Jenaer Sporthistorie
Flugsportgruppen in Jena

Im Zusammenhang mit dem 60. Jubiläum des Verkehrslandeplatzes Jena-Schöngleina hatten wir uns schon einmal mit der Geschichte des Segelflugsports in Jena beschäftigt. Dazu gab es eine Vielzahl von Ergänzungen und Hinweisen u. a. von Prof. Dr. Riebel, der als Sportstudent eine Examensarbeit über den Sport im Carl-Zeiss-Werk in der Zeit des Faschismus geschrieben hatte, wo auch der Segelflugsport eine nicht unwichtige Rolle spielte. Dr. Paul Dern brachte uns zusätzlich ein in Jena kaum bekanntes Buch „100 Jahre Luftfahrt und Luftsportgeschichte Geras und seiner Umgebung…“. Aus beiden Arbeiten ergeben sich einige Kapitel zu Jenas Sporthistorie, die bisher nur „Insidern“ bekannt waren.

Bekannt war, dass im Herbst 1924 bei der „Ernst-Abbe-Jugend“ begonnen wurde, selber ein Segelflugzeug zu bauen. Die „Ernst-Abbe-Jugend“ ist aus dem „Lehrlings- und Gehilfenverein e. V.“ hervorgegangen der um 1910 gegründet wurde. Hintergrund war das soziale Engagement der beiden Jenaer Großbetriebe Zeiss und Schott über die Zeiss-Stiftung, für die bei ihnen beschäftigten Jugendlichen. Dabei spielte sicher auch eine Rolle, dass man einerseits das Feld der Jugendarbeit nicht den Arbeiterparteien und deren Jugendorganisationen überlassen wollte, andererseits aber auch für die Jugendlichen in den eigenen Betrieben (Zeiss und Schott) kulturelle, sportliche und andere Freizeitangebote entwickeln wollte. Der erste Versuch dies auf sportlichem Gebiet zu sichern könnte man in der Gründung des Fußballklubs Carl Zeiss 1903 ansehen. Dieser Verein war anfangs nur für Werksangehörige, vorwiegend Jugendliche gedacht. Schon nach einem Jahr öffnete er sich aber auch verstärkt Erwachsenen und allen Bürgern der Stadt. Inhaltlich fühlte er sich „nur“ für sportliche Belange zuständig. Die „Ernst-Abbe-Jugend“ entwickelte sich dagegen zu einem breit aufgestellten Kultur-, Sport- und Sozialverein, der z. B. auch mit Fußballmannschaften im Punktspiel des Mitteldeutschen Verbandes für Ballspielvereine in Erscheinung trat. Er organsierte gemeinsame Ausfahrten und Kulturbildungsarbeit. Die „Ernst-Abbe-Jugend“ hatte ein „Abbe-Heim“ am Fröbelstieg und eigene selbstgebaute Boote. Der Verein erhielt starke finanzielle Hilfe von der „Zeiss-Stiftung“.
Ein Großflugtag auf den Kunitzer Wiesen beeindruckte die Jugendlichen dieses Vereins so, dass sie selber ein Flugzeug bauen wollten. Erst als Motor-Doppeldecker geplant, sollte es dann ein Segelflugzeug mit einer Spannweite von 10 Meter werden. Die Fertigstellung erfolgte 1926. Das Flugzeug taucht auf Fotos mit dem Namen „Ernst Abbe“ auf.

Das Engagement von der Firma Zeiss im Flugsport, nicht nur in der eigenen Jugendorganisation, war nicht ganz uneigennützig, konnten doch dadurch Kontakte zur Luftfahrtindustrie und zum Militär hergestellt werden und eigene Produkte für die zivile und später militärische Luftfahrt ins Gespräch gebracht werden

Weitere Segelflugaktivitäten in Jena entwickelte der „Deutsche Luftfahrt-Verband“ (DLV), der in Jena eine eigene Ortsgruppe hatte. Im Frühjahr 1928 gründete der DLV die „Segelfliegerschule Jena“ mit der Geschäftsadresse Johannisstraße 3. Geflogen wurde auf den Geländen am Cospeda und am Windknollen. Eine Flugzeughalle wurde im Herbst 1928 bei Cospeda eingeweiht, die 5867,85 Reichsmarkt gekostet hatte. Da dies die Möglichkeiten der Segelflugschule überstieg, stellte man beim Stadtrat Jenas einen Antrag auf Zuschüsse. Dieser wurde aber abgelehnt.

