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Fußballhistorie bei der Uni Jena

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Drei Tore mit dem Kopf

Im Frühjahr 1982 schloss die Leitung der Friedrich-Schiller-Universität einen Freundschaftsvertrag mit der Universität Kent (England) ab. Nach bisherigem Kenntnisstand waren laut Vertrag, sowohl auf kulturellem als auch auf sportlichem Gebiet Begegnungen zwischen Studierenden der beiden Unis vorgesehen. Es dauerte bis zum März 1989, dass eine Studenten-Fußballauswahl der Universität Kent-Canterbury mehrere Tage in Jena weilte. Sie absolvierte zwei Fußballsiele. Das erste gegen eine Jenaer Studentenauswahl, geführt vom Trainer Wilhelm Tell. Hier gewannen die Jenaer. Neben einem umfangreichen Besichtigungsprogramm und mehreren Gesprächsrunden fand dann noch ein weiteres Spiel gegen die Uni-Lehrkräfteauswahl statt. Der Jenaer Mannschaftführer Gerd Friedrich konnte am Ende nur eine 0:3 Niederlage konstatieren. Alle drei Tore wurden per Kopfball erzielt, erinnert er sich noch heute.
Organisierter Fußball wird an der Uni seit der Gründung des Vereins für Bewegungsspiele Jena (VfB, heute USV) im Jahre 1911 gespielt, womit die Fußballabteilung von Wilhelm Tell auf eine 105jährige Tradition zurückblicken kann. Neben dem FK Carl Zeiss und der Spielvereinigung 1908 war der VfB der dritte leistungsstarke fußballspielende Verein in Jena. Das erste dokumentierte Fußballauswärtsspiel ist für den 9. Juni 1912 belegt, als die akademische Fußballmannschaft des VfB Jena in Göttingen im Rahmen der Vorrunde um die deutsche Hochschulmeisterschaft antrat und 3:0 verlor. In der Göttinger Mannschaft waren Spieler von Hannover 96, Eintracht Brauschweig, Germania Oldenburg und dem FC Haarlem. Von der Jenaer Mannschaft wurden in einem Zeitungsartikel besonders der linke Verteidiger Scharfing und der Mittelläufer Maack hervorgehoben. Die Fußballabteilung des VfB spielte damals mit drei Mannschaften im Punktspielbetrieb und hatte noch eine vierte Mannschaft, die nur bei „Gesellschaftsspiele“ antrat. 1921 findet man ein Fußballspiel gegen die Uni Erlangen, und 1935 fand die Endrunde der Deutschen Hochschulmeisterschaft im Fußball in Jena statt, allerdings ohne Jenaer Beteiligung.
Nach dem Krieg gehörte Fußball zu den ersten Sportarten, die von Studenten wieder betrieben wurden. Bereits 1946 trainierte eine Mannschaft unter dem „Dach“ des Studentenrats. 1947 war dieses Team anlässlich der 75 Jahrfeier der Musikhochschule Weimar zu einem Sportfest und schlug die Weimarer mit 5:1. Bei der Gründung der Hochschulsportgemeinschaft 1949 gehörte Fußball zu den Gründungsabteilungen. Das wohl „Aufsehen erregendste“ Spiel dieser Zeit fand am 9. November 1949, einem Monat nach der Gründung der DDR gegen eine Mannschaft der BRD statt. Dieses ist wohl in der Fußballgeschichte das erste „deutsch-deutsche“ Spiel überhaupt. Im Rahmen einer Tagung des Weltjugendverbandes trafen die Uni Jena und die Uni Göttingen aufeinander. Vor 2500 Zuschauern gewannen die Göttinger mit 2:1. Dieses Spiel wurde in der FDJ-Zeitung „FORUM“ umfangreich kommentiert. So konnte man dazu lesen, dass in der Mannschaft der Göttinger mehrere Oberligaspieler dabei waren und dass die Gäste die Gelegenheit hatten, „Ausschnitte aus dem Leben in der Deutschen Demokratischen Republik mit eigenen Augen zu sehen. Sie besichtigten mit großem Interesse den volkseigenen Betrieb Schott, in dem das bekannte Jenaer Glas hergestellt wird, und sahen, dass Schott, ebenso wie das Zeisswerk, längst wieder in drei Schichten auf vollen Touren arbeitet. Abends fand eine offizielle Begrüßung durch die Spitzen der Stadt- und Landkreisverwaltung sowie einen Vertreter des Thüringischen Volksbildungsministeriums statt. Hierbei sprach der Direktor des Göttinger Instituts für Leibesübungen, Herr Dr. Henze, in anerkennenden Worten über das Gesehene...Anschließend waren die Göttinger Kommilitonen noch Gäste einer FDJ-Veranstaltung in der Mensa und erhielten hier einen Einblick in die politischen Aktivitäten der Studentenschaft im Rahmen der Freien Deutschen Jugend.“
Ab 1950 versuchte die DDR-Sportführung mit gesamtdeutschen Wettkämpfen den „Alleinvertretungsanspruch“ der BRD mit Interzonenwettkämpfen zu unterlaufen. In Jena waren 1950 Sportwettkämpfe gegen die Universität München im Fußball und Tennis geplant, wozu aber noch keine Ergebnisse gefunden wurden. Nachgewiesen ist dagegen ein Fußballspiel gegen die Uni München im Jahre 1960, an dem auch Martin Steinbach teilgenommen hatte, der sich gut an die Fahrt in die BRD erinnern kann. Die insgesamt positiven Eindrücke wurden durch das negative Spielergebnis 2:8 überlagert. Nach aktuellen Recherchen gab es dazu im Juni 1959 eine Vorgeschichte, mit sportlichen Vergleichskämpfen im Schwimmen, Handball und Fußball in Jena, an denen Studenten der Unis München, Halle und Jena teilnahmen. Die Münchner gewannen im Handball 14:10 und die Jenaer im Fußball 3:2.
Zurück zum Spiel gegen die Uni Kent, bei dem auch in verschiedenen Gesprächsrunden die Hoffnung aufkam, dass die Jenaer Unimannschaft als Gast nach England fahren könnte. Die politischen Veränderungen im Herbst 1989 hätten hier sogar eine schnelle und unbürokratische Realisierung ermöglicht. In einem Arbeitspapier zur Wiedergründung eines Instituts für Sportwissenschaft aus dem Jahre 1990 war sogar zu entnehmen, dass Mannschaftsvergleichswettkämpfe „mit unserer Partneruniversität Kent-Canterbury“ ausgebaut werden sollen.“ Die Realisierung ist aber bis heute offen.
Dr. H. Kremer
Bildunterschrift: Die Lehrkräfteauswahl vor dem Spiel gegen Kent. Hier 2.v.l. Gert Friedrich und 4.v.l. Martin Steinbach, der seit 1960 regelmäßig in der Uniauswahl mitspielte.

In: Thüringische Landeszeitung vom 16. Dezember 2016 Nr. 521

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