergerichtet, dass die volle Ausbildung der Studierenden beginnen konnte. Dazu waren die Start- und Landeflächen eingeebnet, die zwei Flughallen und eine Baracke für die Meteorologie und eine Zufahrtsstraße errichtet worden. In Schöngleina wurde ein Haus (Nr. 77) angemietet, welches als Unterkunft für die Lehrgangsteilnehmer dienen sollte.
Wer dann den ersten Flug ausgeführt hat, ist nicht überliefert, bzw. sind entsprechende Flugtagebücher noch nicht gefunden würden. Der letzte noch lebende Fluglehrer Karl Geisbe, der 2012 im Alter von 101 Jahren verstarb, konnte sich daran nicht mehr erinnern. Auch die im vergangenen Jahr verstorbene Hedwig Rentzsch, eine der wenigen Frauen, die außer der Sportlehrerausbildung in Jena auch eine Ausbildung als Fluglehrerin absolvierte, hat sich zu den ersten Flügen in Schöngleina nicht erinnern können. Dr. Paul Dern, der als Jugendlicher bei Gera eine Segelflugausbildung erhielt und 1943 seinen Flugschein ablegte, kann sich heute nur noch an Flüge bei Rockau erinnern. Auf dem Flugplatz Schöngleina ist er selber weder gestartet noch gelandet. Ein überliefertes Foto von 1941 zeigt den Rektor Prof. Dr. Karl Astel, berüchtigt auch als „Rasseastel“ beim Start zu einem Segelflug in Schöngleina. Da er ausgebildeter Sportlehrer und Segelflieger war, liegt die Vermutung nahe, dass ihm die Ehre des ersten offiziellen Fluges in Schöngleina zustand.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Von Hedwig Rentzsch stammt dieses Foto des Rektors auf einem „Schulgleiter“ kurz vor dem Start in Schöngleina.

In: Thüringische Landeszeitung vom 7. August 2019 Nr. 649

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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