Als dritte eigenständige Fliegergruppe in Jena muss man noch die Ortsgruppe „Sturmvogel“ des „Flugverbandes der Werktätigen e. V.“ nennen. Dieser Verband war eine Antwort der fluginteressierten Arbeitersportler auf die vorwiegend bürgerlich orientierte Vereinspolitik der übrigen, sich in Deutschland entwickelnden Flugsportvereinigungen, die häufig durch ihre Satzungen und vor allem ihre Mitgliedsbeiträge Arbeiter von vornherein ausgrenzten. Eine solche Gruppe (Sturmvogel) wurde im Herbst 1929 von den Arbeitslosen Zeunert, Liebeskind und Förste in Jena gegründet. Sie hatten bereits vorher schon bei existierenden Sturmvogelgruppen, z. B. in Weimar und Gera, mitgearbeitet. Mit der Gründung einer eigenen Sturmvogelgruppe in Jena wollten sie besonders den Segelflug unter den Arbeitern fördern. Otto Zeunert wurde Vorsitzender der Ortsgruppe. Zu diesem Zeitpunkt bestanden im Gau Thüringen neben Gera, Zeitz und Weimar weitere „Sturmvogel-Gruppen“ in Erfurt, Schmiedefeld, Schleusingen, Pößneck und Sangerhausen.

Im Spätsommer 1931 startete die Jenaer Ortsgruppe des Sturmvogels am Cospoth, einem Gelände, welches die Firma Carl Zeiss zur Verfügung gestellt hatte, mit ihrem ersten Segelflugzeug, einer „Kassel-20“. Die längste Flugzeit erreichte Karl Liebeskind mit 1 1/2 Stunden. Während die „Kassel 20“ ein gekauftes Segelflugzeug war, bauten sich die Sturmvogel-Gruppe einen Schulgleiters vom Typ „Schleicher - Anfänger“ selber. Am 13. September 1931 fand auf dem Jenaer Marktplatz die feierliche Weihe dieser beiden Flugzeuge statt. Dass gebaute Schulflugzeug taufte Oberbürgermeister Dr. Elsner auf den Namen „Stadt Jena“. In seinem Geleitwort bemerkte der Oberbürgermeister, „…daß die Segelfliegerei dazu angetan sei, den Gemeinschaftssinn zu fördern und die Jugend zu Mut und Beherrschung zu erziehen“, kann man im Jenaer Volksblatt lesen. Unter den Gästen war auch der Personalleiter der Firma Carl Zeiss, Dr. Schomerus.

Ostern 1932 fand in Jena das „1. Mitteldeutsche Jungfliegertreffen des Sturmvogel“ statt. Es gab Segelflug- und Modellflug-Veranstaltungen. Die Jenaer Gruppe wurde als beste Ortsgruppe ausgezeichnet. Mit Schreiben vom 16.12. 1931 wurde der Sturmvogel Ortsgruppe Jena seitens der Stadt Jena die Nutzung eines Geländes auf den Kernbergen genehmigt. „Die beiden Osterfeiertage am 27./28. März 1932 sahen die Kameraden der Ortsgruppe Gera des „Sturmvogel“ neben anderen Gruppenmitgliedern des Gaues Thüringen zu einem Wettkampf im Modell- und Segelflug in Jena vereint. Den absoluten Höhepunkt im Vergleichsfliegen der Segelflieger bilden die Flüge der Jenaer Kameraden mit ihrer „Kassel-20“. Mit ihr zeigten die Piloten Karl Liebeskind und Otto Zeunert vollendete Flüge von längerer Dauer am Hang, die alle beeindruckten. Für sein vorzügliches Flugmodell und die damit gezeigten Leistungen wurde dem Jungflieger Willy Streicher aus Zeitz der erste Preis im Wettbewerb zuerkannt, kann man im Buch von Rudi Seiler über den Geraer Flugsport lesen.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurden auch im Flugsport zeitnah alle Arbeiterflugsportgruppen verboten und die Flugzeuge beschlagnahmt. Bis 1936 erfolgte dann die Gleichschaltung aller übrigen Flugsportvereine und die teilweise freiwillige Einordnung in den Nationalsozialistischen Fliegerchor, was aber eine andere Geschichte ist.

Dr. H. Kremer

Bildunterschrift: Aus der Sammlung von Manfred Krieg stammt dieses Foto von 1935. Man erkennt das Segelflugzeug „Ernst Abbe“, umstanden von Jugendlichen in paramilitärischer Kleidung, vermutlich der „Hitler-Jugend“.

Autor:

Hans-Georg Kremer aus Jena

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